Partner von:

Aus der Traum von Oxford

Oxford, Traum, Erasmus [Quelle: pixabay.com]

Quelle: pixabay.com

Ein Auslandsstudium in Großbritannien ist sehr beliebt. Doch nach dem Brexit werden sich das nur wenige leisten können: Die Gebühren steigen und mit Erasmus ist Schluss.

Eigentlich hatte Hanna Uihlein vor, in London zu bleiben und dort einen zweiten Master in Development Studies zu machen. Doch der Brexit macht die Sache kompliziert: Grund dafür ist die neue Gebührenordnung für europäische Studierende, die ab kommenden Sommer gilt. Einen zweiten Master in Großbritannien kann sich Hanna damit nicht mehr leisten. 

Dass sich mit dem Brexit vieles ändern würde, war klar: Als eine knappe Mehrheit der Briten 2016 für den Austritt aus der EU stimmte, zeichnete sich rasch ab, was das für EU-Bürgerinnen bedeuten würde: Visumspflicht bei längeren Reisen, Aufenthaltsgenehmigungen bei einem Umzug nach Großbritannien und Schwierigkeiten dabei, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Lange sah es so aus, als ob sich zumindest die Situation für Studierende aus der EU nicht grundsätzlich ändern würde.

Doch die britische Regierung kündigte im Juni 2020 eine neue Gebührenordnung für europäische Studierende an, die ab August 2021 gilt. Bisher zahlten Studierende aus der EU dieselben Kosten wie Britinnen, sogenannte home fees. Wer jetzt ein Studium beginnt, muss allerdings die höheren "overseas"-Gebühren für Studierende aus dem Ausland bezahlen. 

Nur halb in London

Für Hanna bedeutet das: Wenn sie weiter in London studieren will, muss sie anstatt der bisherigen rund 14.600 Euro pro Jahr umgerechnet etwa 26.000 Euro zahlen. Hanna ist im vergangenen August nach London gezogen. Sie studiert derzeit an der Soas University einen einjährigen Master in Konfliktforschung. Das heißt in Corona-Zeiten: Sie studiert in ihrem Zimmer vor dem Laptop, persönlichen Kontakt zu ihren Kommilitoninnen hat sie lediglich bei Spaziergängen.

Wenn sie dabei im abendlichen London an ihrer Universität vorbeiläuft, ist sie enttäuscht: "Durch Corona fühlt es sich so an, als ob ich nur so halb in London bin. Das ist besonders schade, weil ich von Alumni gehört habe, wie toll das Zusammengehörigkeitsgefühl und die internationale Atmosphäre auf dem Campus sein soll", erzählt die Studentin am Telefon.

Großbritannien ist eines der beliebtesten Ziele für ein Auslandsstudium. Über 15.000 Deutsche studierten 2018 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Großbritannien – rund drei Viertel davon verbrachten ihren gesamten Bachelor- oder Masterstudiengang oder ihre Promotion in Großbritannien. Nur in den Niederlanden machten 2018 mehr Deutsche ihren Abschluss.

Sich ein Studium in Großbritannien zu finanzieren, war bereits vor dem Brexit eine Herausforderung. Wer keine Eltern hat, die einen in diesem Maße finanziell unterstützen können, hatte bisher vor allem eine Option: ein Stipendium. Doch das könnte in Zukunft wohl nicht reichen. Die deutschen Begabtenförderungswerke fördern lediglich Studienanfängerinnen im EU-Ausland und der Schweiz. Die Studiengebühren in Großbritannien müssen sie damit selbstständig tragen. Zuvor sind von den Stiftungen bis zu 10.000 Euro der Studiengebühren ihrer Stipendiatinnen und Stipendiaten übernommen worden.

BYE, ERASMUS!

Wer allerdings nicht für den Bachelor, sondern erst im Master oder für eine Promotion nach Großbritannien geht, kann weiterhin mit bis zu 10.000 Euro gefördert werden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der Studierende im Ausland grundsätzlich erst nach dem Bachelorabschluss fördert, übernimmt in Großbritannien bis zu 6.100 Euro. Neben den Einreisebestimmungen ändert sich für Studierende gegebenenfalls auch der Anteil an Studiengebühren, den sie außerhalb ihres Stipendiums selbst aufbringen müssen, sagt Michael Flacke, Pressesprecher des DAAD.

Das bedeutet: Selbst wenn 6.100 oder 10.000 Euro der Studiengebühren übernommen werden, würde es zum Beispiel in Hannas Fall nicht annähernd die erhöhten Gebühren decken. Das Studentenvisum für knapp 400 Euro, das Studierende jetzt brauchen, erscheint im Vergleich günstig. Die Eigenbeteiligung wäre hoch – und eine Garantie auf ein Stipendium gibt es ohnehin nicht.

Für alle Studierenden, die sich kein komplettes Studium in Großbritannien finanzieren konnten, gab es bisher noch eine andere Möglichkeit: Erasmus. Doch seit Januar steht fest: Großbritannien scheidet aus dem Programm aus und nimmt auch nicht an Erasmus-Plus teil, dem von der EU geförderten Austauschprogramm für Ziele außerhalb Europas.

In Deutschland wird sich das besonders bemerkbar machen: Hier war Großbritannien nach Spanien und Frankreich das drittbeliebteste Land für einen Erasmus-Auslandsaufenthalt. Zwar ist das Auslandssemester über Erasmus in Großbritannien nach Angaben des DAAD noch bis 2023 möglich – allerdings nur, wenn Universitäten noch Gelder aus den aktuellen Töpfen dafür zur Verfügung haben.

Eine weitere Option ist AuslandsBAföG. Das können auch Studierende außerhalb der EU und der Schweiz empfangen. In der Regel für ein Jahr, in Ausnahmefällen auch bis zu zwei Jahren. Doch damit kommt man nicht weit: Mit AuslandsBAföG lassen sich zwar je nach Stadt die Lebenskosten decken – die Studiengebühren allerdings nicht.

Der DAAD werde nun "mittelfristig überlegen, wie mit steigenden Studiengebühren in Großbritannien umzugehen ist", sagt Michael Flacke. Es sei nämlich auch im Interesse des DAAD, dass deutsche Studierende an den renommierten britischen Universitäten studieren können. "Wir dürfen nicht so tun, als ob der Brexit ein britisches Problem ist", sagte der Präsident des DAAD Joybrato Mukherjee jüngst gegenüber dem Magazin Forschung und Lehre. "Britische Hochschulen sind international extrem attraktiv."

Ein Studium in Großbritannien ist nicht nur sehr prestigeträchtig. Die Qualität des Kursangebots und der Betreuung gilt als besonders gut. Genau deshalb wollte auch Hanna nach ihrem Bachelor in Erfurt nach London. Viele ihrer Freunde konnten nicht verstehen, warum sie hohe Studiengebühren zahlen wolle, wenn sie in Deutschland umsonst studieren könne.

"Für mich war aber allein der Uni wegen klar, dass ich nach London gehen würde. Außerdem wollte ich unbedingt in einem englischsprachigen Land studieren", erzählt die Studentin. "Mein Feld ist die internationale Zusammenarbeit. Dass ich mit englischsprachiger Literatur arbeite und Essays auf Englisch schreibe, ist eine super Vorbereitung."

Letzte Hoffnung

Obwohl sie jetzt nur zu Hause in ihrem Zimmer vor dem Laptop sitzt, ist Hanna froh, nach London gezogen zu sein. "Ich brauche den örtlichen Bezug zum Studium. So kann ich jetzt trotz Corona die Bibliothek nutzen und zumindest ein paar Leute aus meinem Kurs kennenlernen." Dadurch fühle es sich realer an und das trage zu ihrer Motivation bei, sagt sie. Neben den Seminaren auf Zoom hat sie wöchentliche Gespräche mit ihren Betreuern über ihren Lernfortschritt.

Für Hanna hat sich noch eine letzte Option ergeben, wie sie sich einen zweiten Master in London finanzieren kann. Die britischen Universitäten, darunter die Soas, an der Hanna studiert, bieten teilweise eigene Stipendien für internationale Studierende an. Mit oftmals mehreren hundert Bewerberinnen pro Platz sind diese nach Angaben des Zusammenschlusses britischer Universitäten stark umkämpft, aber Hanna ist optimistisch. Sie hofft auf eine Zusage, um noch ein bisschen mehr von London zu erleben als ihr Zimmer. 

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Comments (0)

You don't have access to post comment.

Das könnte dich auch interessieren