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Hochbegabt und tief gestapelt

Zahnrad Arbeit Denken Idee (© Sergey Nivens - Fotolia)

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Wer besonders intelligent ist, macht im Eiltempo Karriere – falsch gedacht! Warum Blitzgescheite oft beim Aufstieg scheitern und viele ihre Gabe sogar geheim halten.

Marc Messer hat keine Scheu, über seine Hochbegabung zu sprechen. Dann wäre er auf seinem Posten als Pressesprecher des Vereins Mensa in Deutschland auch fehlbesetzt. Der gelernte Siebdrucker und studierte Politologe und Diplomkaufmann engagiert sich für die Menschen, die sich dort zusammengeschlossen haben und über überdurchschnittliche Intelligenz verfügen. Aufgenommen wird nur, wer einen IQ von mehr als 130 nachweisen kann. Man ist unter sich und muss sich und seine Intelligenz nicht erklären. Das entspannt ganz ungemein. Anders der Alltag mit durchschnittlich intelligenten Menschen. Denn da fallen Hochbegabte leicht durchs Raster der Regeln, die einzuhalten sie nicht einsehen. Provokant zitiert Messer den Spontispruch: "Sei klug, stell dich dumm." Und er ist überzeugt: 98 Prozent der Mensa-Mitglieder würden im Beruf nie sagen, dass sie in diesem Verein sind. Denn dann träfen sie auf Unverständnis und "einen gewissen Neid".

Er nennt ein Beispiel: Streikt die neue Telefonanlage, stürzt das Computerprogramm ab, werde sofort nach dem Hochbegabten gefragt. Der kann das doch bitteschön aus dem Effeff reparieren. Kann er natürlich nicht. Dann erntet er freche Kommentare nach dem Kaliber: Bist du sicher, dass du den richtigen Test gemacht hast? Du bist ja gar nicht so intelligent!

Hochbegabte müssen vor allem eines hinbekommen, wenn sie im Berufsleben bestehen wollen: Sie müssen eine ungeheure Anpassungsleistung erbringen, sonst wirkt sich ihre besondere Begabung nicht als Bereicherung, sondern als Belastung aus. All das führt dazu, dass eine berufliche Karriere keineswegs ein Selbstläufer ist. Hochbegabung korreliere zwar mit einem hohen Einkommen, nicht aber mit Erfolg im Beruf, da besteht keine Kausalität, sagt Marc Messer. Einer der Gründe: Blitzgescheiten fällt es schwer, sich an strenge Hierarchien anzupassen oder sich Chefs zu unterwerfen, die ihnen geistig unterlegen sind. So ereilte eine 40 Jahre alte Abteilungsleiterin mit Ausnahme-IQ ein Mail- und Konferenzverbot. Die Vorgeschichte: Sie hatte ihren Chef vertreten. Als der nach langem Urlaub zurückkam, wandten sich die Kollegen weiterhin an seine Stellvertreterin, die effizienter entschied. Das bedrohte den Chef, die Kollegin wurde kaltgestellt. Also führt ein Königsweg vieler Hochbegabter in die Selbständigkeit. "Dann müssen sich andere an ihre Marotten anpassen", lacht Messer.

"Ich möchte mich nicht mehr als arrogant kritisieren lassen"

Chefs können in ihrem eigenen Tempo arbeiten. So wie der Wahlmünchner Klaus. Der BWLer hat sich nach mehreren Festanstellungen in der Medienbranche selbständig gemacht. Die Geschäfte laufen gut, der Mann ist schlagfertig und kann seinen Charme anknipsen. Ein Dasein als Angestellter ist dem 47 Jahre alten gebürtigen Frankfurter mittlerweile unmöglich: "Ich erkenne Zusammenhänge schneller als andere und möchte mich dafür nicht mehr als arrogant kritisieren lassen. Vor allem will ich mich nicht mehr von Menschen herumkommandieren lassen, deren Entscheidungen ich für falsch halte." Das unternehmerische Risiko scheut er nicht. "Ich weiß gut, was ich kann und was ich nicht kann." Er macht alles selbst, ist fit in Buchhaltung, installiert in Rekordtempo benutzerunfreundliche PC-Programme und genießt es, sein eigener Herr zu sein. Ein Oberstufenlehrer seines ehemaligen Gymnasiums in Frankfurt hatte den Heavy-Metal-Fan damals zum Intelligenztest gedrängt und freute sich mit seinem flippigen Ausnahmeschüler über das gute Ergebnis. Seitdem weiß der Mehrsprachler mit seiner Ungeduld besser umzugehen, wenn er Dinge längst verstanden und durchschaut hat, die andere noch vor unüberwindbare Lösungsprobleme stellen. Nur privat beschert ihm seine hohe Auffassungsgabe manchmal Konflikte, und er wird unwirsch, beruflich hat er sein Wissen effektiv kanalisiert.

Einig sind sich beide Wirtschaftswissenschaftler, dass es wohltuend war, zu erfahren, warum sie anders ticken als Mitschüler und Kollegen, und die eigene Hochbegabung früh zu erkennen. "Das verändert die Einstellung zu sich selbst und zu anderen und gibt eine Ruhe und Gelassenheit, mit sich umzugehen. Ich bin nicht falsch oder schlechter als die anderen, ich bin anders begabt", betont Marc Messer, dem Konformität spürbar unangenehm ist. "Wenn man das weiß, dann findet man leichter zu der Haltung 'Ich bin okay, du bist okay'." Davon, sich als Superschlauer zu sehen und andere abzuwerten, warnt er ausdrücklich. Er bedauert es, dass der Umgang mit Leuten, die abweichen, vielen so schwerfällt. "Sieht man eine Familie mit einem behinderten Kind, sind viele Leute unangenehm berührt. Warum werden Leute außerhalb der Norm ausgegrenzt?" Dabei gebe es Unternehmen, die beispielsweise bewusst Autisten einstellen, "weil die extrem gut in der Fehlersuche sind und ihre Fähigkeiten optimal ausleben können".

Aber herausragende Ideen geraten in mittelmäßigen Teams unter mittelmäßiger Führung leicht zur Bedrohung. Mit hoher Denkgeschwindigkeit und großer Denktiefe können nur souveräne Menschen umgehen. Dann wird es schwierig, warnt Messer, der in der Druckindustrie ein erfolgreicher Einzelkämpfer im Vertrieb ist. "Hochbegabte arbeiten mit angezogener Handbremse, verstellen sich, um nicht als Klugscheißer abgetan zu werden. Das macht sie unauthentisch. Die Frage ist, wie viel angezogene Handbremse ist richtig und wie viel Vorpreschen?" Hier das richtige Maß zu finden sei die eigentliche Herausforderung.

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