Partner von:

Studieren mit Depression

Depression, Traurigkeit, Grau [Quelle: unsplash.com, Autor: Andrew Neel]

Quelle: unsplash.com, Andrew Neel

Martin ist 24 und steht kurz vor dem Abschluss seines Master-Studiums. Was die Sache erschwert: Er leidet an Depression, hat immer wieder Panikattacken. Jeder Tag ist eine doppelte Herausforderung für ihn.

Meistens kommt es plötzlich, ohne jede Vorwarnung. Martin* wacht dann morgens auf und alles ist grau – selbst wenn draußen die Sonne scheint. An solchen Tagen will er am liebsten nur im Bett bleiben, die Decke über den Kopf ziehen und schlafen. Schlafen, solange bis die Leere verschwindet und die Farben zurückkehren. Es gibt nur ein Problem: An der Universität interessiert es niemanden, ob Martins Depression zurück ist. Die Vorlesung beginnt trotzdem pünktlich um 9 Uhr, der neue Stoff wird trotzdem durchgenommen, egal ob er anwesend ist oder nicht. Das Mühlrad dreht sich weiter, ob mit oder ohne ihn.

Martin weiß das und es macht seine Situation nicht besser. Im Gegenteil, es verstärkt eher noch den Gedanken, in ein gigantisches Loch zu starren. Mit jedem Tag, den er versäumt, wird die Angst größer, wächst das Gefühl zu versagen, nutzlos zu sein, für niemanden etwas wert. Sein Kopf wird dann zu seinem schlimmsten Feind. Anstatt ihm zu helfen, sich auf sein Studium zu konzentrieren, für Klausuren zu lernen, oder ihn einfach wie viele andere Studenten die Zeit an der Universität genießen zu lassen, terrorisiert er ihn mit einem Gefühl der tiefen Hoffnungslosigkeit – einer Hoffnungslosigkeit, vor der es, so sagt Martin, scheinbar kein Entrinnen gibt. "Ich hasse meine Depression. Und gleichzeitig ist sie ein Teil von mir." Sich selbst nicht dafür zu hassen, dass man so ist wie man ist? "Es gelingt mir nicht immer", gesteht Martin.

Wie alles begann

Er kann sich noch gut daran erinnern, wie alles begann. "So richtig los ging es eigentlich im dritten Bachelor-Semester. Was der genaue Auslöser war, weiß ich bis heute nicht." Die Klausuren standen vor der Tür, Martin war gut vorbereitet. Er ist ohnehin ein guter Student, eigentlich keiner, der sich um Klausuren Sorgen machen müsste. Sein Abitur hat er damals mit 1,3 bestanden, der Notendurchschnitt im Studium war immer überdurchschnittlich. Geholfen hat ihm das alles im dritten Semester nicht. Je näher die Klausuren kamen, desto mehr wuchs in ihm das Gefühl, diesmal zu versagen. Gleichzeitig wurde die Welt um ihn herum immer grauer. "Es hat sich angefühlt wie die Einfahrt in einen langen, dunklen Tunnel, bei dem man das Ende nicht sieht, sich schnell aber auch nicht mehr daran erinnern kann, wie es bei der Einfahrt draußen aussah", erzählt er.

Zwei Wochen vor den Klausuren, sagt Martin, schaffte er es morgens dann kaum noch aus dem Bett. Ans Studieren war schon gar nicht mehr zu denken. Stellenweise lag er stundenlang einfach nur da, bis er überhaupt aufstehen konnte. Mit jedem Tag, der verging, wurden gleichzeitig das Gefühl schlimmer, die Verzweiflung größer, die Gedanken dunkler.

Dass es Hilfsangebote gab, habe er noch aus den Einführungsveranstaltungen im ersten Semester gewusst, erklärt Martin. Zum Arzt oder zur psychologischen Beratungsstelle seiner Universität sei er damals trotzdem nicht gegangen – ein Fehler, wie er heute sagt, doch das Gefühl der Scham überwog. Auf keinen Fall wollte er den offiziellen Stempel "psychisch krank" aufgedrückt bekommen. Gleichzeitig sei da auch die Sorge gewesen, dass ihn keiner richtig ernst nehme oder er sich, noch schlimmer, alles nur einbilde. Am Ende, so Martin, seien es seine Eltern gewesen, die ihn durch die Klausurzeit gebracht hätten. "Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Ich weiß nicht einmal genau, was sie gemacht haben. Wahrscheinlich hat es geholfen, dass sie einfach stur versucht haben, mich abzulenken und mich auf positive Gedanken zu bringen."

