Partner von:

Von schmuddeligen WG-Zimmern und langen Wartelisten

Mietshaus Hochhaus [Quelle: Unsplash.com, Autor: Vlad B]

Quelle: Unsplash.com, Vlad B

Die Pandemie hat die Wohnungssuche für viele Studenten deutlich schwieriger gemacht. Viele Suchende sind verzweifelt, denn auch die Wohnheime in vielen Uni-Städten sind voll. Es gibt allerdings eine Ausnahme.

Essensreste in der Spüle, ungeleerte Brotdosen in der Küche, mit Klebeband befestigte Fliesen im Bad – und damit nicht genug: Bei der WG-Besichtigung muss Laura Heinrich sich auch noch den Weg durch Pfandflaschen und leere Konservendosen bahnen. So hat sich die 23 Jahre alte Frau ihre Wohnungssuche nicht vorgestellt. Als die gelernte Notfallsanitäterin Mitte September ihre Zusage für das Medizinstudium in Gießen bekam, hat sie sich direkt auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft gemacht. So verdreckt wie das als Wohngemeinschaft deklarierte Flaschenlager war kein anderes Quartier, das sie besichtigt hat, aber auch keines sonst wäre so billig zu haben gewesen: "Kein Wunder, dass die für das Zimmer nur 280 Euro im Monat wollten."

Eigentlich wollte Heinrich eine eigene Wohnung in Gießen haben, doch sie stellte schnell fest, dass das finanziell nicht machbar wäre: "600 Euro für 20 Quadratmeter kann ich mir einfach nicht leisten." Ein Studentenwohnheim kam für sie ebenfalls nicht in Frage: Die Zimmer seien sehr klein, die Gemeinschaftsküchen dreckig, und außerdem sei es zum Teil sehr laut, hatte die künftige Studentin von Bekannten gehört. "Es soll auch schöne Wohnheime geben", sagt sie. "Da sind jedoch keine Plätze mehr frei."

Weniger Nebenjobs, steigende Mieten

Wie Heinrich müssen in diesen Tagen viele Erstsemester feststellen: Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist unverändert angespannt – auch wenn die Hochschulen wegen Corona im Wintersemester deutlich weniger Präsenzveranstaltungen anbieten werden und die physische Nähe zum Campus manchem Studenten deshalb nicht so wichtig erscheinen mag wie sonst.

Auf dem freien Wohnungsmarkt hat sich die Situation durch die Pandemie sogar eher noch verschlimmert, wie eine Studie des Finanzdienstleisters MLP und des Instituts der deutschen Wirtschaft nahelegt. Während in der Krise das Nebenjob-Angebot schrumpft, sind die Kosten für die der Erhebung zugrunde gelegte Musterwohnung an 29 von 30 untersuchten Hochschulstandorten gestiegen. In Frankfurt verteuerte sich die Warmmiete für diese Wohnung (30 Quadratmeter, hochschulnah gelegen) im zweiten Quartal des Jahres um zehn auf 508 Euro, in Darmstadt um vier auf 440 Euro und in Mainz um einen auf 489 Euro.

Ein Jahr Warten auf einen freien Wohnheimplatz

Wer angesichts solcher Preise auf Unterkunft in einem öffentlich finanzierten Wohnheim hofft, wird vielerorts ebenfalls schlechte Chancen haben – es sei denn, er steht schon seit längerem auf der Warteliste. Die umfasst etwa beim Studentenwerk Frankfurt derzeit rund 2400 Namen, wie der stellvertretende Geschäftsführer Johannes Tiebel berichtet.

Im Vorjahr habe es um diese Zeit etwa 3000 Interessenten gegeben. Wer bereit sei, jeden freiwerdenden Platz unabhängig von Miete und Ausstattung zu nehmen, müsse mit einer Wartezeit zwischen einem halben und einem Jahr rechnen. Corona habe nur zu einem "temporären Rückgang des Drucks" geführt; mittlerweile sei für die knapp 3000 Wohnplätze des Studentenwerks in Frankfurt, Offenbach, Rüsselsheim, Wiesbaden und Geisenheim wieder "Vollauslastung" festzustellen. Gerade einmal 3,8 Prozent der Studierenden in seinem Zuständigkeitsgebiet könnte Tiebel theoretisch ein Quartier anbieten. Rechne man öffentlich geförderte Plätze anderer Anbieter hinzu, steige die Versorgungsquote auf 7,5 Prozent.

