Karrierenetzwerk: So können Linkedin-Nutzer sichtbarer werden
- Lena Meyer
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Immer wieder beklagen Kritiker, dass der Linkedin-Algorithmus Beiträge nicht adäquat ausspielt. Dabei gibt es eine Reihe von Kniffen, wie Nutzer ihre Präsenz auf der Plattform verbessern können.
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Die Verwandlung von Kristin Reinbach ging schnell. Nur ein paar Klicks, und schon war aus der Frau mit mittellangem, dunklem Haar ein Mann in Anzug und Krawatte geworden: Aus Kristin wurde Kristian. Zumindest auf der Karriereplattform Linkedin.
Kristin Reinbach leitet eine Marketingagentur und vertreibt eine Social-Media-Software. Ihr Selbstversuch im vergangenen Dezember sollte bestätigen, was schon viele Frauen vor ihr beklagt haben: dass Linkedin Geschlechter unterschiedlich behandele und mithin sexistisch sei. In ihrem Falle, so berichtet es Reinbach, spielte der Algorithmus die exakt selben Inhalte deutlich besser aus, nur weil sie von einem vermeintlich männlichen Profil kamen. "Das war klar sichtbar. Bei mir sehr deutlich mit 100 Prozent mehr Sichtbarkeit. Bei anderen, die damit experimentiert haben, sogar noch mehr", sagt Reinbach. Mittlerweile ist ihr Alter Ego Kristian nicht mehr aktiv, doch die Frage, wie der Linkedin-Algorithmus tickt, was er belohnt und was er bestraft, die stellen sich viele: vor allem Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, die mithilfe des Netzwerks Karriere machen und dafür mehr Sichtbarkeit haben wollen.
Der Algorithmus bestimmt, was angezeigt wird
Linkedin ist heute das größte Netzwerk der Welt, um berufliche Kontakte zu knüpfen. Etwa eine Milliarde Menschen nutzen die Plattform international, allein in Deutschland sind es rund sieben Millionen. "Linkedin ist in Deutschland angekommen", sagt Personalberater Henrik Zaborowski. Die amerikanische Plattform hat hierzulande Netzwerke wie Xing abgelöst.
Man kann dort potentielle Arbeitgeber finden, seine Arbeitskraft aber auch aktiv anbieten. Ein Linkedin-Profil, findet Werberin Kristin Reinbach, ist inzwischen für Berufstätige "das absolute Minimum". "Wer online gar nicht existiert und trotzdem in der Wirtschaft was reißen will, hat es schwer."
Nun ist Linkedin aber, ähnlich wie Facebook oder Instagram, eine Plattform, auf der ein Algorithmus bestimmt, was Nutzerinnen und Nutzer angezeigt bekommen. Er ist eine Art Empfehlungssystem, das Beiträge nach bestimmten Kriterien sortiert. Wie genau er arbeitet, ist nicht bekannt, auch ändert sich das ständig. Wie können Berufstätige also aktuell die eigene Sichtbarkeit auf Linkedin erhöhen?
Die Grundlagen sind das Wichtigste
Das Wichtigste, sagt Personalberater Henrik Zaborowski, sind die Grundlagen, die sich auch mit Algorithmus-Updates nicht nennenswert verändern. Nämlich zuallererst: ein gut geführtes persönliches Profil. Das Linkedin-Profil funktioniert wie eine Visitenkarte, die sich nach Belieben erweitern lässt, sagt Zaborowski. "Dort sollten relevante Begriffe, Erklärungen und der Standort stehen. Das hilft Recruitern beim Filtern."
Unbedingt nötig sind: ein professionelles Foto, ein zur eigenen Expertise passendes Hintergrundbild und ein prägnanter Titel mit relevanten Keywords, "die sowohl für Menschen als auch für den Linkedin-Algorithmus verständlich sind", ergänzt Linkedin-Trainerin Antonella Di Iorio. Wer im Marketing arbeiten möchte, könnte mit Keywords wie Performance Marketing, SEO-Texterin, Kampagnenmanagement oder Paid Social Ads arbeiten. Das sind konkrete Tätigkeiten, die Recruiter sofort erkennen und die auch der Algorithmus sauber zuordnen kann.
Das Hintergrundbild sollte schlicht, professionell und thematisch klar sein: zum Beispiel das Foto eines ordentlichen Arbeitsplatzes mit Notizbuch, Smartphone und Kaffeetasse. Ungeeignet sind verschwommene Urlaubsbilder oder Selfies.
Auch Kenntnisse aus Studium oder Ausbildung sollten im Profil stehen. Wer sich also auf eine Stelle im Gebiet Data Science bewerben möchte, erwähnt natürlich, wenn er Python oder andere Programmiersprachen beherrscht. Wer Wirtschaft studiert hat, sollte das Fach als Expertise angeben.
Absoluter Fachmann muss man auf dem Gebiet nicht sein, es reichen schon Grundkenntnisse. Engagement, Ehrenamt oder studentische Projekte runden – wie bei einem guten Lebenslauf – das Profil ab, zeigen Persönlichkeit und Tiefe.
Es sollte eine persönliche Note mitschwingen
Auch der zweite Erfolgsfaktor für Linkedin hat sich trotz Algorithmus-Updates nicht geändert: Nutzerinnen und Nutzer sollten selbst aktiv sein und es auch bleiben. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie eigene Beiträge erstellen müssen. Es reicht schon, die Beiträge anderer zu kommentieren, sagt Di Iorio. Wichtig ist nur, dass diese Posts thematisch zum eigenen Hintergrund passen. Lieber ein Lob, warum der Beitrag einem geholfen hat, oder eine interessierte Nachfrage. Tendenziell gilt, dass eine persönliche Note mitschwingen sollte. So wirkt ein Kommentar tiefgründiger als ein inhaltsloses "inspirierend" oder "spannend", rät Di Iorio.
Mehr denn je achtet der aktuelle Linkedin-Algorithmus auf qualitativ hochwertige und authentische Beiträge, sagt die Linkedin-Trainerin. Das heißt: neue Texte und "nicht dieses Copy-Paste". Das Netzwerk werde von "seelenlosen" KI-generierten Inhalten geflutet, und das habe Linkedin verändert, findet Di Iorio. Daher achtet die Plattform nun umso mehr auf Authentizität.
Die Inhalte sollten aktuell sein und potentiellen Leserinnen und Lesern einen echten Mehrwert bieten. "Das heißt, dass ich mir wirklich überlege, was ich mit diesem Beitrag aussagen möchte", erklärt Di Iorio. Ein kurzer Einblick in den ersten Arbeitstag, ein hilfreicher Tipp aus einem Bewerbungsgespräch oder ein kleines Learning aus dem Arbeitsalltag reichen schon. Besonders gut funktionieren Kommentare, die Diskussionen anregen – etwa, ob sich ein bestimmter Trend langfristig durchsetzen wird oder nicht.
Was hingegen nicht funktioniert, sind generische Motivationssprüche. Beiträge wie "Gib niemals auf!" oder ein Katzenfoto im Homeoffice mögen nett sein, bieten aber keinen Mehrwert – weder für Leserinnen und Leser noch für den Algorithmus. Ebenso nutzlos sind inhaltsleere Business-Floskeln oder Beiträge, die nichts über die eigene Karriere aussagen.
"Ich würde zum Beispiel nicht mein neues Hobby teilen, ohne einen Bezug zur beruflichen Positionierung herzustellen. Linkedin analysiert und gleicht das mit anderen meiner Beiträge ab und würde feststellen: Das passt ja eigentlich gar nicht zur Person", sagt Di Iorio. Die Folge: Der Beitrag zum Yoga-Retreat am Wochenende von einer Ingenieurin auf Jobsuche wird kaum ausgespielt. Wer eigene Beiträge erstellen möchte, sollte dies mindestens ein- bis zweimal in der Woche tun, raten die Experten. Zu seltene Posts gehen dagegen schnell unter und geben dem Algorithmus zu wenig Anhaltspunkte, um ein Profil sinnvoll einzuordnen.
Künstliche Intelligenz in Maßen nutzen
Künstliche Intelligenz zum Schreiben von Posts und Kommentaren zu nutzen, ist zwar nicht grundsätzlich verboten, sollte aber nicht überhandnehmen, sagen die Fachleute. Als Werkzeug, um einen Text zu strukturieren, seien Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude nützlich und können bestimmte Abläufe erleichtern. Praktisch sind die Tools außerdem, wenn man sie zur Recherche über ein bestimmtes Unternehmen oder zur gezielten Vorbereitung auf ein Bewerbungsgespräch nutzt. Wer damit seine normale Alltagssprache in übertriebene Businesssprache übersetzen will, sollte aber vorsichtig sein, sagt Di Iorio. Damit laufe man Gefahr, sich in inhaltslosen Floskeln zu verlieren.
Auf Linkedin zählt außerdem das Netzwerken. Nutzerinnen und Nutzer sollten sich dafür zwar nicht wahllos mit jedem x-beliebigen Profil verbinden, aber auch nicht nur mit Menschen, die sie schon persönlich kennen. Sinnvoll ist es, Kontakte aus der eigenen Branche, aus Wunschunternehmen, aus dem Studium oder potentielle Arbeitgeber und Recruiter anzufragen. Für eingehende Kontaktanfragen gilt: Annehmen ja, aber mit Bedacht. Profile ohne Bild oder klaren Bezug zur eigenen beruflichen Richtung sollten mit Vorsicht betrachtet werden. Dagegen sind fachlich passende Kontakte in den meisten Fällen sinnvoll.
Und auch wenn sie nicht mehr ganz so magisch ist wie früher, gilt die Schwelle von 500 Kontakten weiter als Orientierung: Sie signalisiert Recruitern, dass eine Person aktiv ist, die Plattform versteht und über ein stabiles Netzwerk verfügt. Trainerin Di Iorio rät neuen Nutzerinnen und Nutzern, dabei geduldig zu sein. Das eigene Netzwerk aufzubauen, kann Monate dauern, sagt sie.
Trotz aller Kniffe und Tricks haben es bestimmte Inhalte auf der Plattform schwer. Beispiel: Fachinhalt, also etwa Erklärbeiträge, fachliche Einschätzungen, How-to-Texte oder kurze Analysen aus dem eigenen Arbeitsumfeld. "Der geht in der Masse an Posts unter und wird vom Algorithmus kaum noch ausgespielt", kritisiert Personalberater Henrik Zaborowski. Und was Geschlechterparität betrifft, kann ein Ungleichgewicht auch aufgrund des Nutzungsverhaltens entstehen. Das Unternehmen betont zwar, dass Alter oder Geschlecht bei der Frage, was ausgespielt wird, ausdrücklich keine Rolle spielen. Doch in Deutschland sind eben Männer auf Linkedin deutlich aktiver als Frauen. Sie posten mehr, vernetzen sich häufiger – und bekommen entsprechend öfter Stellenangebote oder Einladungen zu Gesprächen. Je nachdem, wie es kalibriert ist, verstärkt ein algorithmisches Empfehlungssystem solche Ungleichheiten: Es hält für relevanter, was häufiger vorkommt. Und macht es dann eher sichtbar.
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