Arbeitsmarkt: Ich habe in BWL promoviert. Das würde ich heute nicht nochmal machen
- Torben Becker
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KI verändert den Arbeitsmarkt schon jetzt. Chefs von Bosch, SAP, Merck und Stepstone verraten, worauf sie bei Bewerbern achten – und was sie ihren eigenen Kindern raten.
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Welchen Beruf sollte man heute noch lernen? Diese Frage beschäftigt viele junge Menschen – und ihre Eltern. Nicht nur wegen der Wirtschaftslage, auch wegen KI. Wer heute eine Ausbildung beginnt oder studiert, wird vermutlich mehrfach den Job wechseln müssen. Aber das muss kein Nachteil sein. Vier Führungskräfte erzählen, auf welche Qualitäten es ankommt.
"Den einen sicheren Beruf gibt es nicht mehr"
Sebastian Dettmers, 47, CEO von The Stepstone Group
Mein Sohn wollte vor Kurzem für ein Schulprojekt herausfinden, welchen Beruf er später einmal lernen soll. Also haben wir gemeinsam eine Mindmap mit allen Jobs gezeichnet, die für ihn infrage kommen. Weil er Musik liebt, entschied er sich für den Job des Musikproduzenten. Wir bauten ein fiktives Unternehmen und gestalteten eine Website. Er schrieb eine Stellenanzeige und bewarb sich.
Ich wollte ihm keinen Beruf erklären, sondern dass er so die ersten Schritte in den Arbeitsmarkt erlebt. Dabei habe ich gemerkt, wie schwer die Entscheidung geworden ist. Ich komme aus einer Zeit, in der man irgendwas studieren, in einem Unternehmen Karriere machen und den Job 40 Jahre behalten konnte.
Wer heute ins Arbeitsleben startet, wird sich im Laufe der Karriere mehrfach neu erfinden.
Den einen sicheren Beruf gibt es aber nicht mehr. Für meine Generation war das noch anders. Aber wer heute ins Arbeitsleben startet, wird sich im Laufe der Karriere mehrfach neu erfinden. Und die Bereitschaft dazu wird wichtiger als jeder Abschluss.
Die Wirtschaft schwächelt, die Arbeitslosenquote steigt, und bei Stepstone sehen wir, welche Berufe wachsen und welche verschwinden. Gerade klassische Einstiegsjobs in der Verwaltung oder der Beratung verändern sich rasant. KI erstellt Excel-Tabellen, fasst Berichte zusammen, gestaltet Präsentationen.
Die zukunftsfähigsten Berufe der nächsten Jahre sind nicht automatisierbar. Sie verbinden menschliche Beziehungen, Urteilsvermögen und hoch spezialisiertes technisches Wissen. Und sie entstehen in den Branchen, in denen die großen gesellschaftlichen Fragen beantwortet werden müssen: die des demografischen Wandels, der Energiewende und der Digitalisierung.
Wir sollten Kindern den Kontakt zur Arbeitswelt ermöglichen.
Ich würde daher stärker auf Berufe schauen, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, in denen sie Verantwortung übernehmen oder etwas aufbauen. Etwa in der Pflege, im Handwerk, in der Bildung oder im Gesundheitswesen. Auch diese Jobs werden sich verändern, aber sie lassen sich schwerer automatisieren. Wer technisch versiert ist, geht ins Produktmanagement oder startet bestenfalls ein eigenes Unternehmen.
Um herauszufinden, ob einem die Arbeit liegt, würde ich möglichst früh reinschnuppern. Mein Sohn war für einen Tag in der Apotheke und auf der Baustelle und hat sich angeschaut, wie die Arbeit dort funktioniert. Wir sollten schon viel früher anfangen, unseren Kindern diesen Kontakt zur Arbeitswelt zu ermöglichen. Etwa durch Praktika während der Schulzeit, Orientierungsphasen nach dem Schulabschluss oder mit einem Gap-Year mit gezielten Berufserfahrungen.
Ich würde heute viel früher anfangen, praktische Erfahrungen zu sammeln
Ich stamme aus einer Akademikerfamilie und habe in BWL promoviert. Das würde ich heute nicht nochmal so machen. Acht Jahre Universität haben zwar meinen Horizont erweitert. Trotzdem würde ich heute viel früher anfangen, praktische Erfahrungen zu sammeln oder selbst ein Unternehmen zu gründen.
Entscheidend ist nicht der Beruf, sondern die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu orientieren. Genau das sage ich auch meinem Sohn: Frag dich zuerst, welches Problem du lösen möchtest. Berufe werden sich verändern, Problemlöser werden immer gebraucht.
"Jeder sollte mit Daten arbeiten können"
Khadija Ben Hammada, 45, Chief People Officer und Mitglied der Geschäftsführung bei Merck
Wenn heute ein 18-Jähriger vor mir säße und fragen würde, welchen Beruf er lernen soll, würde ich zuerst sagen: Mach dir nicht zu viel Druck. Niemand erwartet, dass du schon einen Lebensplan hast. Die meisten Menschen werden sich in ihrem Leben sowieso mehrmals neu erfinden müssen.
Deshalb würde ich jungen Menschen raten, nicht einem bestimmten Beruf hinterherzulaufen, sondern viele Fähigkeiten aufzubauen. Ich stelle mir das wie ein Kompetenzkonto vor. Mit jeder Erfahrung zahlt man etwas darauf ein: ein Praktikum, ein Auslandsaufenthalt, ein neuer Job oder auch ein Projekt, das nicht so läuft wie geplant. Je voller dieses Konto wird, desto mehr Möglichkeiten hat man später.
Quer- und Seiteneinstiege werden viel normaler werden.
So verlief auch meine Karriere. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Ich studierte Psychologie und machte ein Praktikum an einer Schule. Dort merkte ich: Das ist doch nicht meins. Also begann ich einen MBA, entdeckte Human Resources für mich und sagte von da an zu jeder beruflichen Gelegenheit "Ja". Ich glaube, Quer- und Seiteneinstiege werden viel normaler werden.
Ich ging nach Paris, später in die USA und nach Asien. Mich haben nie Titel oder Gehalt angetrieben, sondern die Frage: Was kann ich hier lernen? Die Veränderungen in der Arbeitswelt sind gerade extrem. Kaum ein Beruf kommt noch ohne ein Verständnis von Technologie aus.
Auch bei Merck werden wir in Zukunft Biologinnen, Chemiker oder Ingenieurinnen einstellen. Aber ihre Arbeit wird anders aussehen als heute. Eine Biologin wird selbstverständlich mit Robotik arbeiten. Ein Prozessingenieur wird Automatisierung einsetzen.
Deshalb würde ich jedem jungen Menschen raten, Technologie zu verstehen. Niemand muss Softwareentwickler werden, aber jeder sollte einmal programmiert, mit Daten gearbeitet oder verstanden haben, wie KI funktioniert. Genauso wichtig finde ich es, Sprachen zu lernen. Technologie verbindet Systeme, Sprachen Menschen.
Die Power Skills muss man trainieren wie einen Muskel.
Wenn sich heute jemand bei Merck bewirbt, achten wir natürlich auf Fachwissen. Aber genauso wichtig ist, dass jemand empathisch und kreativ ist und mit Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen arbeiten kann. Fachwissen kann man sich aneignen, bei sozialen Fähigkeiten ist das schwieriger. Deshalb nenne ich sie nicht nur Soft Skills, sondern Power Skills. Die muss man trainieren wie einen Muskel.
Soziale Fähigkeiten werden in allen Berufen wichtiger. Nicht trotz künstlicher Intelligenz, sondern gerade wegen ihr. KI kann Wissen in Sekunden verfügbar machen. Aber sie kann keinen Menschen trösten, Vertrauen aufbauen oder entscheiden, was in einer schwierigen Situation richtig ist. Deshalb glaube ich, dass Berufe, bei denen diese Fähigkeiten besonders gefragt sind, etwa im Gesundheitswesen, in der Pflege oder im sozialen Bereich, künftig noch wichtiger werden.
"Man sollte sich gar nicht auf einen Beruf festlegen"
Daniel Müller, 51, Human Resources Director Deutschland bei SAP
Ich würde jungen Menschen heute gar nicht mehr raten, sich auf einen bestimmten Beruf festzulegen. Dafür verändert sich die Arbeitswelt viel zu schnell. Früher blieb Wissen oft über Jahrzehnte relevant.
Heute entstehen innerhalb weniger Monate neue Fähigkeiten, etwa der Umgang mit KI-Agenten oder Prompting. Deshalb ist aus meiner Sicht nicht entscheidend, was jemand heute weiß, sondern wie schnell er oder sie Neues lernt. Diese Haltung nennen wir heute ein Growth Mindset.
Das versuche ich auch meinen beiden Söhnen mitzugeben. Kürzlich wollte mein ältester einen Computer haben. Ich hätte ihm einfach einen fertigen kaufen können. Stattdessen haben wir die Einzelteile bestellt und ihn zusammengebaut. Als wir fertig waren, funktionierte der Einschaltknopf nicht. Also holten wir den Lötkolben aus dem Keller, reparierten den Kontakt und bekamen den Rechner zum Laufen.
Ich spreche lieber von Berufsbildern.
Mir ging es nie darum, dass mein Sohn einen Computer besitzt. Ich wollte, dass er erlebt: Wenn etwas nicht funktioniert, gibt man nicht auf. Man probiert einen anderen Weg.
Ich glaube nicht mehr, dass wir unsere Karriere in klassischen Berufen planen sollten. Ich spreche lieber von Berufsbildern, etwa von IT und Digitalisierung, Gesundheit und Pflege, Energie und Nachhaltigkeit. Immer häufiger arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen.
