Umgang mit Absagen: Vom Glück des Scheiterns

Autor*innen
Janina Gerhardt-Riemer und Julian Schmelmer
Eine Frau hat ein Stück Papier vor ihrem Mund auf dem ein lachendes Smiley abgebildet ist

Vier Menschen erzählen, warum vernichtende Absagen und versiebte Prüfungen im Rückblick ziemlich perfekt für sie waren.

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"Zweimal durchs Staatsexamen zu fallen, war das Beste, was mir je passiert ist"

Als ich durch das Erste Staatsexamen fiel, war ich am Boden zerstört. Hinter mir lagen acht Jahre Jurastudium, eineinhalb Jahre Lernen fürs Examen und ein Repetitorium für 2.000 Euro.

In der Examensvorbereitung ging es mir psychisch schlecht, wie etwa 90 Prozent der Studierenden. Ich hatte Angstzustände und Panikattacken in der Bibliothek, zwischen Lehrbüchern und Karteikarten. In den Vorlesungen haben unsere Dozent:innen immer wieder gesagt: "Vergesst Freunde, vergesst Freizeit. Wer das Jurastudium ernst meint, muss dafür leben." Ich habe das geglaubt. Jahrelang war ich nicht im Urlaub und verbrachte die Semesterferien am Schreibtisch, von morgens bis abends. Irgendwann wurde ich krank. Ich entwickelte eine Autoimmunerkrankung und nahm ab. Mein Körper fühlte sich an wie mein Gegner.

Trotzdem entschied ich mich nach dem ersten Scheitern, auch den Zweitversuch anzugehen. Meine Eltern konnten nicht studieren, deshalb setzte ich mich unter Druck. Also wieder eineinhalb Jahre lernen, diesmal im Lockdown. Es war eine harte Zeit. Nach den Prüfungen im Oktober 2021 hatte ich ein gutes Gefühl. Ich wartete fünf Monate auf die Ergebnisse. Dann veröffentlichte das Prüfungsamt die "Todesliste", so nannten wir die Liste mit den Prüfungsnummern. Ich saß bei meiner Mutter in der Küche und scrollte durch die Liste: wieder durchgefallen. Wir weinten beide, meine Mutter aus Mitgefühl, ich vor Erleichterung. Ich war endlich frei. Dieser Moment in der Küche war mein endgültiger Abschied von Jura.

Ein paar Tage später machte ich mir selbst ein Geschenk und buchte einen Flug nach Bali. Dort ließ ich mich im Dschungel bei Ubud zur Yogalehrerin ausbilden. Ich machte von 6 Uhr morgens bis 19 Uhr abends Yoga, meditierte und hatte kaum Handyempfang. Das hat sich angefühlt wie eine Therapie. Schon während der Examensvorbereitung hatte ich zu Hause Yoga gemacht, um mich zu entspannen. Nach einem Monat Bali flog ich zurück nach Frankfurt. Im Flugzeug fühlte ich mich erfüllt und glücklich und entschied: Dieses Gefühl will ich mit nach Hause nehmen.

Ich organisierte ein eigenes Yoga-Event, Yogi Space, weil ich fand, dass herkömmliche Yoga-Kurse bis dahin eher wie Workouts daherkamen, unpersönlich und mit zu wenig Meditation. Ich wollte etwas Spirituelleres anbieten, so wie ich es in Bali kennengelernt hatte. In meinen Kursen zündete ich Räucherstäbchen an und spielte mit Klangschalen. Selbstarbeit stand im Fokus: Wir sprachen über Selbstliebe und manifestierten unsere Wünsche und Ziele. Ich wollte einen Safe Space schaffen, der auch mir selbst half.

Befreit vom Jura-Druck konnte ich wieder kreativ sein. Ich malte mit Acrylfarben und Wachsmalstiften abstrakte Blumen und Gesichter. Als ich meine Bilder auf Instagram postete, meldeten sich Leute in meinen DMs, die sie kaufen wollten. Also malte ich weiter, machte auch Auftragsarbeiten, postete aus meinem neuen Leben auf Social Media. Das lief so gut, dass ich heute als Content-Creatorin arbeite. Der Job ist anstrengender, als viele denken, ich arbeite manchmal bis nachts. Aber ich empfinde dabei nicht mehr diesen Druck aus dem Jura-Studium, weil ich kreativ sein darf und die Arbeit mich erfüllt. Heute finde ich den Gedanken unvorstellbar, den ganzen Tag vorm Computer in einer Kanzlei zu sitzen. Zweimal durchs Staatsexamen zu fallen, war das Beste, was mir je passiert ist.

Giselle Gotesdiner-Okeke, 31, ist am juristischen Staatsexamen gescheitert und arbeitet heute als Content-Creatorin.

