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Welche Rolle spielen Drogen an den Hochschulen?

Tabletten [Quelle: pixabay.com, Autor: Pexels]

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Wenn der Leistungsdruck zu hoch wird, greifen manche Studenten zu vermeidlichen Hilfsmitteln. Drei von ihnen erzählen unter geändertem Namen von ihren Erfahrungen mit dem Medikament Ritalin.

Max hat in einer Woche Prüfung, aber am Abend ist Party angesagt. Natürlich will der Student der Staatswissenschaften gute Leistungen bringen. "Aber wenn du schon an sechs von sieben Tagen die Woche was für die Uni machst, willst du auch mal weggehen", sagt er. Am nächsten Tag wird er nur schwer aus dem Bett kommen. Er wird müde sein, verkatert, unmotiviert. An seine normale Leistungsfähigkeit wird er nicht herankommen, erzählt er. Denn so sieht ein typischer Morgen nach einer Partynacht für Max aus. Aber das ist ihm egal, Max nimmt Ritalin. Zehn Milligramm, und er sitzt bis abends in der Bibliothek. Die Tabletten bekommt er von Leuten, denen das eigentliche ADHS-Medikament ärztlich verschrieben worden ist. "Klar ist es irgendwie fairer, wenn man nicht gedopt ist", sagt Max, der wie alle Studierenden in diesem Text in Wirklichkeit anders heißt. Aber kontrollieren könne man es nicht. Nur das Ergebnis zähle. "Und wie du da hinkommst, steht dir frei." Was Max und viele seiner Kommilitonen praktizieren, nennt sich Neuroenhancing.

"Neuroenhancing ist der Gebrauch verschreibungspflichtiger Psychopharmaka ohne medizinische Diagnose", sagt Greta Wagner vom Institut für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Sie hat zum Thema Selbstoptimierung durch Neuroenhancement in Deutschland und den USA promoviert.

Intelligenter wird man durch Ritalin zwar nicht, sagt sie. Der Wirkstoff Methylphenidat könne aber für einen Motivations- und Aktivitätsschub sorgen – und deswegen die Konzentration der Studierenden aufrechterhalten. Allerdings tritt die erhoffte Wirkung Wagner zufolge nur bei den wenigsten ein: "Bei vielen ist der Effekt einfach nur, dass sie eine unbestimmte Nervosität spüren, anfangen zu schwitzen, wie wild ihre ganze Wohnung aufräumen", sagt sie. Am Ende hätten die Studierenden zwar viel gemacht, aber alles, "außer ihre Hausarbeit zu schreiben".

Zweifelhafte Wirkung

Eine Debatte über die grobe Verletzung der Fairness im Studium durch Neuroenhancer hält Wagner daher für übertrieben. Zwar könnten sich Einzelne einen gewissen Vorteil verschaffen, wenn Ritalin bei ihnen auf eine spezifische Weise wirke. Aber: "Wir laufen nicht alle bei null los, und dann nehmen einige leistungssteigernde Medikamente und haben dadurch diesen substanziellen Vorteil", sagt die Soziologin. So hätten medizinische Tests gezeigt, dass Probanden unter Einfluss von Medikamenten zur Leistungssteigerung Aufgaben nicht wesentlich besser lösen konnten als diejenigen, die keine der Medikamente genommen haben. Beim Schreiben von Hausarbeiten kann Ritalin sogar hinderlich sein: "Man hat es vielleicht in sehr kurzer Zeit geschafft, viele Seiten zu tippen", sagt sie. Komme dafür aber nicht auf den Punkt oder denke, alles sei wichtig.

Wer Neuroenhancer nimmt, habe nicht automatisch die besseren Noten, sagt die Soziologin. Der Nutzen des Gehirn-Dopings ist vielmehr zweifelhaft. Zudem kann Ritalin starke Nebenwirkungen haben. Neben Schweißausbrüchen berichteten Konsumenten von Einschlafproblemen, Appetitlosigkeit, körperlicher Erschöpfung und kurzen depressiven Phasen, wenn die Wirkung der Tabletten nachlässt.

Max hilft das Ritalin beim Lernen, wenn er sich nicht fit genug fühlt. Er schweift gedanklich nicht mehr so schnell ab, bekommt einen Tunnelblick. Er verliert das Zeitgefühl, sodass ihm nicht mehr auffällt, wie viele Stunden er lernt, statt etwas anderes zu machen. Gesundheitliche Bedenken hat er nicht. Beim Feiern hat der 24-Jährige auch schon Koks, Speed oder Ecstasy probiert. "Ich denke, das senkt die Angst vor solchen Sachen", sagt er. Trotzdem nimmt er nicht jeden Tag Ritalin. Er wolle nicht, dass sein Körper irgendwann nicht mehr ohne das Medikament funktionieren könne. "Ich setze mir meine Lernziele , aber wenn es eine gute Party gibt, die ich nicht verpassen will, dann versuche ich halt beides mitzunehmen."

Zwischen Angst und Überforderung

Ein eher sorgenfreies Verhältnis zu Alkohol und chemischen Substanzen ist Greta Wagner zufolge verbreitet unter Neuroenhancern. Klassischerweise handele es sich nicht um die ehrgeizigsten Studierenden. "Der typische Ritalin-Konsument in den USA ist männlich, weiß, er ist an einem sehr teuren College, seine Eltern zahlen viel Geld für seine Ausbildung, und er hat eher schlechte Noten", sagt sie. Ein entscheidender Faktor beim Griff zu den Tabletten sei der Leistungsdruck.