Genau an diesen Schnittstellen entstehen die Aufgaben der Zukunft, dort, wo Technologie, Daten, Nachhaltigkeit, Gesellschaft und Organisation aufeinandertreffen. Data Analysts und Datenstrateginnen etwa übersetzen Daten in Geschäftsentscheidungen und vereinen Technikverständnis mit Businesslogik.
Wenn ich Bewerbungen lese, interessiert mich die Denkweise eines Menschen.
Vor zehn Jahren habe ich bei Neueinstellungen vor allem auf die fachliche Qualifikation geschaut. Wenn ich heute Bewerbungen lese, interessiert mich mindestens genauso sehr die Denkweise eines Menschen wie sein Lebenslauf.
Ich frage mich dann: Ist derjenige offen für Neues? Sieht er in Veränderungen zuerst ein Problem oder eine Chance? Das erkenne ich vor allem im Gespräch mit Kandidaten, auch da ist die menschliche Interaktion entscheidend.
"Eine Karriere ist kein gerader Weg mehr"
Erika Rasch, 55, Head of Corporate People and Culture der Bosch-Gruppe
Jeder Mensch kommt neugierig auf die Welt. Kinder probieren alles aus, stellen ständig Fragen und wollen verstehen, wie Dinge funktionieren. Wenn wir diese Neugier verlieren, dann, weil sie uns irgendwann abtrainiert wird. Deshalb sehe ich es als Aufgabe von Eltern, Lehrkräften und Unternehmen, Neugier zu fördern.
Eine Karriere ist für mich kein gerader Weg, sondern eine Entdeckungsreise. Es ist gar nicht so entscheidend, ob jemand heute BWL oder Informatik studiert oder eine Ausbildung macht. Deshalb würde ich keine speziellen Berufe empfehlen.
Spannend sind die Branchen Robotik, künstliche Intelligenz und die Halbleiterindustrie.
Spannend sind vor allem Branchen, in denen gerade Zukunft entsteht – wie Software-definierte Mobilität, Robotik, künstliche Intelligenz und die Halbleiterindustrie.
Und ohnehin ist es viel wichtiger, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem man Neues ausprobieren darf, Verantwortung übernimmt und Fehler machen kann. So lernt man am meisten.
Ich habe bei Bosch im Controlling, Einkauf und der Personalabteilung gearbeitet und war mehrere Jahre in China. Diese Zeit hat mir gezeigt, wie unterschiedlich Menschen Probleme lösen. Zum Beispiel habe ich beobachtet, dass chinesische Teams eher pragmatisch sind und in wenigen Tagen Lösungen testen, während wir in Deutschland oft erst bei 150 Prozent Perfektion in die Umsetzung gehen.
Ich bin überzeugt, dass diese Machen-Mentalität uns guttun würde. Mut zur Lücke beim Start und Präzision in der Ausführung – diese Kombination ist im harten Wettbewerb heute entscheidend.
Bei Bosch gestalten schon die Auszubildenden mit. Zum Beispiel haben sie bei einem Hackathon selbst eine App entwickelt, über die sich alle Auszubildende für Auslandsaufenthalte bewerben können. Natürlich hätten wir das extern einkaufen können. Aber uns ging es um etwas anderes: Wir wollten jungen Menschen zeigen, dass wir ihnen zutrauen, ein echtes Problem selbst zu lösen.
Ich glaube nämlich, dass Neugier wächst, wenn Menschen erleben, dass sie etwas bewirken können. Wer einmal spürt: Das war meine Idee, der bekommt Lust auf die nächste Herausforderung. Genau deshalb sollten junge Menschen nicht das Gefühl haben, dass Veränderungen einfach über sie hinwegrollen, sondern dass sie selbst mitgestalten können.
Wenn ich einen Lebenslauf anschaue, interessiert mich weniger die Abschlussnote als das Potenzial.
Eine Voraussetzung dafür ist, die Entwicklungen unserer Zeit zu verstehen. Künstliche Intelligenz wird viele einfache, repetitive Aufgaben übernehmen. Gerade deshalb sollten wir neugierig auf neue Technologien bleiben. In Zukunft wird es entscheidend sein, zu verstehen, wie KI den eigenen Beruf verändert und wie man sie sinnvoll einsetzt.
Wenn ich heute einen Lebenslauf anschaue, interessiert mich deshalb weniger die Abschlussnote als das Potenzial, sich weiterzuentwickeln. Ich frage mich: Wo hat jemand etwas ausprobiert und Verantwortung übernommen?
Mich interessiert, ob jemand für etwas brennt. Ich erinnere mich noch gut an den Lebenslauf einer Radsportlerin. Wer gelernt hat, sich durchzubeißen und Rückschläge auszuhalten, bringt genau die Disziplin mit, die es für langfristigen Erfolg braucht.
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