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Die neue Ehrlichkeit

Ehrlichkeit, Druck, Lüge [Quelle: unsplash.com, Andrew Butler]

Quelle: unsplash.com, Andrew Butler

Verdrängen war gestern: Moderne Führungskräfte sollten sich eingestehen, was sie stresst – und das Problem lösen, bevor es eskaliert. Doch gerade Topmanagern steht dabei immer wieder das eigene Ego im Weg. Eine Anleitung zum Umdenken.

Am Ende konnte Rüdiger Striemer kaum mehr schlafen. Die Angst, von der er nicht wusste, woher sie kam und gegen wen oder was sie sich richtete, war so stark geworden, dass er nachts müde im Bett lag, erst nicht einschlafen konnte und dann, wenn er es endlich geschafft hatte, pünktlich nach zwei Stunden wieder aufwachte. Mit einer Panikattacke. "Und dann bin ich erst mal eine Stunde lang in meinem Wohnzimmer im Kreis gelaufen", erinnert er sich. Irgendwann hat er vor Angst das Haus nicht mehr verlassen.

Arbeiten konnte er so nicht mehr, und leben wollte er so erst recht nicht. Striemer fuhr in eine psychiatrische Klinik im Brandenburgischen und ließ sich therapieren. Zwei Monate in einem Haus, abgelegen, im Wald, an einem See, fern ab von allem, was bisher sein Leben ausgemacht hatte.

Striemer war zu diesem Zeitpunkt Co-Vorstandschef der Adesso AG, mit mehr als 3.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 300 Millionen Euro einer der größten deutschen IT-Dienstleister. Striemers Leben war bestimmt von seinem Vorstandskalender. Termine im Halb-, manchmal gar Viertelstundentakt, ein Thema, ein Problem nach dem anderen. "So schnell kannst du gar nicht umschalten – geschweige denn, dich adäquat eindenken und einarbeiten", sagt Striemer. "Das war mir damals natürlich nicht so klar, aber im Nachhinein betrachtet hat mich das überfordert." Aus der Überforderung entwickelte sich eine Angststörung.

So offen wie Rüdiger Striemer gehen die wenigsten Führungskräfte mit den Themen Stress, Druck und Überforderung um. Dabei sind es Millionen, die darunter leiden. Mehr als jeder zweite mit Führungsverantwortung gibt in einer Umfrage an, der Stress habe in den vergangenen zehn Jahren erheblich zugenommen.

Ausgerechnet einer der großen deutschen Fußballstars der Gegenwart, Per Mertesacker, hat die Diskussion darüber neu entfacht. Einer, der bei einer der besten Mannschaften der Welt spielt – Arsenal London. Einer, der mit Deutschland 2014 Weltmeister geworden ist. Ausgerechnet der stellt sich hin und sagt im Interview mit dem "Spiegel", dass die Anspannung vor dem Spiel für ihn beinahe unerträglich sei, dass er so heftig würgen müsse, "bis mir die Augen tränen". Wenige Tage später schilderte Ex-Profi Markus Babbel im "Kicker" ganz ähnliche Erfahrungen: "Für mich war es immer das Größte, die Champions League zu gewinnen, wertvoller als eine EM oder WM. Als ich mit Bayern 1999 endlich im Finale stand, war ich an dem Tag mental völlig kaputt", sagte Babbel. Er sei froh gewesen, dass Manchester nach dem Ausgleich kurz vor Schluss auch noch den Siegtreffer erzielte. Babbel: "Beim 1:1 in der Nachspielzeit dachte ich: oh, nein! Und jetzt noch Verlängerung. Ich kann nicht mehr. Das 1:2 nur Sekunden später war fast befreiend."

Der Druck, der auf Spielern lastet, wenn Millionen von Deutschen vor den Bildschirmen zusehen oder auch (nur) 50.000 Fans im Stadion, er ist immens. So schön und selbst gewählt das Leben eines Profifußballers auch ist. Im Kleinen kann sich vermutlich niemand so frei machen von ähnlichen Erfahrungen. Die Situation, wenn die Nervosität immer schlimmer wird, wenn der Magen drückt, die Hände schwitzen, weil gleich der wichtige Kundentermin, die Präsentation, das Bewerbungsgespräch ansteht. Fast jeder kennt es. Und doch wird darüber der Mantel des Schweigens gehüllt. Je höher die Hierarchieebene, desto dicker der Mantel.

