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Wahrhaft wahnsinnige Prüfungen

Quelle: unsplash.com, John T

Don Quijote hatte damals echt faire Chancen – im Vergleich zu allen armen Wichten, die sich einmal in die Mühlen der Uni-Bürokratie begeben mussten. Fünf unglaubliche Geschichten aus der Verwaltungshölle, in denen sich leider jeder Student wiederfinden kann.

Papier ist geduldig

Die für jeden Studenten einfachste Frage der Welt war für mich lange Zeit die schwierigste: "In welchem Semester sind Sie?" – erst recht, als ich mich im Master für das Auslandssemester zu bewerben begann. Aber der Reihe nach.

Als ich nach sieben Semestern mit dem Bachelor fertig war, wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte. Da kam mir eine Mail meiner Fakultät gerade recht: Mach doch einfach noch 'nen Master! Ich ging zu meinem Studienbetreuer, um mich zu erkundigen, wie genau die Umschreibung funktioniere. Er meinte, das sei alles ganz einfach: "Lassen Sie mir Ihre Unterlagen da und ich kümmere mich um alles". Ich war erleichtert, musste dann aber feststellen: Vertrau nie einem Bürokraten, der dir verspricht, er würde sich kümmern …

Unschuldig wie ein Lamm setze ich mich also in die ersten Master-Vorlesungen. Als die Klausurenzeit kam, wollte ich mich zur Prüfung anmelden. Doch das ging nicht. Laut Online-System war ich noch im Bachelor. Wie konnte das sein?

"Sie hätten sich ummelden sollen!" Das erzählte mir mein Studienbetreuer, als ich verzweifelt bei ihm aufschlug. Doch halt: Hatte er mir nicht versprochen, sich um alles zu kümmern? "Das stimmt, aber das hätte ich Ihnen genauer erklären sollen. Jetzt müssen Sie eben ein Semester warten, bevor Sie weitermachen können".

Bitte was? Ein Semester warten?! Das kam nicht in Frage. Ich verhandelte so lange, bis sich der Studienbetreuer auf einen Deal einließ: Ich würde einfach "durchrutschen". Offiziell würde ich im Bachelor bleiben und noch ein achtes Semester dranhängen. Inoffiziell würde ich bereits die Master-Vorlesungen besuchen und auch schon die Master-Scheine bekommen, angerechnet würden sie eben erst ein Semester später. 

Das funktionierte seltsamerweise, führte aber zu einigen Fragen bei der Bewerbung fürs Auslandssemester: "Wollen Sie wirklich im ersten Semester schon ins Ausland?"- "Nein, das ist mein zweites, das steht nur nicht so auf dem Papier!". In Italien laufen die Uhren aber sowieso grundsätzlich langsamer als in Deutschland, da hatte man für meine Probleme glücklicherweise viel Verständnis.

Das Ende vom Lied: Auf dem Papier habe ich zwar meinen Master im Rekordtempo von nur drei Semestern abgeschlossen, eines davon im Ausland. Dafür habe ich für den Bachelor acht Semester gebraucht. Aber wir wissen ja alle: Papier ist geduldig …

Zurück in die Zukunft

Was werden die Archäologen des Jahres 197983 denken, wenn sie dieses Zeugnispapier einer Radiokarbonanalyse unterziehen und feststellen, dass es vom Beginn des 21. Jahrhunderts stammt?

Das Zeugnis aus der Zukunft Unibürokratie [Quelle: privat]

Das Zeugnis ist echt, wurde von der Uni nie eingezogen und ist bis heute gültig.

Oh Drama, oh Rama

Das Drama der fehlenden Bachelor-Urkunde

Dass es nicht leicht werden würde, mich an meiner Uni als Ausländerin vom Bachelor in den Master umzuschreiben, wusste ich schon seit meiner Erstimmatrikulation – obwohl es sich um einen konsekutiven Master-Studiengang handelte, dessen einzige Zulassungsvoraussetzung ein abgeschlossenes Bachelor-Studium war.

Pflichtschuldig trottete ich deshalb schon Monate vor Studienende ins Referat für Internationale Angelegenheiten, um mich über die Umschreibungsmodalitäten zu erkundigen.

Eine kraushaarige mittelalte Dame versicherte mir, die Umschreibung sei ein Kinderspiel. Ich solle einfach im vorgegebenen Zeitfenster mit einem Leistungsnachweis bei ihr vorbeischauen. So weit, so beruhigend – nur, dass das Zeitfenster endete, bevor auch nur an eine offizielle Bachelor-Urkunde zu denken war. Als Leistungsübersicht blieb mir deswegen nur eine "vorläufig-endgültige" Leistungsbescheinigung des Studentensekretariats, aus der hervorging, dass ich alle notwendigen Leistungen erbracht hatte und sich an meiner Endnote nichts mehr ändern würde.

Mit einer düsteren Vorahnung und der vorläufig-endgültigen Leistungsbescheinigung im Gepäck zog ich am Tag der Umschreibung meine Marke, wartete eine Stunde und wurde zur kraushaarigen Dame vorgelassen. Natürlich war sie inzwischen nicht mehr für mich zuständig. Ich zog also noch eine Marke, wartete erneut und durfte schließlich bei einer älteren untersetzten Dame vorsprechen. Diese bestätigte mir, dass sie für die Erstinformation angehender Master-Studenten zuständig sei – "Herzlich willkommen an der X-Universität, Frau Y!“ –, die Umschreibung nehme aber ihre Kollegin vor, die ihr Büro auf der anderen Seite des Flurs habe.

Ich erinnere mich noch an die deckenhohe Schrankwand voller schwarzer Leitz-Ordner, die ich über mir schwanken sah, als die gute Frau mir verkündete, mit der vorläufig-endgültigen Leistungsübersicht könne sie rein gar nichts anfangen. Eine Eignungsbescheinigung des Studentensekretariats müsse her!

Es kam, wie es kommen musste: Auch das Studentensekretariat – das mir ja die vorläufig-endgültige Leistungsbescheinigung ausgestellt hatte – beteuerte, mir meine Master-Tauglichkeit auf Grundlage dieses Dokuments nicht bescheinigen zu können. Dafür brauche es schon die Bachelor-Urkunde. Dass meine 1,0 ja schon feststand und doch wohl für einen zulassungsfreien, konsekutiven Master ausreichen müsse; dass die Urkunde erst ausgestellt würde, wenn meine Umschreibefrist im Referat für Internationale Angelegenheiten längst ausgelaufen wäre: All diese Hinweise waren vergebens. Dann müsse ich halt ein Semester warten. Punkt.

Tatsächlich löste sich mein Problem nur durch private Kontakte, über die ich mir die Tauglichkeitsbescheinigung auf dem kurzen Dienstweg beschaffen konnte. Mein schlechtes Gewissen, weil ich mich mit Bestnote in den konsekutiven, zugangsvoraussetzungsfreien Master meiner eigenen Uni eingeschummelt habe? Null. Mein Vertrauen in bürokratische Abläufe? Noch weniger als das.

Das Drama der verschwundenen Master-Urkunde

Ich hatte es schon nicht mehr für möglich gehalten, aber an dem Tag, als ich meine Master-Urkunde abholen wollte, unterbot sich meine Alma Mater zum Abschied noch einmal selbst. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ich beim ersten Anlauf eine ganze Mittagspause lang vor verschlossenen Türen wartete. Schon beim zweiten Mal aber hatte ich Glück – Mars stand wohl im zehnten Haus – und die hohen Pforten öffneten sich pünktlich eine halbe Stunde zu spät. Zusammen mit neunhundert anderen Kommilitonen strömte ich die lange Empfangstheke entlang zur Sachbearbeiterin für mein Fach. Die war natürlich krank.

Die Sterne müssen an diesem Tag wirklich zu meinen Gunsten aufgereiht gewesen sein, denn es fand sich eine andere Kollegin, die mir vertretungshalber meine Master-Urkunde aushändigte. Oder es zumindest versuchte – denn an dieser Stelle verließ mich mein Glück auch schon wieder. Geschlagene zwanzig Minuten lang durchsuchte die Damen Schränke, Kommoden und Ablagen und verkündete mir dann, das Zeugnis sei verloren und ich müsse mich gedulden, bis ein neues ausgestellt sei. Das könne selbstverständlich Monate dauern, schließlich müsse es von Hinz und Kunz unterschrieben werden, und die würden ja nicht auf mich warten.

Ich argumentierte, flehte und trieb damit zwar die erste Dame in die Flucht, konnte aber das Herz eines anderen Kollegen erweichen, der bisher nur regungslos auf einem Stuhl gesessen hatte, weil für sein Fach an diesem Tag niemand anstand. Besagter Kollege – ich stehe seiner Aktion bis heute mit gemischten Gefühlen gegenüber – rief dann tatsächlich die kranke, für mich eigentlich zuständige Kollegin an und frage sie, wo meine Urkunde sei. Es begann Phase zwei der Sucherei, mindestens eine weitere Viertelstunde, in der mich die erste Sachbearbeiterin mit Blicken tötete.

Um dem bösen Geschau auszuweichen und etwas zu tun zu haben, trug ich meinen Namen, den meiner Eltern und den meines Lebensgefährten fein säuberlich in Schönschrift in die Teilnehmerliste für die Abschlussfeier ein, die auf dem Empfangstresen lag. Mist, sie starrte immer noch. Also weiter die Liste studieren: Sieh da, Kathi kommt auch, die kenne ich, die steht genau über uns!

Plötzlich Tumult in der hinteren Ecke des Büros. Der Sachbearbeiter hatte meine Urkunde gefunden – im Vorratsschrank bei den leeren Mappen. Ohne Glückwunsch, ohne Handschlag klatschte mir meine Alma Mater so nach fünfeinhalb Jahren schnaubend mein letztes akademisches Zeugnis hin. Immerhin erkannte ich aber jetzt, wo das Problem gewesen sein musste: In der oberen rechten Ecke der Zeugnismappe nämlich hatte ein Uni-Mitarbeiter versucht, meinen Namen einzutragen – doch leider war ihm die Tinte ausgegangen. Bei näherem Hinsehen erkannte man zwar noch, wie ein Kugelschreiber ohne einen Tropfen Tinte meinen Namen ins Karton der Mappe geritzt hatte – als Aufschrift jedoch konnte man diese Gravur wahrlich nicht bezeichnen. Und so landete meine nur für Sherlock Holmes sichtbar beschriftete Urkunde bei den leeren Mappen.

Nach dieser unwürdigen Aktion war ich umso froher, mich für die feierliche Abschlusszeremonie angemeldet zu haben. Nur, dass ich schon am Einlass scheiterte: Mein Name stand nicht auf der Liste! Ich weiß bis heute nicht, ob wirklich die bitterbös dreinblickende Dame im Prüfungsamt meinen Namen gestrichen hat – aber ich finde es schon merkwürdig, dass Kathi, die ja auf derselben Liste direkt über mir stand, es auf die finale Teilnehmerliste der Feier geschafft hat.

Das Ende vom Lied: Da ich zwar nicht eingeplant, aber trotzdem Jahrgangsbeste meines Fachs war, musste die Organisatorin der Veranstaltung improvisieren, um mich wie die anderen Jahrgangsbesten auf die Bühne zu holen und mir eine Kleinigkeit zu überreichen. Die Sängerin, die die Feier musikalisch untermalte, ging deshalb ohne Blumenstrauß nach Hause ... Ich hoffe, sie hat sich beim Prüfungsamt beschwert.

Von Scheinen, die's nicht gibt, und Scheinen, die keiner braucht

An unserer Uni gibt es drei verschiedene IT-Systeme, in denen Prüfungsleistungen verbucht werden. Zwei davon funktionieren grundsätzlich nicht, weil sie seit mehreren Jahren neu aufgebaut werden. Als Student meiner Fächerkombination kann mir das aber auch egal sein, denn wir haben seit zwei Jahren eine neue Prüfungsordnung. Es hat nur leider noch niemand geschafft, diese in die IT-Systeme einzutragen. Deswegen funktioniert für uns kein einziges dieser drei Systeme …

Das Ergebnis: Papierscheine wie im 20. Jahrhundert. Von jedem Dozenten persönlich. Wobei, manchmal braucht es einen Schein, manchmal funktioniert die automatische Weitergabe ans Prüfungsamt dann doch. Im letzten Semester zum Beispiel bekam ich für zwei Veranstaltungen an derselben Fakultät im selben Fach am selben Seminar vom Prüfungsamt zwei unterschiedliche Anweisungen, wo ich meinen Schein herbekommen soll. Mein persönliches Highlight war dann, als mir meine Fachbetreuerin einen Schein aus dem ersten (!) Semester in die Hand drückte, den ich bereits seit einem Jahr hatte und auf dem nicht mal eine Note drauf war. Obwohl er eigentlich benotet sein sollte. Also verbringe ich eben Stunden im Wartezimmer beim Prüfungsamt. Die Dame dort kennt mich schon persönlich.

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Kommentare (2)

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  1. Anne Kremer

    Weitere Horrorgeschichten sind unter redaktion@e-fellows.net jederzeit sehr gern gesehen :) (natürlich auch anonymisiert)

  2. Anonym

    Wer das schon fuer ein Drama haelt sollte mal nach Spanien zum studieren kommen...