Partner von:

"Wir müssen das Semester verschieben"

Unistart Bücher Mädchen [Quelle: unsplash.com]

Quelle: unsplash.com

Der Hochschulrektorenpräsident fordert von den Ländern eine abgestimmte Strategie für das Studium.

André Alt hat den Shutdown aus der Ferne erlebt, er kehrte erst vor wenigen Tagen aus Dubai zurück – wegen ausgefallener Flüge in einer 24-Stunden-Tour mit Flug, Bus und Bahn. Nun steht der Rektorenpräsident vor der größten Herausforderung für die Hochschulen seit dem Krieg.

Herr Alt, die Hochschulen sind im Chaos-Modus: Die einen haben verlängerte Ferien, andere die Frühjahrsprüfungen noch nicht beendet. Die Erfolge mit der Onlinelehre sind extrem unterschiedlich. Es geht drunter und drüber ...

André Alt: Chaos würde ich nicht sagen, aber natürlich ist die Lage extrem dynamisch. Das liegt vor allem daran, dass wir nur zum Teil ländereinheitliche Regeln haben und jede Hochschule zunächst für sich versucht – je nach Ausstattung, Fächerspektrum und Terminen – mit der Situation zurechtzukommen.

Wissenschaftler und Studenten fordern ein "Nicht-Semester" im Sommer – die Lehre soll so weit wie möglich stattfinden, aber das Semester nicht zählen. Ist das die Lösung?

Nein, mich überzeugt das nicht. Der Aufruf stammt zu großen Teilen von Geisteswissenschaftlern, die doch manche Teile der Lehre viel leichter online organisieren können. Dagegen müssen Ingenieure und Naturwissenschaftler auch in Laboren und Werkstätten arbeiten, was größere Probleme für eine digitale Lehre aufwirft. Eine Nicht-Anerkennung des Semesters bedeutete zudem für viele Studierende und Nachwuchswissenschaftler große Nachteile.

Das Semester hat noch gar nicht angefangen, und Sie wollen schon jetzt die Waffen strecken?

Keineswegs, wir müssen die Digitalisierungsoption voll nutzen und ein gültiges Semester anbieten. Aber es ist schon jetzt klar, dass wir das Semester trotzdem nicht flächendeckend wie gehabt durchziehen können – also müsste es dann auf jeden Fall Nachholstunden, verzögerte Prüfungen etc. geben. Wir brauchen eine saubere Lösung, die allen Studierenden gerecht wird, von denen viele auch in einer sozial prekären Lage sind.

Wie soll die aussehen?

Wir sollten den Beginn oder die Fortsetzung des Sommersemesters nach hinten schieben und deutschlandweit etwas später starten – natürlich nur, wenn der Shutdown bis dahin aufgehoben ist. Danach organisieren wir eine möglichst komplette Vorlesungszeit, die später als üblich endet. Das Wintersemester würde dann ebenfalls etwas zeitversetzt, beispielsweise ab 1. oder 15. November beginnen. So könnten wir im Sommersemester 2021 wieder in den Normalmodus zurückehren. Dabei müssen diese Fristen auf jeden Fall zwischen den Hochschulen und den Ländern abgestimmt werden.

Was hätte das für einen Vorteil?

Wir könnten den Lehrbetrieb quasi normal abhalten – und so auch bundesweit Rücksicht auf die in vielen Ländern verspäteten Abiturprüfungen nehmen. Die Frist für die Einreichung der Unterlagen für das Wintersemester würden wir dann nach hinten verschieben – das Verfahren haben wir mit der Stiftung für Hochschulzulassung schon einmal im Probemodus durchgespielt.

Aber Bayern und die niedersächsischen Hochschulen haben schon angekündigt, dass sie mit voller Kraft digital ins Semester starten ...

Das ist gut, muss aber realistisch umgesetzt werden, und das sehen viele andere Länder auch so. Ich appelliere daher an die Wissenschaftsminister, dass sie sich, abgestimmt mit den Hochschulen, auf ein gemeinsames Vorgehen einigen und das Sommersemester koordiniert verschieben. Es darf nicht passieren, dass hier jedes Land sein eigenes Reglement durchzieht.

Wann muss die Entscheidung fallen?

Wann muss die Entscheidung fallen?

So rasch wie möglich. Damit die Hochschulen von Schleswig-Holstein bis zu den Alpen und alle Studierenden wissen, woran sie sind. Die Studierenden wollen verständlicherweise wissen, wie es weitergeht. Viele haben auch große finanzielle Probleme, ihre Jobs sind massenhaft weggebrochen, und etliche Eltern erleiden Verdienstausfälle oder sind gar von Arbeitslosigkeit bedroht. Auch deshalb ist die Verschiebung angezeigt. Denn viele können gerade gar nicht studieren, weil sie finanziell in der Luft hängen. Der Bund hat dankenswerterweise klargestellt, dass das Bafög auch fließt, wenn das Studium nicht läuft. Aber das reicht nicht. Der Bund sollte am besten direkt die Laufzeit des Bafögs um ein Semester verlängern. Da er das Geld seit einiger Zeit ohnehin allein aufbringt, braucht er für diese Ausnahmeentscheidung auch die Länder nicht. Aber nur rund ein Viertel der Studenten bekommt überhaupt Bafög. Deshalb wäre es gut, wenn die Bundesregierung eine Art Arbeitslosengeld oder eine Grundsicherung für Studierende einführt. Wir können die große Masse nicht sich selbst überlassen, sie müssen schließlich weiter wohnen und essen.

Sollten sich die Länder auf eine Verschiebung einigen – dann passiert bis Juni gar nichts in der Lehre?

Nein. Natürlich sollen und müssen alle, die es können, Onlinekurse und andere digitale Formate anbieten. Und die Studierenden sollen natürlich schon möglichst viel lernen und lesen. Aber in den großen experimentellen Fächern, in den Ingenieurdisziplinen, den Naturwissenschaften und der Medizin, geht das eben kaum. Das System benötigt eine Gesamtabstimmung. Es kann nicht sein, dass eine Fakultät die Lehre zu 100 Prozent anbietet, die andere zu 30 und eine dritte zu 70 Prozent. Das führt ins Chaos. Deshalb können wir erst dann verbindlich für alle starten, wenn wir wieder in einer stabilen Lage sind. Zudem können wir die Zeit auch für die Prüfungen nutzen, die bisher wegen Corona noch gar nicht stattgefunden haben.

Sehen Sie das Ganze wenigstens als Chance für die Digitalisierung der Hochschulen?

Natürlich ist das auch eine Chance. Vieles wird jetzt schon ermöglicht und wir könnten die gewonnene Zeit zusätzlich nutzen, um zu sehen, wo wir die Probleme gut bewältigen. Das Hochschulsystem kann enorm dazulernen, auch wenn es erst einmal ruckelig läuft. In den nächsten Jahren können wir dann von unseren aktuellen Erfahrungen für den Normallbetrieb profitieren.

Und wenn der Shutdown Ende Mai noch nicht beendet ist? Oder im Herbst erneut verhängt wird, weil die Zahlen wieder steigen?

Dann müssen wir neu entscheiden. Aber jetzt müssen wir organisatorisch erst einmal "vor die Lage" kommen, wie das beim Militär heißt, statt der Situation hinterherzulaufen.

Teilweise haben bis zu 80 Prozent der Hochschulbeschäftigten befristete Verträge – was passiert mit denen?

Die meisten von ihnen werden nicht über unsere Grundfinanzierung, sondern über Drittmittelprojekte bezahlt. Da brauchen wir natürlich eine Verlängerung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, unser größter Drittmittelgeber, hat das schon in Aussicht gestellt. Aber wenn die DFG dann nicht massenhaft andere Forschungsprojekte streichen will – was ein großer Schaden für die Forschung insgesamt wäre –, benötigt sie einmalig ein größeres Budget.

Und die Aufträge der Wirtschaft?

Das ist das größte Problem. Meine Kollegen aus den Ingenieurfächern berichten, dass für ihre Partner aus der Industrie eine Verlängerung nicht selbstverständlich ist. Die wollen, dass geliefert wird, sonst dreht man den Geldhahn zu, das ist ziemlich brutal. Ich appelliere daher an die Unternehmen: Brechen Sie die Projekte mit den Hochschulen nicht ab, geben Sie uns mehr Zeit.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Verwandte Artikel

Tipps fürs Studium und

Infos zu Top-Unis - einmal

monatlich in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren