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"Es gibt Tage, da ist mir alles zu viel"

Bei mir war das schon immer anders. Die Pandemie, die Arbeitslosigkeit meines Vaters und der Lockdown zu sechst in einer Drei-Zimmer-Wohnung haben das Studieren nur noch komplizierter gemacht. 

Ich helfe meinen Eltern gern, sie tun schließlich auch alles, um mich zu unterstützen. Und große Schwester zu sein genieße ich auch. Ich selbst habe in der Grundschule schlechtes Deutsch gesprochen und zu Hause nur arabisch. Mir konnte damals niemand bei den Hausaufgaben helfen. Es ist meine Verantwortung, dass meine Brüder es besser haben – sie sind neun, elf und fünfzehn Jahre alt, sie haben noch alle Chancen.

Wer hilft mir, wenn ich mal Hilfe brauche?"

Lara Mohamad

Es gibt aber auch Tage, da ist mir alles zu viel. Neulich bin ich aus einem Zoom-Seminar früher gegangen, weil ich meinen kleinen Bruder zu einem Termin bringen musste. Ich habe dadurch die Einteilung in Arbeitsgruppen verpasst und flog so aus dem Seminar. Ich habe direkt den Dozenten kontaktiert, es ihm erklärt und gefragt, ob ich noch in eine der Gruppen nachrücken kann. Seit zwei Wochen bekomme ich keine Antwort. In solchen Momenten fühle ich mich alleingelassen und überfordert. Wer hilft mir, wenn ich mal Hilfe brauche?

Gerade schwirren viele Dinge gleichzeitig in meinem Kopf herum: Die Krankenkasse wartet auf eine Antwort, mein Vater hat morgen einen Termin beim Arbeitsamt, mein kleiner Bruder hat vor zehn Minuten gefragt, ob wir zusammen Mathe üben können, mein anderer Bruder muss später zum Training gebracht werden. Vorhin kam eine Mail, dass meine Studiengebühren bald wieder fällig sind und jetzt ging auch noch die Kamera an meinem Laptop kaputt. Bei Zoom sagen alle Profs in den Seminaren immer, wir sollten bitte unsere Kameras einschalten. Na toll.

Die Universität kann mir die Zusatzbelastung, die ich durch die Verantwortung für meine Familie habe, nicht nehmen, soll sie auch gar nicht. Aber sie könnte wenigstens für die Rahmenbedingungen sorgen, damit ich die Leistung, die von mir verlangt wird, auch tatsächlich bringen kann. Und damit meine ich nicht primär finanzielle Unterstützung. Denn, so simpel es klingt, das Wichtigste, das mir fehlt, ist Ruhe und Konzentration. Ich wünsche mir einen Ort, an dem ich mich nur um mich, meine Aufgaben, meine Seminare und damit meine Zukunft kümmern kann. Denn nur so kann ich mein Studium ernsthaft betreiben und nur damit wären die minimalsten Rahmenbedingungen fair."

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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