Was Deutschland darum braucht, ist eine neue Ehrlichkeit. Echte Kerle – oder natürlich auch Weibsbilder –, die nicht feige wegdrücken und verdrängen, was sie fertigmacht. Sondern das Problem mit dem Stress so behandeln, wie es sich für einen Manager und Unternehmer gehört: Problem erkennen, Ursachen analysieren, Lösungen entwickeln, Lösungen implementieren, Erfolgskontrolle. Diesen pragmatischen Fünfklang wenden Führungskräfte bewusst oder unbewusst auf alle Arten von Herausforderungen an, vom drohenden Finanzierungsengpass über das Kündigungsgespräch bis zur Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung. Nur im Umgang mit dem eigenen Stress wird dieser lösungsorientierte Ansatz allzu oft beiseitegeschoben, stattdessen regiert dann ein unwürdiger Fatalismus: "Stress gehört dazu, da kann man nichts machen, das wird schon wieder, da muss ich durch."

Dieser innere Verdrängungswettbewerb wirkt zunehmend aus der Zeit gefallen. Stattdessen bahnt sich eine neue Ehrlichkeit im Umgang mit dem Stress ihren Weg. Keine Sorge – das bedeutet nicht, dass nun jeder Manager à la Mertesacker öffentlich den eigenen Brechreiz thematisieren muss. Aber eine gewisse Fähigkeit zu Selbstreflexion und Selbstmanagement gehört heute in der Tat zum Profil einer kompletten Führungskraft. Wer 2018 in einem Bewerbungsgespräch behauptet, für ihn gäbe es keinen Stress oder er mache ihm nichts aus, der wirkt zu Recht unglaubwürdig und inkompetent. Schließlich sind die harten Hunde von heute allzu oft die armen Schweine von morgen. Ihnen drohen Burnout, Herzinfarkt, Scheidung, Alkoholismus, schlicht: das Unglück.

Mit enormen Folgekosten für den Arbeitnehmer, aber auch den Arbeitgeber. Führungskräfte sind geeicht aufs Probleme-Lösen, Pardon: aufs Herausforderungen-Bewältigen. Wer, wenn nicht sie, sollte beim Umgang mit Stress mit gutem Beispiel vorangehen? Wobei der Druck an der Spitze eines Unternehmens noch einmal ein ganz anderer, wenn auch nicht unbedingt schlimmerer ist als der, den Angestellte auf den mittleren und unteren Ebenen empfinden. Unternehmensführer stehen unter dem Stress, täglich Bestleistungen abliefern zu müssen – und das öffentlich. Jede Entscheidung, jeder Satz wird bewertet, jeder Fehler – nicht zuletzt von den Medien – geahndet. Alles, was ein Chef sagt und tut, kann entscheidend sein, nicht nur für den eigenen Erfolg, sondern für den des ganzen Unternehmens – für den Börsenkurs, den Umsatz, die Arbeitsplätze. Stress lässt sich in solchen Positionen nicht vermeiden. Die richtige Frage für Führungskräfte muss daher sein: Wie lässt sich Stress bewältigen, ohne dass er einen überwältigt?

Stärke zeigt nicht, wer seinen Stress verdrängt, sondern der, der ihn reflektiert. Es ist normal, vor wichtigen Auftritten aufgeregt zu sein. Und es ist auch normal, nach einem Zwölf- oder gar 16-Stunden-Tag müde zu sein – und einen Ausgleich dafür zu brauchen. Zur neuen Ehrlichkeit gehört die Erkenntnis: Der eigene Körper und die eigene Psyche sind für Manager und Unternehmer eine knappe Ressource, die es ebenso sorgfältig zu bewirtschaften gilt wie das im Unternehmen angesammelte Kapital oder Know-how. Und so, wie es bei Finanzierungs- oder Strategiefragen normal ist, Berater hinzuzuziehen, sollte es selbstverständlich sein, im Umgang mit Stress Psychologen, Mediziner oder Coaches um Unterstützung zu bitten. Und zwar nicht erst, wenn es zu spät ist.

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