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Sind wir noch Freunde?

Mann Frau Maske Social Distancing [Quelle: Unsplash.com, Autor: Chris Greene]

Quelle: Unsplash.com, Chris Greene

Die Freundschaften unseres Autors sind seit einem Jahr vom Virus befallen. Er fragt sich, ob sie jemals noch mal so sein werden wie früher.

Hätte ich gewusst, dass es die letzte Party für eine sehr lange Zeit ist, vielleicht wäre ich noch ein bisschen länger wach geblieben und hätte mich an meinen Freundinnen und Freunden erfreut. Aber ich hatte keine Ahnung. Also schlief ich um fünf Uhr morgens ein, volltrunken, auf dem Bett ausgestreckt, in diesem verrauchten WG-Zimmer in Berlin-Friedrichshain, während meine Freundinnen und Bekannten noch um mich herum tanzten, sich in die Arme fielen, abknutschten – Dinge taten, die wir damals für selbstverständlich hielten.

Das war vor einem Jahr, Anfang März 2020. Die Pandemie hat seither vieles auf den Kopf gestellt: Lebenspläne, Jobs, Familien. Und sie hat auch vor unseren Freundschaften nicht Halt gemacht. Sie hat sie angegriffen, einige verlaufen lassen, manche zerstört.

In 28 Jahren haben sich so viele Freunde, Freundinnen, Bekannte und Menschen, die ich gern noch besser kennenlernen würde, in meinem Leben angesammelt, dass sie auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff Platz finden könnten. Ich stelle es mir also so vor: Als das Coronavirus kam, sozusagen ein Sturm, sank das Schiff und ich stieg in ein kleines Rettungsboot, brachte mich zusammen mit ein paar engen Freundinnen und Freunden in Sicherheit. All die anderen Menschen, die keinen Platz auf meinem Boot fanden, verlor ich aus den Augen. Seither treibe ich auf offener See, kein Land in Sicht.

Es war wohl von vornherein klar, dass Freundschaften in Zeiten des Abstandhaltens, des Social Distancing, leiden würden. Ich habe schnell gemerkt, dass Zoom-Calls und Telefonate reale Treffen nicht ersetzen können und mich eher verzweifeln lassen. Denn sie bedeuten meist: ab und zu unaushaltbare Stille, dann hastige Themenwechsel, Monologe, eingefrorene Bilder, Scham. Und plötzlich ist da Distanz zwischen mir und den Menschen, die ich liebe.

Schon zu Beginn der Pandemie habe ich mir deshalb die Frage gestellt: Wen muss ich jetzt wirklich noch sehen? Übrig geblieben sind meine Brüder und ein paar enge Freunde, davon die meisten Jungs, mit denen ich in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen bin. Natürlich ist diese Pandemie auch der ideale Zeitpunkt, um die leidigen, nur wegen des Pflichtgefühls am Laufen gehaltenen Bekanntschaften zu beenden. Man sagt: "Gerade geht nicht, Corona und so, aber holen wir irgendwann nach." Und denkt: "Lassen wir es einfach gut sein." Aber auch alle anderen, die es nicht auf das Rettungsboot geschafft haben, die ich trotzdem mag, sind mehr oder weniger aus meinem Leben verschwunden. Und ich aus ihrem.

Das waren Freunde von Freundinnen, die auf eine Party mitgebracht wurden, Bekannte, die ich ab und an zufällig im Berliner Nachtleben getroffen habe, andere, die mich verlässlich einmal im Jahr zu ihrem Geburtstag eingeladen haben. Die Funkstille war von beiden Seiten selbstverständlich. Im Sommer konnte ich ein paar von ihnen wiedersehen. Ab Herbst wieder Funkstille. Nur zum Geburtstag schreibe ich ihnen: "Ich hoffe, wir können uns bald wiedersehen."

Auch in meinem engen Kreis hat sich durch Corona verdammt viel verändert. Wir haben über die Jahre Gewohnheiten entwickelt, die in der Pandemie nicht mehr zu halten sind. Früher haben wir uns zum Beispiel selten zu zweit, sondern eher als Clique getroffen, wir saßen mit vielen im Park, in einer WG oder in der Bar, alle konnten vorbeikommen und Bekannte mitbringen. Jetzt sind die Verabredungen zu Rechnungen geworden: Kontakte, Haushalte, Neuinfektionen. In manchen Runden ist man nicht mehr das fünfte Rad am Wagen, sondern der eine Haushalt zu viel, und wird nicht eingeladen.

Zweisamkeit ist schön, aber irgendwo auch anstrengend. Wenn ich mit P. spazieren gehe, dann muss ich reden, zuhören, da sein. Früher konnte ich mich auch einfach mal zurücklehnen, gähnen, und mich von den Gesprächen der anderen berieseln lassen. Ich sehe auch, dass manche von uns sich schwertun, sich überhaupt mit jemandem zu verabreden. Früher konnten sie sich schließlich einfach irgendwo dranhängen. Jetzt müssen sie sich plötzlich selbst kümmern und ihre Freundschaften pflegen.