Nicht viel besser sieht es in Südhessen aus. Laut dem Sprecher des Studierendenwerks Darmstadt sind die gut 2600 Plätze, die seine Einrichtung bereitstellt, zu rund 95 Prozent belegt. Es sei damit zu rechnen, dass bis zum Vorlesungsbeginn am 1. November auch die letzten freien Unterkünfte vergeben würden. Wie in Frankfurt standen in Darmstadt während des Sommers einige Zimmer leer, weil vor allem etliche ausländische Studenten pandemiebedingt nicht anreisen konnten oder wollten. Das ist jetzt nicht anders, der Effekt auf die Wohnheim-Auslastung im Wintersemester dürfte aber gering sein. Wie die Wohnheimbetreiber in Frankfurt und Darmstadt rechnet daher auch das Studentenwerk Gießen nach eigenen Angaben mit einer guten Belegung von November an. Aktuell gebe es etliche Bewerbungen für einen Platz.

In Mainz noch mehr als 200 Plätze zu vergeben

Eine bemerkenswerte Ausnahme findet sich auf der linken Rheinseite: Das Studierendenwerk Mainz hatte – Stand Montag – noch 273 seiner 4279 Plätze zu vergeben. Das entspricht einer Leerstandsquote von mehr als sechs Prozent, die dem Studentenwerk einen Mieteinnahmen-Verlust von 90.000 Euro im Monat einbringt. Geschäftsführerin Alexandra Diestel-Feddersen führt die große Zahl an freien Unterkünften auf die rege Bautätigkeit des Studentenwerks in den vergangenen Jahren zurück, die für ein gutes Wohnungsangebot gesorgt hat – allerdings auch für eine vergleichsweise hohe Durchschnittsmiete von 353 Euro.

Vom Überangebot in Mainz können Studenten und Auszubildende aus den Nachbarstädten profitieren. Diestel-Feddersen hat nach eigenen Worten die Studentenwerks-Kollegen in Frankfurt und Darmstadt wissen lassen, dass sie Interessenten auf Mainz verweisen können. Die Resonanz hält sich bisher in Grenzen: Derzeit sind nur etwa 50 Bewohner nicht an einer Mainzer Hochschule eingeschrieben, unter ihnen sind auch Auszubildende und Berufstätige.

Hygieneprobleme in der WG mit zehn Bewohnern

Für einen Gießener Studenten wäre ein Quartier am Rhein wohl doch zu abgelegen. Laura Heinrich, die künftige Medizinstudentin, entschied sich schließlich, nach Wohngemeinschaften zu suchen. Doch auch das gestaltete sich schwierig. Günstige Zimmer hätten immer einen Haken gehabt, erzählt sie: "Entweder waren die Wohnungen alt, zu klein oder nicht gepflegt." Außerdem fand sie viele Anzeigen für WGs mit mindestens zehn Mitbewohnern. Ein ehemaliger Mieter eines solchen Kollektivs warnte Heinrich: Es sei dort sehr dreckig gewesen, die Bäder habe man nur in Schuhen betreten können. Kleinere Wohngemeinschaften mit drei oder vier Personen waren selten, und von denjenigen, die Heinrich über Ebay oder "WG gesucht" anschrieb, bekam sie selten eine Antwort. Am ersten Sonntag, an dem sie für Besichtigungen drei Stunden nach Gießen und drei Stunden wieder zurück fuhr, hatte sie nur einen Termin bekommen – und auch diese Anbieter hätten sich danach, anders als versprochen, nicht zurückgemeldet.

Die Verzweiflung der angehenden Ärztin wuchs, "obwohl ich noch bis Ende Oktober Zeit hatte". Freunde scherzten schon, dass sie ja zelten könne. Notfalls hätte Heinrich die Möglichkeit gehabt, kurzfristig bei Bekannten in Marburg zu übernachten und zu pendeln. Doch Ende September fand sie doch noch die passende WG – ein "Glückstreffer", wie sie selbst sagt. An ihrem zweiten Besichtigungstag in Gießen stieß sie in der Frühe auf eine neue Anzeige: "Ich habe spontan nachgefragt und durfte vorbeikommen." Ihre Vierer-WG ist nicht nur nah an der Uni, sondern mit 420 Euro für ein 15-Quadratmeter-Zimmer auch noch bezahlbar. Außerdem sind die Mitbewohner nach Heinrichs Eindruck aufgeschlossen und unternehmungslustig: Sie hätten schon angeboten, ihr die Stadt zu zeigen.

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren