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Lasst mich "Chief Officer" sein!

Geschäftsmann mit Fragezeichen vor dem Gesicht [© igor - Fotolia.com]

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Im Fegefeuer der Eitelkeiten: Wohlklingende Managertitel – natürlich auf Englisch – verheißen Wichtigkeit. Und sie signalisieren, dass sich Firmen dem Wandel stellen.

Schon mal was vom "Chief Listening Officer" (CLO) gehört? Ein Mitglied dieser Spezies lauscht im Firmenauftrag in sozialen Netzwerken, was sich die Kunden über Twitter, Facebook oder in Blogs so zuflüstern. Das wird gefiltert und ausgewertet. Die Wünsche und Sorgen der Kunden gibt der angestellte Chef-Zuhörer dann den Abteilungen weiter - genauso wie erhorchtes Wissen über brandneue Trends. US-Firmen wie Kodak, Dell oder Comcast hatten mit einem Chief Listening Officer als Erste ihr virtuelles Ohr am Markt.

In den USA schmücken sich Manager gern mit den skurrilsten Titeln. Jede einigermaßen gehobene Tätigkeit braucht im Fegefeuer der Eitelkeiten eine schmückende Bezeichnung, die auf Wichtigkeit deutet. Ein "Chief Happiness Officer" sorgt in diversen Start-ups im Silicon Valley für gute Laune. Und ein "Chief Visionary Officer" ist in Kreativ- und IT-Firmen zu finden.

Auch auf Visitenkarten deutscher Manager finden sich immer neue Häuptlingstitel - und am eindrucksvollsten klingen die natürlich auf Englisch. Mehr als 45 verschiedene Chief-Officer-Titel ("CxO") sind allein in Wikipedia zu finden. Die Titelinflation mag auf den ersten Blick verwundern. Sind Unternehmen nicht gerade dabei, den Wildwuchs ihrer Hierarchien zu lichten?

"Unternehmen, zähle deine CxOs auf und ich sage dir, wer du bist", konstatiert Konzernkritiker und Bestsellerautor Gunter Dueck, lange Jahre Technik-Häuptling (Chief Technology Officer) bei IBM. Für ihn sind die vielen Chief-Stellen "Feigenblätter, an denen das Unternehmen eine Blöße hat".

Viele Managementfunktionen sind nicht mehr zugeschnitten auf die heutige Geschäftswelt. Das liegt an der vierten industriellen Revolution: Sie kam ebenso schleichend wie rasant. Mit einem Oberhäuptling an der Spitze sowie einem Finanzchef, Personalchef, Produkt- oder Vertriebschef in ihren engen Revieren lassen sich die radikalen Umwälzungen der Digitalisierung kaum bewältigen. Gestandene Konzerne, die ihre Organisation nicht anpassen, können schnell ins Hintertreffen geraten gegenüber neuen agilen Stämmen wie Google.

Konzerne sind träge Kolosse. Ihr Kurs lässt sich nicht spontan ändern. Doch wenn Unternehmen einen Häuptling für Zukunftsfelder inthronisieren und ihm einen schönen Titel verleihen, setzen sie zumindest ein Signal - nach innen wie nach außen. Auch wenn ein neuer Chief Officer als schnelle Eingreiftruppe oft nur provisorischer Lückenfüller ist, bis die gesamte Organisation umgebaut ist. Die Erfahrung zeigt: Dinge klappen nur, wenn ein Verantwortlicher bestellt ist, der auch seinen Kopf hinhält.

Viele der neuen Häuptlinge brauchen ein dickes Fell. Meist haben sie nur wenige Indianer unter sich, sollen aber in die Reviere der alteingesessenen Häuptlinge eindringen. Solche internen Rivalitäten sind gewollt. Ziel ist es, alle aufzumischen.

An den neumodischen Titeln lässt sich ablesen, wie sich die Anforderungsprofile von Managern wandeln. In der Finanzkrise etwa kam der Chief Risk Officer in Mode, wie ihn auch die Deutsche Bank hat. Ungefähr zur gleichen Zeit war die Geburtsstunde des Chief Diversity Officer für Vielfalt - so, wie er beispielsweise vom Siemens-Konzern in München geführt wird.

Welche neuartigen Managerfunktionen heute in der ersten und zweiten Führungsebene gefragt sind, hat die Personalberatung Korn Ferry untersucht. Die Analyse liegt dem Handelsblatt vorab vor. Führungskräfte mit den neuen Profilen sind rar und heiß begehrt.

Der "Chief Digital Officer" koordiniert, wie Produkte und Prozesse an die Digitalisierung anzupassen sind. Er ist der Leiter des digitalen Großumbaus. Weltweit gibt es laut Berufsverband mehr als 1.000 digitale Häuptlinge, so wie bei SAP, Tui oder Media Saturn. Marktforscher Gartner erwartet, dass mittelfristig jede vierte Firma einen Chief Digital Officer installieren wird.

Der "Chief Commercial Officer" wiederum betrachtet Kunden von allen Seiten und managt aus einer Hand. Solche Querschnittsmanager zwischen Marketing, Vertrieb, Strategie und Produktentwicklung gibt es bei DHL, Air Berlin und Pro Sieben Sat 1.

Der "Chief Innovation Officer" soll Neuheiten quer durch alle Abteilungen ganzheitlich begleiten - von der Idee bis zum Vertrieb. Verbreitet ist er in Firmen im Umbruch wie der Deutschen Telekom oder dem Mischkonzern Evonik.

Der "Chief Security Officer" soll Gefahren von innen wie von außen abwehren - wie die ausufernde Cyberkriminalität. Zu finden ist der Sicherheitschef quer durch alle Branchen wie beim Rückversicherer Munich Re oder bei Kabel Deutschland.

Doch genauso schnell wie neuartige Häuptlinge aufkommen, verschwinden überkommene Titel wieder. Personalexperten sind überzeugt: In 20 Jahren wird es keine Chief Digital Officers mehr brauchen. Digital ist dann ganz normal.

Die Häuptlinge in den Unternehmen können beruhigt sein: Die Wahrscheinlichkeit, dass Chief Officers in 20 Jahren ganz oder teilweise von Computern ersetzt werden, liegt bei nur 1,5 Prozent. Das prophezeien die Forscher Carl Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford. Schon auf der mittleren Führungsebene ist das Risiko, überflüssig zu werden, mit 25 Prozent deutlich höher.

Je niedriger im Rang, umso ersetzbarer sind Arbeitskräfte. Die digitale Revolution frisst zwar ihre Indianer - nicht aber ihre "Chiefs".

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