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Wie die wilden Studis wohnen

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Quelle: unsplash.com, Kipras Streimikis

46 Prozent der heranreifenden Akademiker leben in einer Wohngemeinschaft. Sie haben sich – warum auch immer – für ein Dasein unter Kühlschrankräubern entschieden statt für den Komfort von Hotel Mama (30 Prozent) oder die Privatsphäre der eigenen vier Wände (24 Prozent). Eines aber verheimlicht die Statistik: ob das WG-Dasein wirklich wünschenswert ist. Ein glühender Befürworter und eine Skeptikerin ziehen Bilanz.

Alles klebt und ich bin glücklich

Kurze Nacht und schlechter Schlaf. Ich torkle in die Küche zur Kaffeemaschine. Der Boden klebt, es gibt keine saubere Tasse. Ich öffne die Büchse mit dem Kaffeepulver (klebt auch) und sehe zwischen den letzten Krümeln einen Zettel: "Sorry". WG kann nerven – aber nur in einer WG gibt es die volle Dosis Studentenleben.

Als frischer Erstsemester wollte ich unbedingt meine eigene Wohnung haben, mein eigenes kleines Reich. Die Küche mit jemand anderem teilen? Unvorstellbar. Mein Wunschtraum platzte aber bald: Die Wohnung wurde zu teuer und ich musste umziehen. Ich überwand mich und zog in eine WG. Zum Glück! Ob es das Richtige für jedermann ist? Eher nicht. Aber die Argumente dagegen überzeugen mich heute nicht mehr.

In meiner WG habe ich Privatsphäre. Es ist nur eine Frage der Kommunikation. Beim Einzug habe ich gesagt, dass ich meine Tür auch zumache, wenn ich meine Ruhe brauche. Meine Mitbewohner respektieren das. Privatsphäre habe ich früher als heiliges Gut verstanden – don't touch it! Aber da kam ich gerade aus Mamas Nest und kannte nur den Zustand, wenn die eigenen Erzeuger durchs Schlüsselloch linsen. Meine Mitbewohner sind nicht meine Eltern, ich bin nicht ihr Sprössling, den man behüten muss. Sie sind meine Freunde.

Und ich lebe mit ihnen zusammen. Das heißt, ich kann mich jederzeit mit ihnen treffen, gemeinsam kochen oder Zeit vertrödeln. Ganz ohne Verabredung. Nach der langen Nacht der Hausarbeiten komme ich abends gern nach Hause. Dort warten meine Mitbewohner mit einem kalten Bier auf mich. Und wenn ich gar nicht reden will, bewerfen wir uns mit pixeligen Schildkrötenpanzern. Auch, wenn die Controller inzwischen klebrig sind.

Ja, die Sauberkeit. Für bazillenzählende Reinlichkeitsfanatiker ist eine WG gefährliches Terrain: Du weißt nie, ob die Küche noch so sauber aussieht, wenn du abends nach Hause kommst. Vielleicht hat dein Mitbewohner spontan entschieden, seine ersten Schritte als Konditor zu machen und präsentiert dir sein Ergebnis, das in flüssiger Form auf dem Boden des Backofens klebt. Eine WG ist eben auch ein Testgelände: zum ersten Mal kochen, zum ersten Mal wirtschaften, zum ersten Mal putzen. Erfahrungen sammeln macht Dreck. Deswegen sieht es in der WG nicht immer aus wie im Ikea-Katalog. Sie ist dreckiger, als eine eigene Wohnung wäre.

Aber auch ich kann dabei was lernen: Gelassenheit. Ich werde in meinem Leben vor allem mit Menschen zu tun haben, die anders ticken als ich. Die beste Übung für mehr Toleranz gegenüber anderen Lebenseinstellungen ist das Zusammenleben. Das bedeutet manchmal Chaos und strapazierte Nerven, aber auch ein Gefühl von Gemeinschaft. Meine WG ist mein Zuhause, hier bin ich glücklich – auch wenn alles ein bisschen klebt.

WG = Leben unter Störenfrieden

Ich habe kein gutes Argument gegen eine WG. Und ich habe auch kein gutes Argument für eine eigene Wohnung. Zumindest keins, das mich nicht klingen lässt wie die neurotische Tochter von Meister Propper und der Putzfee. Meine Wohnung ist der Stein gewordene Beweis meiner Schrulligkeit, Spießigkeit und Neurosen, die ich mit ihr eigentlich verbergen wollte. Trotzdem liebe ich es, alleine zu wohnen. Eine WG hingegen wäre für mich ein Persönlichkeitsspagat, der meine seelische Gelenkigkeit weit überdehnen würde.