"Ich bekam keinen Platz fürs Medizinstudium, dafür promovierte ich später in Oxford"

Ich saß schon als Achtjährige über dem Mikroskop und betrachtete Nieren von Mäusen. Mein Opa war Allgemeinmediziner, er hat mich dafür begeistert. In der Schule wurde daraus mehr als nur Neugier. Bio und Chemie machten mir besonders viel Spaß, und in der Oberstufe war mir klar: Ich will Medizin studieren und Ärztin werden. Also bewarb ich mich über das Portal Hochschulstart an sechs Unis für Medizin. Mit einem Abiturschnitt von 1,5 suchte ich gezielt Standorte aus, die auslosen oder weniger gefragt sind, zum Beispiel Essen und Kiel. Außerdem machte ich ein Pflegepraktikum, um meine Chancen zu erhöhen, einen Monat auf der Inneren und in der Chirurgie. Ich fand den Alltag im OP spannend und mochte es, mit den Patienten zu sprechen.

Doch ich bekam nur Absagen. Ich war enttäuscht, aber mit meinem Abischnitt war das keine Überraschung. Statt Medizin studierte ich Biologie an der Uni Köln. Ich wollte raus aus meiner kleinen Heimatstadt im Ruhrgebiet, Köln war viel internationaler. Ich hatte ein gutes Studi-Leben, bin auf viele Partys gegangen. Das Studium war am Anfang hart, wir hatten Fächer wie Mathematik und anorganische Chemie. Aber ich kämpfte mich mit meiner Lerngruppe durch.

Das war nicht immer leicht. Meine Mutter war alleinerziehend und konnte mich finanziell nicht unterstützen. Ich bekam den Bafög-Höchstsatz und bewarb mich auf Stipendien. Dabei kassierte ich wieder Absagen. Bei der dritten Bewerbung klappte es endlich, ich bekam ein Sozialstipendium von der Uni Köln. Nebenbei arbeitete ich im Labor beim Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln und machte gleich weiter mit dem Master.

Das wissenschaftliche Arbeiten hat mir Spaß gemacht: Ich arbeitete gerne selbstständig im Labor, las Fachliteratur und ging auf Vorträge. Deswegen entschied ich mich, zu promovieren. Nach vielen Interviews und Einstellungstests in ganz Europa ergatterte ich einen Platz in Oxford, mit Vollstipendium. Ich war überglücklich, als ich den Anruf bekam. Ich dachte: Das verändert mein Leben. Und das hat es auch. Ich wurde Teil eines Colleges, das ist so ähnlich wie die Häuser in Hogwarts. Ich habe dort gewohnt, gegessen, bin in die Bibliothek gegangen und habe Freunde getroffen. Im Labor forschte ich zur Rolle von Proteinen in der Immunabwehr von Zellen. Das ist relevant im Kampf gegen Rheuma oder Arthritis, also war ich dann doch irgendwie wieder bei Medizin gelandet.

Nach meiner Promotion nahm mein Weg ein paar Abzweigungen, weil ich noch mal was Neues lernen wollte. Erst probierte ich es mit einer Bewerbung für das Volontariat beim WDR, flog aber in der letzten Runde raus. Stattdessen bekam ich einen Job als Unternehmensberaterin. Den Großteil des Arbeitsalltags verbrachte ich mit Excel, PowerPoint und digitalen Meetings. Mir fehlte der Bezug zu biologischen Themen. Außerdem nervte mich das Gefälle zwischen uns Beratern und den Kunden. Wenn Kunden politisch inkorrekte Sprüche machten, hatte ich das Gefühl, nichts sagen zu können. Ich hätte für einen fünfjährigen Forschungsaufenthalt an die Uni Stanford gehen können. Allerdings hätte ich dann wieder umziehen müssen, und davon hatte ich genug. Diese letzte Absage erteilte ich mir selbst. Es war richtig so. Unter Trump ist die Stimmung sehr wissenschaftsfeindlich, auch in Stanford werden Forschungsgelder gestrichen. Stattdessen ging ich zurück an die Uni Köln, diesmal nicht als Studentin, sondern als Wissenschaftlerin im Labor.

Maribel Schönewolff, 29, hat keinen Medizinstudienplatz bekommen. Heute forscht sie als promovierte Biologin an der Uni Köln.

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"Ich bin froh, bei meiner ersten Bewerbung gescheitert zu sein. So hatte ich ein Orientierungsjahr"

"Dir mangelt es an Talent." Mit diesem vernichtenden Satz werden jedes Jahr Hunderte Leute an Kunsthochschulen abgelehnt. Mich schmerzt es bis heute, an diese Worte zu denken. Aber ich bin dankbar, bei meiner ersten Bewerbung gescheitert zu sein. Nach dem Abi zog ich aus Köln nach Berlin, um zu studieren. Was, war mir eigentlich egal, nur Berlin sollte es sein. Ich schrieb mich für BWL ein, meine einzige Zusage, und hasste es sofort. Über vier Jahre schleppte ich mich durch Statistik-Seminare und Makroökonomie-Vorlesungen. Nach acht Semestern hatte ich erst die Hälfte der erforderlichen Credits zusammen. Mit 22 entschied ich, einen anderen Weg einzuschlagen und endlich den Kunstquatsch zu machen, den ich mich nach der Schule nicht getraut hatte. Ich hab ein Praktikum in einem Atelier gemacht, wo ich Nähen lernte, und bereitete mich auf meine Bewerbung an der Berliner Universität der Künste vor. Das ist die größte und wahrscheinlich renommierteste Kunsthochschule in Deutschland. Besonders im Bereich Mode sind die wenigen Plätze begehrt.

