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"Nur weil du eine Frau bist, brauchst du nicht verbissen sein"

Women-Matter-Studie McKinsey (Autor: peshkova, Quelle: Fotolia.com)

© peshkova - Fotolia.com

Claudia Nagel war viele Jahre Unternehmensberaterin bei McKinsey - und ist jetzt Chefin ihres eigenen Hardware-Start-ups. Sie findet, dass sich gut ausgebildete Frauen nicht länger vor der Verantwortung drücken sollten.

Frau Nagel, Sie wurden im Sommer unter unsere "25 Frauen, die wir bis 2025 als DAX-30-CEO sehen wollen" gewählt - was dachten Sie, als Sie davon gehört haben? Ist das ein Gedanke, mit dem sie sich anfreunden könnten, oder gar kein Thema, mit dem sie sich zurzeit beschäftigen?

Herausforderungen nehme ich immer gern an. Als ich von der Nominierung erfahren habe, war ich zunächst erfreut. Persönlich hätte ich es befürwortet, wenn eine solche Nominierung nicht nur unter Frauen gemacht wird, sondern auch dann 50 Prozent Frauen unter den Top 25 sind, wenn man unter allen Führungskräften, Frauen wie Männern, hätte wählen können. Unser Ziel ist es, mit Kiwi bis 2025 ein so großes und erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, dass wir mit den DAX30-Unternehmen mithalten können.

Wie wichtig ist Ihnen, eine Führungsrolle innezuhaben? Was verbinden Sie mit Führung, worin besteht für Sie der Reiz einer Führungsposition?

Persönlich definiere ich mich über fachliche Kompetenz und Inhalte. Ich bin kein Einzelkämpfer, sondern arbeite gern im Team. Führung ist für mich weniger eine hierarchische Position als vielmehr eine Berufung. Führung stiftet für mich Sinn, weil man aus einer Führungsrolle heraus Werte, Visionen und Ideen vermitteln und weitergeben kann und so reale Veränderungen herbeiführt.

Sie waren viele Jahre Unternehmensberaterin bei McKinsey und sind jetzt Chefin ihres eigenen Hardware-Startups - was bedeutete erfülltes Arbeiten damals bei McKinsey, und was bedeutet es heute für Sie?

Etwas zu verändern ist für mich wichtig. Ich stelle mir jeden Tag die Frage, ob das, was ich getan habe, Wert gestiftet hat, also die Situation für die Kunden, die Mitarbeiter oder das Unternehmen etwas besser ist als zuvor. Darüber hinaus liebe ich die intellektuelle Herausforderung. Ich löse gerne Probleme, bei denen komplexe vielschichte Zusammenhänge zu analysieren und zu verstehen sind. McKinsey war für mich die perfekte Symbiose von beidem: Problemlösung und Hebel zur Veränderung. Die Verantwortlichkeit für die Umsetzung ist jetzt im eigenen Unternehmen direkter spürbar. Außerdem kann ich die Zielkonflikte, die sich bei der Wertfrage immer stellen, direkter selbst für mich auflösen. Und zum Glück haben wir mit Kiwi noch zahlreiche komplexe Herausforderungen vor uns, um unseren Beitrag zur Internet-of-Things-Revolution zu leisten.

Was war der wichtigste Karrieretipp, den Sie je bekommen haben, und von wem?

Drei Tipps, die ich bekommen habe (neben vielen anderen wertvollen), die sich aber nicht nur auf die Karriere beziehen. Mein Vater: Suche dir eine Umgebung, mit der du dich nicht von vornherein gut identifizieren kannst, denn hier kannst du am meisten Veränderung bewirken. Meine Mentorin: Ziehe regelmäßig eine Bilanz der Anzahl guter und schlechter Tage, wenn es über mehrere Wochen mehr schlechte als gute sind, warte nicht länger ab, sondern verändere dein Leben aktiv! Ein ehemaliger McKinsey-Kollege und Freund: Lächele mehr und sei freundlich – nur weil du eine Frau unter einer ständigen Überzahl von Männern bist, brauchst du nicht so verbissen sein.

Was ist Ihr wichtigster Antriebsfaktor, was spornt Sie besonders an Ist es die Aussicht auf Erfolg? Anerkennung durch andere? Etwas für die Gesellschaft zu bewegen?

Ich würde gern die Welt verändern, die großen Probleme angehen – nur fühle ich mich ob der Größe dieser Aufgaben insgesamt eher machtlos. Was ich aber kann, ist, in meinem direkten Umfeld einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Mit meiner Idee zu Kiwi trage ich dazu bei, den Alltag vieler Menschen zu erleichtern.

Worauf legen Sie besonders Wert, was die Arbeitskultur in Ihrem eigenen Unternehmen angeht, wie bringen Sie sich ein, um die Atmosphäre in Ihrem Unternehmen zu prägen?

Respektvoller Umgang miteinander und eine offene Feedbackkultur sind mir wichtig. Ich versuche, das aktiv vorzuleben, denn ich bin davon überzeugt, dass man nur von anderen erwarten kann, was man selbst auch vorlebt. Und auch ich habe hier noch viel zu lernen, um meinen Ansprüchen an mich selbst gerecht zu werden.

Für unsere "25 Frauen"-Wahl gab es auch Kritik - nur weil jemand eine Frau sei, bedeute das nicht, dass sie den CEO-Posten automatisch zum Besseren ausfüllen würde - welchen Vorteil würden Sie sich davon erhoffen, dass mehr und mehr Frauen solche Führungspositionen besetzen?

Ich bin davon überzeugt, dass sich in unserer Gesellschaft viele Probleme lösen würden, wenn es für Frauen wie für Männer gleichermaßen normal wäre, eine Karriere in der freien Wirtschaft zu machen. Die Vorteile reichen von der Kindererziehung, wo es sicher vielen Familien guttun würde, wenn der Vater und die Mutter gleichermaßen präsent wären, von normaleren Arbeitszeiten, denn man denke hier nur an Schweden, wo es ganz normal ist, dass Vater und Mutter gleichhäufig die Kinder abholen und daher keine Endlos-Meetings am Abend stattfinden, bis hin zur besseren Förderung und Nutzung aller Talente, denn persönlich finde ich es eine große gesellschaftliche Verschwendung, all die gut ausgebildeten, ideenreichen, intelligenten Mütter nur, und das ist nicht despektierlich gemeint, mit Kinderbetreuung zu beschäftigen. Manchmal wundere ich mich auch darüber, dass die Forderung zum Wandel nicht stärker von den Männern kommt, denn ich empfinde eine deutlich größere Wahlfreiheit, wenn die Ernährerrolle nicht allein auf einem Paar Schultern lastet.

Sind Sie für gesetzliche Frauenquoten?

Die Frage ist aus meiner Sicht weniger eine nach der persönlichen Einstellung, sondern nach der Notwendigkeit. Ich denke, dass wir es uns wirtschaftlich nicht mehr leisten können, auf Frauen zu verzichten. Daher halte ich die Quote für richtig. Gut ausgebildete Frauen sollten ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht werden und sich nicht mehr rausreden können. Das ist jetzt bewusst überspitzt formuliert, denn natürlich muss an den Rahmenbedingungen auch noch einiges getan werden, damit das funktioniert.

Haben Sie je negative Erfahrungen in Ihrer Karriere gemacht, die Sie damit in Zusammenhang brachten, dass Sie eine Frau sind? Wie sind Sie damit umgegangen, falls ja?

Ich höre immer mal wieder den Satz von männlichen Kunden und Geschäftspartnern, die mich noch nicht kennen: 'Sie haben sicher keine Kinder, oder?'. Diesen Satz kriegen Männer wohl eher nicht zu hören.

Einen sicheren Job zu verlassen und ein eigenes Startup zu gründen, bedeutet auch Risiken. Was war für Sie seit der Gründung Ihres Unternehmens die größte Herausforderung oder Schwierigkeit, und wie sind Sie damit umgegangen?

Am schwierigsten war es, zu entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt war, meinen Job bei McKinsey aufzugeben. In der Zwischenzeit bedeutete das jede Menge Extraarbeit und eine Dreifachbelastung: Beruf, Familie und Gründung. Wir sind mit Kiwi schnell gewachsen, haben bereits mehr als 50 Mitarbeiter aus 18 Ländern und sechs Kontinenten, so dass es jetzt auch ohne meinen vorherigen Job jede Menge zu tun gibt. Familie und Gründung unter einen Hut zu bringen bleibt meine größte Herausforderung. Es braucht eine gute Organisation und einen verständigen Ehepartner, der mit anpackt.

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