Denn ich komme nach einem langen Tag an der Uni gerne heim und bin ganz und gar alleine, ohne eine Menschenseele um mich herum. Ich genieße die Stille, das Schweigen, die Friedlichkeit. Ich genieße es, niemandem mehr über den Weg zu laufen, nicht in der Küche, nicht im Bad, nirgendwo. Und ja, ich genieße auch die Sauberkeit. Meine Böden sind so reingefegt, dass ich barfuß laufen kann, ohne Krümel unter den Füßen zu haben. Alles ist da, wo ich es haben will, und alles ist da, weil ich es haben will. Was nicht gefällt, fliegt – eine Haltung, mit der man in der WG binnen kürzester Zeit lynchähnliche Zustände herbeiführen würde.

Meine Wohnung ist in jeder Hinsicht friedlich: akustisch, optisch, hygienisch. WG hingegen bedeutet für mich: Leben unter Störenfrieden.

Ups! Für diesen Satz muss ich mich jetzt vermutlich schämen. Denn Studenten sollen nicht sauberkeits- und ordnungsliebend sein wie Tante Frieda, sondern gesellig und tolerant und weltoffen. Der intellektuelle und soziale Austausch muss ihnen schon von Berufswegen her das höchste Gut sein. Und deshalb ist die WG auch das natürliche Habitat des Studenten. Denn eine Wohngemeinschaft ist schließlich ganz automatisch viel geselliger und dem Austausch zuträglicher als eine Ein-Zimmer-Klause. Lärm und Dreck werden zum Lehrmeister für Toleranz und Gelassenheit, Erasmus-Mitbewohner auf der Durchreise machen weltoffen.

In meiner penibel gehegten Wohnung hingegen muss ich mich überhaupt niemandem öffnen, muss ich nichts tolerieren. Hier feiern das Ego-Schwein und der kleine Narzisst eine wilde Party, hier blühen die Neurosen, hier ist eine runtergeklappte Klobrille mehr wert als ein hochfliegendes Gespräch. Ja, während ich dies schreibe, merke ich erneut: Es gibt keinen wirklichen, gesunden, intelligenten Grund, als Student nicht in einer WG zu wohnen. All die Augenbrauen-Hochzieher haben Recht, wenn sie den Satz "Ich wohne alleine" mit Befremden und Abwendung quittieren. Ich kapituliere: Meine Gründe sind kleinlich, antisozial und egoistisch, und den Titel "Student" darf ich allein schon aufgrund meiner völligen Isolation niemals tragen.

Wobei … so ganz stimmt das nicht. Ich habe oft Besuch von Freunden, weil man in meiner Küche so gut kochen kann – soll heißen: weil sie immer frei ist und man vom Herd zum Kühlschrank gehen kann, ohne an der vor zwei Wochen verschütteten Cola festzukleben. Auch Referatsgruppen treffen sich gerne bei mir, und das eine oder andere Mitbringsel für die Nacht lade ich umso unbekümmerter ein, je unbeobachteter ich bin. Und weil eine eigene Wohnung teurer ist als eine WG, liegt mein zuhause auch nicht im schicken Uni-Viertel, sondern da, wo man bei der Besichtigung die "Sozialer-Brennpunkt-Glocken" ausschalten muss: Auch so kann man Toleranz lernen. Und überhaupt: Seit wann muss die Wohnform ein hundertprozentiges Abbild des Bewohners und seiner Ideale sein? Tierfreunde leben auch nicht im Wildpark und Angela Merkel nicht im Bundestag.

Vielleicht sollten wir also aufhören, die Ideale des Studentenlebens an die Vorliebe für Wohngemeinschaften zu knüpfen. Nur, weil ich alleine wohne, reagiere ich nicht auf Mitmenschen wie Kaspar Hauser nach 16 Jahren im Wald. Und nur, weil ich keine Pilzzüchtungen in der Spüle ertrage, heißt das nicht, dass ich ich nicht sozial verträglich bin. Solange du keine Pilze in meiner Spüle anbaust zumindest. Toleranz für den Mitbewohner Marke Pottsau ist eine feine Sache. Toleranz für meinen Sauberkeit-und-Ruh-und-Frieden-Fimmel aber auch. Werde ich niemals echte Freundschaft kennen als studentischer Einsiedler? Sagen wir einmal so: Den nachhaltig positiven Effekt einer Bekanntschaft mit den körperlichen Hinterlassenschaften eines Freundes müsste man mir erst noch beweisen. Vorerst genieße ich es, Leute bei mir zu empfangen und sie wieder vor die Tür zu setzen, bevor sie Haare im Bad verlieren oder mir anderweitig auf die Nerven gehen. So richtig gelitten hat darunter noch keine Freundschaft.

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