In meiner Bewerbungsmappe beschäftigte ich mich mit dem Hamburger Bunker, einem riesigen Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, und mit der Ästhetik von Schutzräumen und Panzern. Ich fuhr dafür immer wieder nach Hamburg und machte Hunderte Fotos. Ich war dieses typische Arschloch mit Analogkamera. Genützt hat es leider nichts, ich wurde nicht mal zum Gespräch eingeladen. Das war schmerzhaft. So eine künstlerische Bewerbung ist sehr persönlich. Wenn einem dann das Talent abgesprochen wird, tut es doppelt weh. Ich gab trotzdem nicht auf und besuchte im Jahr danach einen Mappenkurs. Ich lernte, dass die Profs vor allem auf gute Ideen und ein kohärentes Konzept achten – und nicht darauf, wer die ästhetischsten Fotos oder die schönsten Zeichnungen macht. Das half. Ich konnte meine Konzepte weiter ausarbeiten, Rundgänge von Kunstunis besuchen und zwei weitere Praktika machen. Mit dieser Erfahrung hat es im zweiten Anlauf geklappt.

Das Orientierungsjahr in der neuen Bubble war gut. Inzwischen fühle ich mich wohl an der Kunstuni. Man kann viel ausprobieren. In einem Kurs haben wir Opernkostüme entworfen. Meine eigene Mode ist inspiriert von feministischen Strömungen der letzten 100 Jahre. Ein Gedanke aus meiner Mappe gefällt mir immer noch: Inspiriert von Insektenpanzern wollte ich Kleidung schaffen, die ihre Trägerin vor äußeren Angriffen schützt. Vielleicht auch vor gemeinen Absagen.

Lilith Kunst, 27, hat erst eine Absage von der UdK Berlin gekriegt. Jetzt studiert sie dort im siebten Semester Modedesign.

"Ich bin glücklich über die mehr als 100 Absagen, die ich kassiert hab"

Ich habe in meinem Leben weit über 100 Jobabsagen kassiert. Heute bin ich glücklich darüber. Meine Startchancen für eine Karriere waren denkbar schlecht: Ich bin arm aufgewachsen. Meine Mutter kam in den Achtzigern aus der Türkei nach Deutschland und brachte mich und meine Schwester allein mit ihren Jobs am Fließband und bei einer Reinigungsfirma durch. Ich ging auf eine Hauptschule in einem Vorort von München und träumte von einem Job, bei dem ich schnell viel Geld verdienen könnte, um meine Familie aus dieser Lage zu befreien. Nach dem Realschulabschluss bewarb ich mich auf unfassbar viele Stellen: als Immobilienkaufmann, in der Hotellerie, in Personalabteilungen – niemand wollte mich. Dass ich auf einer Hauptschule war, wurde mir zum Verhängnis. Ich fand das unfair.

Wenn ich heute daran denke, bin ich froh, wie es gekommen ist. Viele Firmen hätten nicht zu mir gepasst. Ich war anders als die Menschen, die mir in den Bewerbungsgesprächen gegenübersaßen. Sie trugen feine Anzüge, hatten keine türkischen Nachnamen und oft Abitur. Ich wollte und konnte nie sein wie sie.

Ich rutschte dann für einige Monate in die Jugendarbeitslosigkeit. Diese Zeit hat mir sehr geholfen. Die Arbeitsagentur vermittelte mir Weiterbildungen. Ich lernte, wie man eine Bewerbung schreibt und Arbeitgeber überzeugt. In der Schule war das selten Thema. Die Gespräche mit meiner Beraterin motivierten mich, eine Ausbildung bei einem Personaldienstleister anzufangen. Die habe ich, beim dritten Ausbilder, auch beendet. Danach war ich 24 und hatte zum ersten Mal mehrere Job-Angebote. Ich entschied mich für die Beratungsagentur und studierte nebenher Wirtschaftsrecht. Telefónica, der Konzern hinter O2, warb mich ab. Dort konnte ich noch einen berufsbegleitenden Master in HR-Management dranhängen. Später wurde ich von Adobe und schließlich von Google abgeworben.

Heute berate ich dort den Forschungsleiter in der strategischen Personalarbeit. Ich bewerte unter anderem, welche Talente wir finden und an uns binden sollten. Inzwischen bin ich selbst oft in der Position, Leuten absagen zu müssen. Das braucht Empathie. Ich sage häufig: Berufliche Träume sind nur Punkte auf einer Landkarte. Eine Absage bedeutet, dass diese Route für dich zeitweise gesperrt ist. Dein Ziel muss deshalb nicht verschwinden. Man sollte sich nicht auf einen Weg versteifen. Wir verlieben uns in Bewerbungsphasen oft in die Vorstellung eines Jobs oder in das Prestige, das wir dort bekommen könnten. Der echte Job kann ganz anders sein. Und ein anderer viel besser.

Emre Celik, 34, arbeitet nach vielen Absagen und anderen Jobs als Personaler bei Google.

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