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Warum junge Menschen in Parteien eintreten

Menschenmenge Plakat politisches Engagement [Quelle: Pexels.com, Autor: Engagement]

Quelle: Pexels.com, Markus Spiske

Markus Söder war stolz: Tausende neue Mitglieder habe die CSU in jüngster Vergangenheit gewonnen, ließ er mitteilen. Was junge Menschen bewegt, in diesen Zeiten einer Partei beizutreten, erzählen sie hier.



Parteien wirken oftmals altbacken und nicht nur die klassischen Parteien wie CDU und SPD haben ein Nachwuchsproblem. Wir haben uns bei neu eingetretenen Parteimitgliedern umgehört, was sie zum Mitmachen motiviert.

Michelle Nguyen, SPD: "SPD braucht Unterstützung"

Seit ihrem sechsten Lebensjahr wohnt die gebürtige Berlinerin Michelle Nguyen in Frankfurt, interessierte sich bis vor Kurzem aber nicht für die Kommunalpolitik. Im Januar dann der Umschwung: "Als die Kommunalwahl vor der Tür stand, fand ich, dass es jetzt Zeit sei, sich zu engagieren. Gerade die SPD brauchte Unterstützung, also habe ich mit den Jusos Wahlkampf gemacht." Wegen der Corona-Pandemie war die 22 Jahre alte Jurastudentin vor allem im Onlinewahlkampf aktiv und hat Videos, Posts und Bilder produziert – zum Teil mit negativer Resonanz. Als sie auf Facebook für eine Frauenquote warb, erhielt sie herablassende Kommentare. "Sprüche wie 'Die Politik ist doch kein Ponyhof' waren keine Seltenheit", sagt sie.

Nguyen fühlt sich den Jungsozialisten auch deshalb verbunden, weil sie gegen Diskriminierung einstünden. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass anders aussehende Deutsche oft durch die Einschränkung "mit Migrationshintergrund" abgewertet würden. "Wenn ich mal Kinder habe, wird selbst ihnen noch ein Migrationshintergrund zugeschrieben, obwohl ihre Mutter in Deutschland geboren und aufgewachsen ist." Auch mit anderen Parteien könne sie sich anfreunden, sagt Nguyen. "Die Grünen sind super." Aber nachdem sie an einer Kreismitgliederversammlung der Grünen teilgenommen hatte, entschied sie sich dann doch für die SPD. Warum? "Die Jusos sind bodenständiger."

Charlotte May, FDP: "Quote ist kontraproduktiv"

Während der Schulzeit erlebte Charlotte May das Aufkommen der Fridays-for-Future-Bewegung hautnah und war von dieser abgeschreckt. Mit dem Idealismus vieler Mitschüler habe sie nichts anfangen können, sagt die Neunzehnjährige, erst recht nicht, wenn er als Vorwand fürs Schwänzen gedient habe. Nach ihrem Umzug von Mannheim nach Wiesbaden ging May zur FDP. Nun ist die Jurastudentin seit etwa einem Monat Mitglied.

Das im Vergleich zu anderen Parteien sachliche Auftreten der FDP habe sie angezogen, sagt sie. Zwischen Grünen, Sozialdemokraten und CDU gebe es inhaltlich kaum noch Unterschiede, Linke und AfD seien zu extrem. Bei den Grünen würde May allerdings gerne mal vorbeischauen, um mit ihnen über Feminismus zu diskutieren, denn Frauenquoten hält sie für kontraproduktiv.

Das Image der Freien Demokraten ist aus Sicht der Studentin ein großes Problem. "Von Außenstehenden wird die FDP manchmal als schnöselige Wohlstandspartei betrachtet, der sogar teilweise rechte Tendenzen zugeschrieben werden." In ihrem Bekanntenkreis hat May zudem die Erfahrung gemacht, dass zwischen FDP und AfD nicht groß unterschieden wird. Sie selbst bekam einmal wüste Reaktionen, nachdem sie einen FDP-Wahlaufruf online geteilt hatte. Wenn die FDP erfolgreicher sein wolle, müsse sie ihre Sozialpolitik stärker in den Vordergrund rücken, sagt May.

Emilia Schmitz, CDU: "Nicht nur Partei alter Männer"

Emilia Schmitz ist seit Januar Mitglied der Jungen Union Offenbach (JU), der Jugendorganisation der CDU. Sie tritt damit in die Fußstapfen ihres Vaters, des Schatzmeisters der Offenbacher CDU, und ihrer Schwester, die ebenfalls Mitglied im Kreisverband ist. Die Sechzehnjährige hat sich auch mit anderen Jugendorganisationen auseinandergesetzt, für sie gab es aber keine Alternative zur JU. "Wenn sich in einer Jugendorganisation alles nur um Antirassismus und Gleichstellung dreht, finde ich das nicht ausreichend." Die Jungsozialisten kämen für sie daher nicht in Frage.

Natürlich macht sich auch Schmitz Gedanken um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie bedauere beispielsweise, dass es dazu im Wahlprogramm der Offenbacher CDU keinen expliziten Punkt gebe. Als Kanzlerin, sagt die Schülerin, würde sie die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen durchsetzen – und bemängelt im selben Atemzug, dass andere Parteien oft Versprechen abgäben, die jenseits des Möglichen lägen.

