Jurastudium: Diagnose Staatsexamen

Autor*innen
Pia Schreiber
Ein Mann sitz auf dem Boden und über ihm ist eine Wolke, die regnet

Die juristische Ausbildung beginnt oft vielversprechend, wie jedes Studium: eine Einführungsveranstaltung im vollen Audimax, Schulter an Schulter mit Fremden, die zu Freund:innen werden. Stadtrallyes und Kneipentouren, schlechte Drinks auf Erstsemesterpartys, gute Gespräche bei WG-Abenden. Und sie beginnt oft mit einem Satz, der im Lauf der Ausbildung immer wieder fällt. Mal als Drohung von einem Professor in der Zivilrechtsvorlesung. Mal als Warnung von einer besorgten AG-Leiterin: "Sehen Sie sich Ihre beiden Sitznachbarn an: Statistisch gesehen wird nur einer von Ihnen das Staatsexamen bestehen."

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Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe: Wasserschäden, Asbest, einstürzende Decken: Warum sind die Unis so marode?

Marie: "Die Zeit war der Horror. Ich hatte an beiden Händen Bandagen, weil meine Hände so wehtaten, nach den Prüfungen schmerzte der ganze Körper. Nachts habe ich nicht geschlafen."

Constantin: "Je näher der Termin des Examens rückte, desto stärker kam in mir die Frage auf, wie ich es schaffen könnte, nicht teilzunehmen. Ich dachte daran, mich von einem Auto anfahren zu lassen und mir dabei etwas zu brechen."

Julia*: "Der Gedanke, dass der Tod einem zumindest das Examen ersparen würde, kam mir auch ein- oder zweimal. Meine Leidenskollegen teilten ihn, wie ich feststellen musste."

Das Staatsexamen am Ende des Jura-Studiums gilt als eine der schwierigsten Prüfungen überhaupt. Im Schnitt fallen fast 30 Prozent der Kandidat:innen durch ihre erste Examensprüfung. Dieser Leistungsdruck macht vielen Angst, manche macht er krank. 66 Prozent empfehlen das Jura-Studium nicht weiter. Warum ist das so? Was bedeutet es für einen Rechtsstaat, wenn seine zukünftigen Entscheidungsträger:innen am Ausbildungssystem zerbrechen? Und wie könnte es anders gehen?

I Die Symptome

ZEIT Campus teilte einen Aufruf auf LinkedIn. Jurist:innen sollten von ihrer Examenszeit berichten, vom Druck und ihrem Umgang damit. Fast 200 Personen meldeten sich persönlich, viele schickten teils seitenlange Erfahrungsberichte. Fast alle baten um Anonymität. Neben Studierenden meldeten sich viele, die heute erfolgreich im Beruf stehen: Bundesbeamte, Anwält:innen aus Großkanzleien, Richter:innen und Staatsanwält:innen.

Nicht alle verdammen das System, dazu später mehr. Doch die überwältigende Mehrheit der Studierenden und Jurist:innen berichtete von immensen Auswirkungen auf ihren Alltag und ihre Beziehungen, teils von heftigen psychischen und körperlichen Symptomen in der Prüfungsphase.

Alex: "Ich hatte das Gefühl, aus dieser Endlosschleife aus Lernen, Klausuren und Druck nicht mehr rauszukommen. Ich entwickelte eine Magenschleimhautentzündung, von der ich dachte, dass sie nie vorbeigeht."

Nico: "Vorm zweiten Examen fiel ich in ein ziemliches Loch. Nachts bin ich regelmäßig schweißgebadet aufgewacht, musste duschen und das Bett neu beziehen."

Antonia*: "Ich habe mich vor meiner mündlichen Prüfung eingepinkelt. Das ist mir nicht mehr passiert, seit ich ein Kleinkind war."

Ordnet man die in den Nachrichten genannten Symptome in der Prüfungsphase alphabetisch, liest sich das so: Augenflimmern, Bandscheibenvorfall, Depressionen, Durchfall, Erbrechen, Essstörung, Gefühlskälte, Gürtelrose, Gewichtsverlust, Gewichtszunahme, Haarausfall, Hautausschlag an Händen und Augenlidern, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Hörsturz, blutende Magengeschwüre, Magenschleimhautentzündung, Panikattacken, Ruhelosigkeit, Schlafstörungen, Sehnenscheidenentzündungen, Sportsucht, Waschzwang. Insbesondere Personen, die sich in der Coronapandemie auf ihr Examen vorbereiteten, schilderten ihre Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Manche sprachen über Gedanken an den Tod, um dem Examen zu entgehen.

Die Belastung vorm Staatsexamen ist empirisch belegt. Das Projekt JurStress von der Universität Regensburg führte Befragungen vor und nach dem ersten Staatsexamen durch, außerdem nahmen die Forschenden Speichel- und Haarproben. Die Ergebnisse sind bedenklich: 45 Prozent der Teilnehmenden berichteten von starken körperlichen Beschwerden. 59 Prozent hatten während der Prüfungsphase auffällige Cortisolwerte. Ein Anzeichen für chronischen Stress.