Bis heute wissen außer seinen Eltern nur einige engste Freunde Bescheid, wie es wirklich in ihm aussieht. An der Uni, sagt Martin, sind sie ahnungslos – er will es so. Die Vorstellung, dass jemand von seinen Problemen wissen könnte, sei ihm peinlich. Außerdem, erzählt Martin, seien psychische Erkrankungen und besonders eine Depression, von der er in seinem Fall sicher ausgeht, in der Gesellschaft seiner Meinung nach oft immer noch mit einem Stigma belegt. "Ich will nicht, dass mich Leute komisch anschauen und mich nur noch als den mit der Depression wahrnehmen". Mindestens ebenso unangenehm ist ihm der Gedanke, dass hinter vorgehaltener Hand über ihn gelästert werden könnte. "Selbst mein bester Freund hat mir in schwachen Momenten einmal an den Kopf geworfen, ich sollte mich doch einfach mal zusammenreißen und mehr lachen, dann würde es mir bestimmt besser gehen." Hilfreich seien solche Aussagen nicht, doch Martin macht anderen keinen Vorwurf. Er wisse, wie schwer es für Freunde oder die Familie oft sein könne, mit einem Depressiven umzugehen. Auch deshalb möchte er in der Öffentlichkeit nicht durch diese Brille gesehen werden.

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (5)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Liebe Kommentarschreiber, habt vielen Dank für euer Feedback zu diesem Artikel. Depressionen sind leider immer noch ein Tabuthema und die Betroffenen leben mit einem gesellschaftlichen Stigma, das es ihnen schwer macht, sich Hilfe zu suchen oder anzunehmen für eine Krankheit, die sie in jedem Lebensbereich stark einschränkt. Es handelt sich bei diesem Artikel um eine Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, daher können wir leider in den Text nicht eingreifen. Wünschenswert wäre natürlich für alle Betroffenen oder deren Angehörige ein Hinweis auf mögliche Anlaufstellen gewesen. Deshalb möchte ich zumindest hier auf die Deutsche Depressions-Hilfe und die Telefonseelsorge (anonym, kostenlos, immer erreichbar, taucht nicht auf der Telefonrechnung oder im Einzelverbindungsnachweis auf) verlinken: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe http://www.telefonseelsorge.de/ Wir wollten diesen Artikel anbieten, da wir in ihm einen starken Erfahrungsbericht gesehen haben, der Menschen ohne Depressionen vielleicht verdeutlichen kann, dass Depressive nicht nur "einfach traurig" sind oder "einfach nicht wollen". Gesellschaftliches Gesicht-Wahren und Leistungsdruck spielen, wie ihr bereits festgestellt habt, bei Depressionen eine starke Rolle. Dass das eigene körperliche und geistige Wohl im Vordergrund stehen soll und muss, möchten wir von e-fellows.net an dieser Stelle noch einmal deutlich sagen. Wir hoffen, wir konnten mit diesem Erfahrungsbericht Einblicke in die Depression ermöglichen. Mit den allerbesten Grüßen Rebecca