In ihrer Heimatstadt möchte sich Schmitz vor allem für einen schuldenfreien Haushalt starkmachen. Viel Einfluss konnte sie coronabedingt allerdings noch nicht nehmen. Ein positives Bild von der Jungen Union zu vermitteln sei ein Grund für ihren Eintritt gewesen, sagt Schmitz. "Viele denken, in der JU sitzen nur biertrinkende und altbackene Männer vom Land. Ich will den Leuten zeigen, dass dem nicht so ist."

Tiara Mengel, Volt: "Fühle mich als Europäerin"

Tiara Mengel wohnt in Frankfurt, arbeitet in Marburg als Ernährungstherapeutin, studiert Diätetik, Fitness and Health Management in Fulda und Düsseldorf. Sie ist Studentin und Selbständige. Außerdem ist die Zweiundzwanzigjährige seit zwei Monaten bei Volt aktiv.

Mengel ist durch die Frankfurter Kommunalwahl auf die erst 2017 gegründete proeuropäische Partei aufmerksam geworden. "Mir gefielen die Plakate von Volt. Und als deren Leute vor meiner Haustür plakatierten, habe ich sie einfach angesprochen. Sie waren supernett, also bin ich eingetreten."

Den Wahlkampf habe sie noch in seiner heißen Phase erlebt, selbst plakatiert und auf der Straße diskutiert. Nun ist sie an der Aushandlung des Koalitionsvertrags zwischen Grünen, SPD, FDP und Volt im Römer beteiligt. Mengel setzt sich in einer der Fachgruppen für die Umsetzung von Volts Frauenpolitik ein. "Ich fühle mich als Europäerin und will den Lebensraum mitgestalten, der mich umgibt."

Dass Volt keine Jugendorganisation hat, betrachtet Mengel nicht als Manko, sondern freut sich darüber. "Man verschenkt viel Potential und Motivation, wenn man junge Menschen in so eine Spielecke steckt und ihnen sagt, dass sie erst bei den Großen mitmachen dürfen, wenn sie da rausgewachsen sind." Weil sie das so einschätzt, hat sie sich deshalb bisher in keiner Jugendorganisation engagiert und hat das auch nicht vor.

Timo Kerth, Grüne: "Teil der Veränderung sein"

Anfang November zog es Timo Kerth für sein Masterstudium nach Darmstadt und in die Grüne Jugend. Durch die Corona-Beschränkungen wurde die Nachwuchsorganisation der Grünen zu einem wichtigen sozialen Anknüpfungspunkt für den Dreiundzwanzigjährigen. "Ich finde es angenehm, Leute zu treffen, die ähnliche Gedanken und Einstellungen haben. Außerdem hat man immer ein gutes Gesprächsthema."

Den Studenten des Wirtschaftsingenieurwesens verbindet vor allem die Sorge um die Umwelt mit den Grünen. "Wenn es in meiner Macht stünde, würde ich eine höhere C02-Steuer, die sich auf den Fleischpreis auswirkt, einführen." Der Veganer ist auch über die Ernährung zur Partei gekommen. Billigfleisch aus Supermärkten zu verbannen, hält er für unerlässlich. "Ich habe überlegt, in Organisationen wie den BUND zu gehen, aber die Grünen können mehr bewirken." Zudem seien sie wegen ihrer Umfragewerte besonders attraktiv. "Man will eben Teil der Veränderung sein."

Das politische Engagement auf kommunaler Ebene hat Kerth nach anfänglichen Irritationen schätzen gelernt. "Als ich eingetreten bin, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass es bei den Grünen Redelisten gibt, die bestimmen, dass Männer und Frauen nur abwechselnd sprechen dürfen." Inzwischen hat er sich mit diesem Konzept angefreundet. Diskussionen seien spannender, wenn nicht immer dieselben Männer reden würden.

Stephanie Costagli, Linke: "Politik hat Studenten vergessen"

Gleich nachdem Stephanie Costagli im vergangenen September in Frankfurt Mitglied der Linken wurde, ergatterte sie den fünften Listenplatz für die Ortsbeiratswahl. Die Fünfundzwanzigjährige war zuvor bereits in der Linken-Hochschulgruppe der Goethe-Universität aktiv. "Das Ohnmachtsgefühl während der Corona-Pandemie hat mich dazu gebracht, in die Linke einzutreten", sagt die Soziologiestudentin. "Die Politik hat die Studenten vergessen, das wollte ich nicht so einfach hinnehmen."

Also warb Costagli im Kommunalwahlkampf für einen Aufbruch; trotz Corona analog und hinter einem Wahlkampfstand. Dort sei alles friedlich zugegangen, aber seit eine kurdische Parteifreundin, die ebenfalls für einen Ortsbeirat angetreten sei, Morddrohungen erhalten habe, ist Costagli vorsichtig geworden. Sie achtet nun sehr darauf, Adresse und Telefonnummer geheim zu halten.

In den Ortsbeirat hat es Costagli nicht geschafft. Das hatte sie bereits geahnt, dennoch wollte sie auf die Liste, um sie weiblicher und jünger zu machen. Costagli will sich auch künftig in der Kommunalpolitik engagieren. Sie habe große Unterstützung in ihrer Partei erhalten. Selbst Janine Wissler, Linken-Bundesvorsitzende und hessische Landtagsabgeordnete, habe sie angerufen und ihr Mut zugesprochen. Jetzt wolle sie aber erst einmal ihre Masterarbeit zum Bologna-Prozess und der Vereinheitlichung der europäischen Universitäten fertig schreiben.

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