Ⅱ Das System

Das Jurastudium ist ein Marathon und kein Sprint – auch das ist einer der Sätze, die man oft schon zu Beginn hört. Je nach Universität müssen Studierende bis zu 15 Klausuren bestehen, mehrere Hausarbeiten schreiben und zwölf Wochen Praktika ableisten, um überhaupt zum Examen zugelassen zu werden. Dabei sind diese Studienleistungen im Grunde wertlos, denn allein auf die Examensnote kommt es an: Mit sechs oder sieben fünfstündigen Klausuren innerhalb von zwei Wochen und einer mündlichen Prüfung stellen Jurist:innen die Weichen für ihr restliches Arbeitsleben.

Aber für die meisten Studierenden ist das erste Examen nicht die Ziellinie. Es folgen zwei Jahre Ausbildung im Referendariat – und ein zweites Staatsexamen. Wer mit Prädikat besteht, schafft es in beliebten Großstädten auf einen Richterposten oder in eine Großkanzlei. Ohne dieses vermeintliche Gütesiegel, so wird oft gespottet, reiche es nur zum "Feld-Wald-und-Wiesen-Anwalt". Wer durchfällt, läuft Gefahr, auf einer Liste mit dem Titel "Blockversager" zu landen, so versehentlich veröffentlicht vom Justizprüfungsamt Hamm im April 2024.

Der Notendruck ist also das eine. Das andere ist die Fallhöhe: Wer endgültig durch das erste Examen fällt, steht nach mindestens fünf Jahren Studium oft ganz ohne Abschluss da. Das macht die Examensvorbereitung zu einer Wissenschaft für sich. Viele Studierende planen anderthalb Jahre ein, in denen sie einem strikten Plan folgen: acht Stunden lernen am Tag an sechs Tagen in der Woche, jede Woche eine Probeklausur. In kommerziellen Repetitorien wiederholen sie die Inhalte des Studiums mit Nachhilfelehrer:innen, die sie für rund 2.000 Euro fit fürs Examen machen sollen.

Alicia: "Die Probeklausuren waren geprägt von abwertenden Kommentaren der Korrektoren. Im Repetitorium wurde man häufig vorgeführt."

Anne: "Fast jeden Samstag rief ich nach den Probeklausuren bei meiner Mutter an. Dabei bekam ich oft vor Weinen keine Luft mehr."

Uns erreichten aber auch Nachrichten von Absolvent:innen, die das System nicht verteufeln. Manche konnten dem Druck auch etwas abgewinnen.

Sam*: "Das deutsche System ist sehr leistungsgerecht. Ich habe in meinem Umfeld viele erlebt, deren Eltern nicht studiert hatten und die teilweise nicht mal Deutsch sprachen. Sie sind durch harte Arbeit in einem gut bezahlten Anwaltsberuf oder auf dem Richterstuhl gelandet. Umgekehrt kamen viele trotz gut vernetzten Elternhauses nicht an diese Jobs."

Louisa: "Staatsanwälte, Anwälte und Richter tragen eine große Verantwortung. Dies müssen sie wollen und psychischen Druck aushalten können. Wer dazu nicht in der Lage ist, ist in diesen Berufen fehl am Platz."

Alex: "Examensdruck fördert Resilienz. Meines Erachtens fehlt die oft bei jüngeren Jahrgängen."

Ist die fehlende Resilienz das Problem? Sophie Dahmen hält Ängste und Zweifel eher für eine natürliche Reaktion auf den Aufbau der juristischen Ausbildung. Sie gehört zur studentischen Initiative iur.reform, die sich schon 2020 mit der Frage beschäftigte, was sich ändern müsste. Die Gruppe trug Literatur zusammen, entwickelte Thesen und einen Fragebogen, den fast 12.000 Menschen ausfüllten. Unter ihnen waren Abbrecher:innen, Studierende und fertig ausgebildete Jurist:innen.

Ⅲ Die Reformideen

Im Mai 2023 erschienen die Ergebnisse als Studie. Ein Sofortprogramm mit sechs Reformvorschlägen: Eine unabhängige Zweitkorrektur für eine gerechtere Benotung. Klausuren am PC gegen körperliche Schmerzen. Die Erweiterung von Prüfungsstoff nur bei Streichung von bestehendem. Andere Prüfungs- und Unterrichtsformen als Klausuren und Vorlesungen. Ein verbesserter Betreuungsschlüssel an Unis und regelmäßiges Monitoring des Studiums im Hinblick auf Reformbedarf.

Sophie Dahmen, iur.reform: "Die Veröffentlichung unserer Studie hat viel Aufmerksamkeit erzeugt, aber niemand fühlt sich für die Umsetzung unserer Vorschläge verantwortlich. Jurist:innen sind eben nicht die reformwütigsten Menschen unter der Sonne."

Je näher der Examenstermin rückte, desto stärker kam in mir die Frage auf, wie ich es schaffen könnte, nicht teilzunehmen. Ich dachte daran, mich von einem Auto anfahren zu lassen und mir dabei etwas zu brechen.