Doch wie verbreitet ist Neuroenhancing überhaupt in Deutschland? Studien kommen meist auf einen Wert im unteren einstelligen Prozentbereich der Befragten, die – je nach Erhebung – im vergangenen Jahr oder jemals Medikamente zur Leistungssteigerung genommen haben. Die Ergebnisse schwanken aber zwischen knapp einem und 20 Prozent, die Dunkelziffer gilt als hoch. Max schätzt sogar, dass etwa ein Viertel seiner Kommilitonen Ritalin nutzen.

Aber Ritalin ist nicht das einzige Mittel der Wahl: Koffeintabletten oder Energydrinks haben einen ähnlichen Effekt. Und in der anonymen Studenten-App Jodel schreiben Nutzer Nachrichten wie diese: "Habe meine Bachelorarbeit eigentlich komplett auf Speed geschrieben." Oder: "Unter den Jura Studis wird gerne mal eine Nacht auf Koks durchgelernt." Doch auf Jodel kann jeder behaupten, was er will. Auf Anfrage der F.A.Z. teilten zumindest mehrere Universitäten mit, dass es keine bekannten Fälle gebe.

"Wir erleben seit vielen Jahren einen zunehmenden Druck unter Studierenden, alles richtig machen zu wollen", äußerte sich die Beratungsstelle der Universität Hamburg. Als Gründe für Gehirndoping nennen Studierende hier etwa Schuldgefühle gegenüber den Eltern, den Vergleich mit anderen oder die Angst vor sozialem Abstieg. Die Technische Universität Berlin sieht Neuroenhancing als Folge einer Überforderung mit den Anforderungen und Prüfungen im Studium.

Jeden Tag Ritalin

Auch Miriam kämpft mit diesen schlechten Gefühlen, auch sie nimmt Ritalin. Trotzdem fällt sie nicht unter Wagners Definition von Neuroenhancing. Denn die Medizinstudentin wurde mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADS diagnostiziert und hat das Medikament vom Arzt verschrieben bekommen. Ein ganz anderer Fall also. Seit dem Aufnahmetest für die Uni vor vier Jahren nimmt sie täglich 40 Milligramm. Miriam ist dankbar, dass das Ritalin ihr hilft. "Es ist ja nicht so, dass ich irgendwie doof bin", sagt sie. Sondern: "Ich bin nur unkonzentriert." Das Medikament ist, so erzählt Miriam, für sie wie eine Art Prothese, um im Studium die gleichen Chancen zu haben wie die anderen.

Wenn sie nicht studieren würde oder nicht so viel lernen müsste, würde sie es nicht nehmen, versichert sie. Sie macht sich allerdings Gedanken darüber, ob die Wirkstoffe nachhaltig etwas im Gehirn verändern könnten. Doch das Medizinstudium lässt der 29-Jährigen keine Wahl – so jedenfalls ihr Empfinden. "Die Anforderungen bei uns sind teilweise so hoch, dass du alles tun würdest, um es dir zu erleichtern", sagt Miriam. Deswegen wird sie auch des Öfteren von Kommilitonen um Ritalin gebeten. Miriam hat dafür Verständnis. "Die Leute machen es ja nicht, weil sie es geil finden, die ganze Nacht durchzulernen, sondern weil sie es müssen und es ihnen dadurch leichter fällt." An Freundinnen reicht sie deshalb ab und zu Tabletten weiter. ADS oder nicht - ihr Studium könne keiner schaffen, ohne sich körperlich und geistig zu schaden, findet Miriam. Wenn sie nach dem Studium mal arbeite, könne sie sich gut vorstellen, das Ritalin wieder abzusetzen. Auch Greta Wagner berichtet, ihre Befragten hätten fast alle gesagt, sie würden das Medikament auf keinen Fall ein Leben lang nehmen wollen. Es sei bloß für die Universität.

Eine Tablette als Morgenroutine

In zehn Monaten in einem anspruchsvollen Praktikum hat Jonas nicht einmal an Ritalin gedacht. Dabei bekommt auch er das Medikament verschrieben. Bei dem 26 Jahre alten Wirtschaftsingenieur-Absolventen wurde ADHS diagnostiziert – sogenannte eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Aber: "Meine reine Intention war, das Ritalin zum Lernen zu bekommen", sagt er. Einmal von einem Kumpel probiert, sei das Medikament bei ihm ein "Gamechanger" für die Uni gewesen. Seine Fähigkeiten will er so auf das Level der anderen heben. Das Medikament bedeutet für ihn seiner Meinung nach also keinen Vorteil, sondern Chancengleichheit.

Er fand seinen Studiengang zwar nicht so schwer wie Miriam ihr Medizinstudium. "Bei mir kommt der Leistungsdruck davon, dass meine Eltern mir das Studium finanzieren, und ich will sie natürlich nicht enttäuschen." Das Ritalin nahm der 26-Jährige in den vier Wochen vor den Prüfungen deswegen jeden Tag. Eine Tablette, und eine halbe Stunde später geht es ans Lernen. "Es war meine Morgenroutine."

Jonas war immer froh, wenn die Prüfungsphasen wieder vorbei waren. Durch das Ritalin stumpfte er emotional ab, entwickelte teils depressive Züge oder dachte ständig, er hätte etwas vergessen. Nach dem Praktikum überlegt er, ob er noch mal einen Master an der Universität absolvieren möchte. Aber auch dort gebe es natürlich wieder Prüfungsphasen.

Für die Soziologin Greta Wagner stehen die Geschichten von Jonas, Miriam oder Max auch für Fehler in der Gesellschaft: "Wir leben in einer Gesellschaft, die kognitive Fähigkeiten zur Konzentration besonders prämiert", sagt sie. "Und in der man aufgefordert ist, sich selbst zu strukturieren." Und einige scheinen das zu versuchen, indem sie zu illegalen Substanzen greifen.

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