Das Virus hat den Small Talk getötet

Aber auch der Umgang mit dem Virus lässt Spannungen entstehen. Ein enger Freund, M., hat keine Angst, sich anzustecken, und nimmt es deshalb etwas lockerer mit den Regeln. Er datet, geht auf Partys, will in den Urlaub fliegen. Plötzlich streiten wir über sein Verhalten. Ich mische mich in seine Entscheidungen ein. Mache ihm Vorwürfe. Daran können Freundschaften zerbrechen. Und natürlich sage ich ihm ab, wenn er sich mit mir treffen will. Im Freundeskreis war er schnell gebrandmarkt.

Nach Silvester habe ich mich für fast zwei Monate, mit wenigen Ausnahmen, zurückgezogen. Ich habe mich mit niemandem mehr verabredet, auch nicht zum Spazieren durch den Schnee, es war mir alles zu anstrengend. Ich wollte mir nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, was richtig und was falsch ist, im Kopf ständig meine Kontakte nachzählen, ein schlechtes Gewissen haben, also verabschiedete ich mich für eine Weile von meinem sozialen Leben.

Ich wurde recht schnell einsam, obwohl ich meine Freundin und meine WG hatte. Bald fehlte mir auch der Antrieb, mit meinen Freundinnen und Freunden zu telefonieren. Ohne Input von außen, ohne dass ich mich in Gesprächen mit Freunden selbst besser verstehen konnte, war ich unglücklich. Ende Februar habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich habe J. geschrieben: "Wollen wir nächstes Wochenende den Samstag abhängen?" Und J., auch ausgehungert, antwortete: "JA! Dann komme ich zu dir – und wir hängen ab, spielen, essen, saufen und hören Mucke?" Ich habe mich selten so auf einen Samstag gefreut.

Ein Problem bleiben aber die Gespräche, die wir führen. Das Virus hat den Small Talk getötet: Auf die Fragen "Wie geht's?" und "Was machst du so am Wochenende?" lassen sich keine einfachen Antworten mehr geben. Manchmal will man aber über die einfachsten Dinge reden, um mal abzuschalten. Aber wir erleben nichts mehr. Wir haben auch nichts mehr vor. Und wenn wir behaupten, dass es uns "wunderbar" geht, müssen wir das erklären.

Worüber reden wir also sonst? Erzählen wir wieder von unserem ewig gleichen Alltag? Von Yogasessions, Netflix-Serien, Hummusrezepten? Oder lassen wir unserem Frust, unserem Selbstmitleid, unserer Verzweiflung freien Lauf und schimpfen auf das Virus, das Impfen, Gott? Wir können über die Arbeit reden, immerhin geht es da bei vielen von uns noch halbwegs normal zu. Aber wirklich spannend ist das alles nicht mehr.

Mit meinen Freunden schwelge ich darum immer öfter in Erinnerungen. Wo wir doch schon keine neuen Erinnerungen schaffen können. Mit J. lache ich über die Nacht, in der wir mit demselben Mädchen geknutscht haben. Mit P. lasse ich diese eine Party auf dem Hausboot wieder aufleben. Mit M. schaue ich den Film an, den er von unserer Interrailreise vor fast zehn Jahren geschnitten hat. Da wir nichts mehr erleben, das uns von Neuem verbindet, vergewissern wir uns halt mithilfe der Vergangenheit noch mal, warum wir überhaupt Freunde sind. Das Erinnern macht uns Mut. Dann schmieden wir auch wieder Pläne für die Zukunft: Reisen, Partys, ein Haus am See, alles scheint wieder möglich, wenn die Pandemie vorbei ist.

Was auch hilft: ein Thema zu haben, das von Corona relativ unberührt ist. Zum Beispiel Fußball. Obwohl die Geisterspiele beschissen sind, habe ich die Bundesliga noch nie so verfolgt wie jetzt. Wir haben im Freundeskreis einen kleinen Fanclub, für Borussia Mönchengladbach. Im Chat wird jede Meldung über die Nachfolge von Marco Rose diskutiert, jedes aussichtslose Spiel gegen Manchester City kommentiert, jedes Tor gegen Schalke gefeiert. Wegen dieser Gruppe vibriert mein Handy andauernd – und es geht darin wirklich nie um Corona.

Ich habe mal gelesen, dass die Freunde und Freundinnen ab 30 immer weniger werden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass alle mehr arbeiten, sich mehr Zeit für ihre Beziehungen nehmen, Kinder auf die Welt kommen, dass sie unbeweglicher und gestresster werden. Ich habe das Gefühl, die Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt. Ich verbringe viel mehr Zeit als früher mit meiner Freundin. Freitagabends kochen wir zu zweit, am Samstag gehen wir auf den Markt, am Sonntag machen wir einen Ausflug. Unter der Woche arbeiten wir. Ich finde dieses Leben in Ordnung. Habe ich meine Freunde also schon ein bisschen verloren?

Ich hoffe, dass das Virus keine bleibenden Schäden an meinen Freundschaften hinterlassen wird. Dass ich den Kontakt zu den Menschen wiederfinde, die auf anderen Rettungsbooten sitzen. Dass unsere alten Gewohnheiten sich wieder einspielen. Dass ich bald wieder entspannt auf einer Party einpennen kann, weil die nächste schon stattfinden wird. Eines macht mir Mut: Ich kann Freundinnen und Freunde für Monate oder Jahre nicht sehen, aber wenn wir uns dann wiedersehen, ist alles so, wie es einmal war. So soll es bitte auch nach Corona sein. 

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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