Wie ließe sich das bestehende System ändern? Antworten darauf könnte die Justizministerkonferenz (JuMiKo) geben.

Ⅳ Die Prüfungsämter

Die JuMiKo findet alle sechs Monate statt. Dort geht es auch um die juristische Ausbildung. Die Prüfungsämter der einzelnen Bundesländer beraten sich dabei in einem Koordinierungsausschuss. Sie sind für den Inhalt und die Durchführung der Examensprüfungen verantwortlich. Ein Beschluss der JuMiKo aus dem Jahr 2024 sorgte für Wut unter Studierenden. Denn in dem Beschluss heißt es unter anderem: Es bestehe "kein grundlegender Reformbedarf bei der juristischen Ausbildung".

ZEIT Campus hat mit Verantwortlichen aus den Prüfungsämtern mehrerer Bundesländer darüber gesprochen. Sie sagen: Wichtig sei das Wort "grundlegend". Denn es gebe durchaus Änderungsbedarf, nur abschaffen wolle man das Staatsexamen nicht.

Birgit Nennstiel, Rheinland-Pfalz: "Die Durchfallquote ist zu hoch, ich sehe da oft verschwendete Lebenszeit. Studierende müssten schon früher das Feedback bekommen: Suchen Sie sich etwas, das Sie besser können, statt sich am Examen zu verheben."

Corinna Dylla-Krebs, NRW: "Das Staatsexamen dient der Qualitätssicherung. Durch die Ausbildung können sich Richter, Staatsanwalt und Anwalt im Gerichtssaal auf Augenhöhe begegnen."

In den vergangenen Jahren hat es bereits einige Reformen gegeben: In manchen Bundesländern gibt es juristische Bachelorabschlüsse, damit Studierende nach einem gescheiterten Examen nicht auf das Abitur zurückfallen. Wer das Examen nach der Regelstudienzeit schreibt und besteht, bekommt die Möglichkeit, seine Note in einem zweiten Anlauf zu verbessern. Dieser sogenannte Freischuss soll dafür sorgen, dass Studierende die Prüfung nicht aus Angst aufschieben, weil sie sich ihr nicht gewachsen fühlen. Auch das E-Examen wurde an einigen Standorten eingeführt. Der Koordinierungsausschuss der Prüfungsämter tauscht sich seit Anfang 2025 regelmäßig mit Studierendenvertretungen und Expert:innen aus Medizin und Psychologie aus.

Achim Kreft, Sachsen: "Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Die Belastung der Prüfungsteilnehmer hängt auch davon ab, wie viel Stress sie sich selbst machen."

Sebastian Schuster, Niedersachsen: "Das Examen ist Stress und muss es auch sein. Auch ich hab noch lange von meiner Prüfung geträumt. Aber es öffnet viele Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Ziel ist es, unnötigen Stress zu vermeiden, der auf Social Media und von kommerziellen Repetitoren geschürt wird."

Die Prüfungsämter geben den Repetitor:innen, die mit der Examensvorbereitung Geld verdienen, also eine Mitschuld. Dieses Geschäftsmodell ist Jura‑spezifisch. In anderen Studiengängen mit Staatsexamen wie Pharmazie oder Medizin ist es nicht so verbreitet.

Ⅴ Der Stress

In einem Bachelor- oder Masterstudiengang unterrichten Professor:innen und nehmen anschließend selbst die Prüfung ab. Dadurch wissen sie genau, was sie von den Prüflingen erwarten können. Das ist beim Staatsexamen anders: Unterrichtet wird an der Uni, geprüft wird vom Bundesland. In der juristischen Ausbildung scheint dabei eine Lücke zwischen Lehre und Prüfung zu entstehen. Und in dieser Lücke wächst die Angst vor dem Ungewissen. Sie packt auch Studierende, die problemlos durchs Studium gekommen sind, weil sie nicht auf ihre Uni-Erfolge vertrauen können.

Ich habe mich vor der mündlichen Prüfung eingepinkelt. Das ist mir nicht mehr passiert, seit ich ein Kleinkind war.

Pierre: "Therapie gilt für viele nur als hypothetische Möglichkeit, sie fürchten um die Beamten- oder Richterkarriere. Ich kenne zahlreiche Kollegen, die aus dieser Angst heraus auf Hilfe verzichtet haben, obwohl sie – auch wegen privater Schicksalsschläge – notwendig gewesen wäre."

Franziska: "Meiner Tochter rate ich dringend davon ab, Jura zu studieren. Sie soll bitte gesund und fröhlich bleiben."

Dabei gibt es dringenden Bedarf an neuen Jurist:innen: Bis 2030 werden etwa 40 Prozent aller deutschen Richter:innen und Staatsanwält:innen in den Ruhestand gehen. Wenn gleichzeitig zwei Drittel der Absolvent:innen vom Jura-Studium abraten: Wer wird sich das dann noch zutrauen?

*Die Namen von Julia, Antonia und Sam sind geändert und der Redaktion bekannt.

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