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Kein Zutritt bei mehr als 37,4 Grad

Coronavirus Covid-19 Arbeit mit Maske [Quelle: Pixabay.com, Autor: Engin_Akyurt]

Quelle: Pixabay.com, Engin_Akyurt

Trotz Coronagefahr starten viele Wirtschaftshochschulen zum Wintersemester wieder mit Präsenzlehre. Vielen Studenten ist Fiebermessen auf dem Campus lieber als Lernen vor der Webcam. Sie sehen Nachteile im Onlinestudium.

Der Professor trägt Mundschutz und Handschuhe, überall hängen Spender mit Desinfektionsmittel, ein Roboter entkeimt die Räume mit UV-Strahlen. Was wie ein Lehrfilm für Mediziner anmutet, ist neuerdings Alltag im Managementstudium: In einem Video zeigt die IE Business School, wie das Campusleben im Finanzzentrum von Madrid ab dem kommenden Semester aussehen wird. Wer hier studieren will, muss zuvor einen Coronatest machen und sich die unieigene Corona-App aufs Smartphone laden. Elektronische Schranken regeln den Zutritt zu den Gebäuden, Wärmebildkameras erfassen Personen mit erhöhter Temperatur. Bei mehr als 37,4 Grad Celsius bleibt die Tür verschlossen.

Um stets sicheren Abstand zu wahren, geben Einbahnsysteme mit Pfeilen und Absperrungen die Laufrichtung vor, im Hörsaal ist jeder zweite Tisch durch ein blaues Kreuz blockiert. Das Reinigungspersonal leistet Sonderschichten, um nach jeder Vorlesung Tische und Türgriffe zu putzen. "Wir sind vorbereitet und haben alle nötigen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz und für physischen Abstand getroffen", sagt IE-Präsident Santiago Iñiguez de Onzoño.

Rund um den Globus setzen Business Schools derzeit alles daran, ihrer zahlenden Kundschaft trotz vielerorts steigender Infektionszahlen eine möglichst sichere Rückkehr auf den Campus zu ermöglichen. Zwar haben die meisten im Zuge des Corona-Lockdowns ihr digitales Studienangebot deutlich ausgebaut, doch die wenigsten Studenten wünschen sich Online-Kurse als Dauerlösung. Eine große Mehrheit ist der Ansicht, dass ein rein virtuelles Studium Nachteile beim Networking sowie schlechtere Karrierechancen mit sich bringt, ergab eine Umfrage des gemeinnützigen US-Bildungsdienstleisters GMAC im Juni. Rund 40 Prozent würden ihr geplantes MBA-Studium lieber verschieben oder ganz darauf verzichten, sollte der Campus geschlossen bleiben. Ein ähnliches Bild liefert ein Report des Beratungsunternehmens Carrington Crisp. Demzufolge ist ein Online-MBA nur für 15 Prozent der Interessenten erste Wahl. Die Mehrzahl bevorzugt klassische Vollzeitprogramme – trotz Coronagefahr.

Privathochschulen als Vorreiter

Wie die IE begegnen auch die deutschen Wirtschaftshochschulen dem Infektionsrisiko mit umfangreichen Hygienekonzepten. Ob ESMT in Berlin, HHL in Leipzig, EBS in Wiesbaden oder Frankfurt School of Finance & Management: Überall wurden in den vergangenen Wochen Stühle entfernt, Laufwege gekennzeichnet, Fahrstühle gesperrt und Hygieneregeln aufgestellt. "Höchste Priorität bei der Wiederaufnahme der Präsenzlehre hat für uns die Gesundheit unserer Studierenden, Professoren und Mitarbeiter", sagt Markus Rudolf, Rektor der WHU Otto Beisheim School of Management.

Als erste deutsche Business School hatte die WHU ihren Campus in Vallendar Anfang März wegen eines Coronafalls vorsorglich geschlossen und kurzfristig auf digitale Formate umgestellt. Anfang Juli war sie auch die erste, die ihre Studenten mit umfangreichen Schutzvorkehrungen zurück auf den Campus ließ. Schneller war nur das Schweizer IMD in Lausanne, wo bereits seit Juni wieder unterrichtet wird. Tägliches Fiebermessen, Maskenpflicht und Trennwände aus Plexiglas gehören hier zur neuen Normalität.

Bereits bei Ausbruch der Pandemie waren es vor allem private Hochschulen, die schnell reagierten und virtuelle Hörsäle einrichteten. Nun sind sie Vorreiter bei der vorsichtigen Öffnung und konsequenten Umsetzung von Hygienekonzepten – auch weil es zu ihrem Selbstverständnis gehört, Führungsverantwortung zu vermitteln. Umsicht und Fürsorge für die eigene Gesundheit und die der Gemeinschaft seien wichtige Erfolgskriterien, für die künftig alle kooperieren müssten, heißt es im Video der IE. So sollen neben klassischen Management Skills auch Rücksichtnahme und Respekt in die Führungsetagen getragen werden: Aushänge und Mails erinnern an hygienisches Husten und Niesen, der Mund-Nasen-Schutz gehört auf dem Campus zum selbstverständlichen Business-Outfit. Und der Verzicht auf körperliche Begrüßungen wie Händeschütteln oder Wangenkuss verhindert an den internationalen Kaderschmieden nicht nur Infektionen, sondern auch Tritte in interkulturelle Fettnäpfchen.

Eine Rückkehr zu alten Gewohnheiten ist die Rückkehr zur Präsenzlehre jedenfalls nicht: Da die Angst vor Ansteckung, Quarantäneregeln oder Reisebeschränkungen Studierende auch weiterhin am persönlichen Erscheinen hindern können, starten viele Business Schools mit hybriden Formaten ins neue Semester. Alle Veranstaltungen sollen künftig simultan im Seminarraum und virtuell stattfinden. Alle Teilnehmer entscheiden selbst, welche Form ihnen lieber ist. Hierbei profitieren die Hochschulen von ihren digitalen Erfahrungen während des Lockdowns, technisch wie organisatorisch haben viele deutlich aufgerüstet.

HHL verschiebt Semesterstart

Von den deutschen Business Schools hat sich bisher nur die HHL Leipzig entschieden, den Semesterstart zu verschieben. Aus Rücksicht auf die vielen internationalen Studenten beginnt der Präsenzunterricht des Vollzeit-MBA-Programms erst im Januar 2021. Für alle, die schon vorher anreisen, werden jedoch ab September optional Sprachkurse, Propädeutika und extracurriculare Veranstaltungen angeboten. Alle neuen MBA-Studenten begrüßten die Entscheidung, sagt Rektor Stephan Stubner: "Studenten wollen nicht nur online lernen. Sie wählen einen MBA, weil sie vor Ort Netzwerke aufbauen wollen, die Studienerfahrungen eines Campus suchen und interaktiv ihr Wissen und ihre Kompetenzen ausbauen wollen", sagt er. Hörsaal schlägt Webcam – selbst in Coronazeiten.

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