  2. Anonym

    Ich leide selbst seit acht Jahren an schweren Depressionen, musste die letzte Schulklasse wiederholen, mein Abi nachmachen und mein erstes Studium abbrechen. Insgesamt 16 Monate war ich während der Zeit im Krankenhaus. Jetzt habe ich wieder angefangen zu studieren und kämpfe mit den gleichen Problem - am schlimmsten ist die ständige Unsicherheit, die ständige Frage, ob man es denn je schaffen wird, einen Abschluss zu bekommen und eine Stelle oder ob man später ins soziale Abseits und die Arbeitslosigkeit abrutscht. Mit dieser übermächtigen Angst fertig zu werden ist nicht leicht. Auch das Unverständnis anderer, dass man tatsächlich nicht in der Lage sein kann aufzustehen und sich zu duschen - und zwar nicht aus Faulheit. Der Unterschied zwischen Martin und mir ist, dass ich mich seit mittlerweile zwei Jahren intensiv behandeln lasse und es mir seitdem wesentlich besser geht. Ich verstehe die Sorge bzgl. Lücken im Lebenslauf, Brüchen in der Biographie, aber mal ganz ehrlich: meine Biographie ist wie man aus der obigen Schilderung sieht sehr holprig; trotzdem ist mir das scheißegal, solange diese Brüche durch Behandlung und Krankenhausaufenthalte dazu geführt haben, dass ich noch am Leben bin und sich mein Zustand stabilisiert hat. Was Martin denkt ist typisch für Depressive: Leistung und der äußere Anschein stehen über meinem Wohlbefinden, ich muss nach außen möglichst unauffällig wirken, darf mich niemandem anvertrauen, mir keine Hilfe suchen, Behandlung verschiebe ich auf irgendeinen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft, auch die Angst vor Medikamenten haben fast alle Leute. Man fühlt sich passiv, gefangen, hilf- und mutlos und glaubt irgendeine Initiative oder ein Behandlungsversuch würde ohnehin nichts ändern. Diese dysfunktionalen Gedanken sind nicht Martins Gedanken und auch nicht seine "Schuld", sondern ein Zeichen seiner Krankheit und verhindern, dass er sich behandeln lässt - obwohl die meisten Depressionen sich mit einer Behandlung und v.a. durch längerfristige Psychotherapie deutlich verbessern lassen. Seine Depression raubt Martin also nicht nur sein Leben, sondern auch seine Chance auf Besserung. Dabei wäre es besonders wichtig, sich möglichst früh Hilfe zu holen, da das die Therapieaussichten verbessert und sich die Depression nicht erst so richtig festfressen kann. Ich weiß da wovon ich sprechen; ich habe mich sechs Jahre lang nicht richtig behandeln lassen, aus den gleichen Gründen und aus der gleichen falschen Scham heraus wie Martin. Heute weiß ich, dass es der größte Fehler meines Lebens war. Es wird eben nicht irgendwann von selbst besser, wenn man sich nur ordentlich zusammen reißt, buntere Klamotten trägt und mehr ausgeht. Dieses passive Verharren in Hilflosigkeit ist fatal und das schlechteste, was man als depressive Person machen kann, da es die Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung verstärkt und diese Kombination die explosive Mischung ist, die in einen Suizid mündet. Daher mein Appell an Martin (falls er das hier liest) und alle, die in seiner Situation sind, oder Leute kennen, denen es so geht: sucht euch professionelle, v.a. psychotherapeutische Hilfe. Erste Anlaufstellen können Krisendienste in eurer Nähe sein; dort ist die Beratung absolut anonym. Wenn die Symptome eine gewisse Schwere erreicht haben und v.a. wenn wirklich drohende Suizidgefährdung besteht, kann es manchmal auch wirklich besser sein, einige Wochen stationär in ein Krankenhaus zu gehen. Man wird übrigens NICHT automatisch auf eine geschlossene Station eingewiesen, weil man Suizidgedanken hat. Es kann auch Erleichterung schaffen, mal eine gründliche ärztliche Diagnosestellung zu haben (wenn Martin Panikattacken hat, bedeutet das z.B. noch lange nicht, dass er an einer Panikstörung leidet; Panikattacken können auch im Rahmen der Depression auftreten und verschwinden dann mit Nachlassen der depressiven Symptome wieder; auch hier gilt: mittels psychotherapeutischer Maßnahmen, v.a. mit Hilfe von Verhaltenstherapie, kann man lernen, wie man besser mit den Panikattacken umgeht, wodurch diese ihren Schrecken verlieren, und man es schaffen kann, diese u.U. sogar ganz loszuwerden) und in Kontakt mit anderen zu kommen, denen es genauso geht oder ging und die es geschafft haben, aus der Depression wieder raus zu kommen.

  3. Anonym

    Schade dass in dem Artikel nicht mehr darauf eingegangen wird, wie wichtig es ist sich Hilfe zu suchen. Es vermittelt ein bisschen das Bild, als müsse man sich "durchbeissen", eben wegen dem genannten Stempel. Diesen Stempel gibt es definitiv, aber wenn eben niemand öffentlich drüber redet (so wie Martin) dann wird sich das auch nicht ändern. Es gibt Depressionen die man nicht alleine in den Griff bekommt. Sicher sind Sport etc. gute Hilfsmittel, aber manchmal geht es eben einfach nicht mehr, und man sollte sich eher früher als später Hilfe suchen. Ich stimme Anonym zu, dass die blosse Beschreibung nicht sehr hilfreich für andere Betroffene an dieser Stelle ist.

  4. Anonym

    Ein spannendes und wichtiges Thema und ein anschaulich geschriebener Text dazu. Schade, dass keinerlei Informationen oder Referenzen dazu gegeben werden. Auf Basis einer "Selbstdiagnose" und ohne therapeutische Behandlung oder Unterstützung diese Krankheit zu beschreiben ist gewagt und kann irreführend sein.

  5. Anonym

    Das ist ein wirklich spannender Artikel über ein immer noch stark unterschätztes Thema. Besonders nachdenklich macht mich die Passage mit dem “Stempel aufgedrückt bekommen“. Das Problem ist hierbei wohl, dass man sich als Außenstehender einfach kaum vorstellen kann, wie sich eine Depression tatsächlich anfühlt. Dementsprechend schwer fällt es mit depressiven Menschen richtig umzugehen - dabei ist es wohl (meistens) am sinnvollsten sie einfach nur genauso zu behandeln wie jeden anderen normalen Menschen.

Das könnte dich auch interessieren