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Das Virus hat den Small Talk getötet

Aber auch der Umgang mit dem Virus lässt Spannungen entstehen. Ein enger Freund, M., hat keine Angst, sich anzustecken, und nimmt es deshalb etwas lockerer mit den Regeln. Er datet, geht auf Partys, will in den Urlaub fliegen. Plötzlich streiten wir über sein Verhalten. Ich mische mich in seine Entscheidungen ein. Mache ihm Vorwürfe. Daran können Freundschaften zerbrechen. Und natürlich sage ich ihm ab, wenn er sich mit mir treffen will. Im Freundeskreis war er schnell gebrandmarkt.

Nach Silvester habe ich mich für fast zwei Monate, mit wenigen Ausnahmen, zurückgezogen. Ich habe mich mit niemandem mehr verabredet, auch nicht zum Spazieren durch den Schnee, es war mir alles zu anstrengend. Ich wollte mir nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, was richtig und was falsch ist, im Kopf ständig meine Kontakte nachzählen, ein schlechtes Gewissen haben, also verabschiedete ich mich für eine Weile von meinem sozialen Leben.

Ich wurde recht schnell einsam, obwohl ich meine Freundin und meine WG hatte. Bald fehlte mir auch der Antrieb, mit meinen Freundinnen und Freunden zu telefonieren. Ohne Input von außen, ohne dass ich mich in Gesprächen mit Freunden selbst besser verstehen konnte, war ich unglücklich. Ende Februar habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich habe J. geschrieben: "Wollen wir nächstes Wochenende den Samstag abhängen?" Und J., auch ausgehungert, antwortete: "JA! Dann komme ich zu dir – und wir hängen ab, spielen, essen, saufen und hören Mucke?" Ich habe mich selten so auf einen Samstag gefreut.

Ein Problem bleiben aber die Gespräche, die wir führen. Das Virus hat den Small Talk getötet: Auf die Fragen "Wie geht's?" und "Was machst du so am Wochenende?" lassen sich keine einfachen Antworten mehr geben. Manchmal will man aber über die einfachsten Dinge reden, um mal abzuschalten. Aber wir erleben nichts mehr. Wir haben auch nichts mehr vor. Und wenn wir behaupten, dass es uns "wunderbar" geht, müssen wir das erklären.

Worüber reden wir also sonst? Erzählen wir wieder von unserem ewig gleichen Alltag? Von Yogasessions, Netflix-Serien, Hummusrezepten? Oder lassen wir unserem Frust, unserem Selbstmitleid, unserer Verzweiflung freien Lauf und schimpfen auf das Virus, das Impfen, Gott? Wir können über die Arbeit reden, immerhin geht es da bei vielen von uns noch halbwegs normal zu. Aber wirklich spannend ist das alles nicht mehr.

Mit meinen Freunden schwelge ich darum immer öfter in Erinnerungen. Wo wir doch schon keine neuen Erinnerungen schaffen können. Mit J. lache ich über die Nacht, in der wir mit demselben Mädchen geknutscht haben. Mit P. lasse ich diese eine Party auf dem Hausboot wieder aufleben. Mit M. schaue ich den Film an, den er von unserer Interrailreise vor fast zehn Jahren geschnitten hat. Da wir nichts mehr erleben, das uns von Neuem verbindet, vergewissern wir uns halt mithilfe der Vergangenheit noch mal, warum wir überhaupt Freunde sind. Das Erinnern macht uns Mut. Dann schmieden wir auch wieder Pläne für die Zukunft: Reisen, Partys, ein Haus am See, alles scheint wieder möglich, wenn die Pandemie vorbei ist.

Was auch hilft: ein Thema zu haben, das von Corona relativ unberührt ist. Zum Beispiel Fußball. Obwohl die Geisterspiele beschissen sind, habe ich die Bundesliga noch nie so verfolgt wie jetzt. Wir haben im Freundeskreis einen kleinen Fanclub, für Borussia Mönchengladbach. Im Chat wird jede Meldung über die Nachfolge von Marco Rose diskutiert, jedes aussichtslose Spiel gegen Manchester City kommentiert, jedes Tor gegen Schalke gefeiert. Wegen dieser Gruppe vibriert mein Handy andauernd – und es geht darin wirklich nie um Corona.

Ich habe mal gelesen, dass die Freunde und Freundinnen ab 30 immer weniger werden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass alle mehr arbeiten, sich mehr Zeit für ihre Beziehungen nehmen, Kinder auf die Welt kommen, dass sie unbeweglicher und gestresster werden. Ich habe das Gefühl, die Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt. Ich verbringe viel mehr Zeit als früher mit meiner Freundin. Freitagabends kochen wir zu zweit, am Samstag gehen wir auf den Markt, am Sonntag machen wir einen Ausflug. Unter der Woche arbeiten wir. Ich finde dieses Leben in Ordnung. Habe ich meine Freunde also schon ein bisschen verloren?

Ich hoffe, dass das Virus keine bleibenden Schäden an meinen Freundschaften hinterlassen wird. Dass ich den Kontakt zu den Menschen wiederfinde, die auf anderen Rettungsbooten sitzen. Dass unsere alten Gewohnheiten sich wieder einspielen. Dass ich bald wieder entspannt auf einer Party einpennen kann, weil die nächste schon stattfinden wird. Eines macht mir Mut: Ich kann Freundinnen und Freunde für Monate oder Jahre nicht sehen, aber wenn wir uns dann wiedersehen, ist alles so, wie es einmal war. So soll es bitte auch nach Corona sein. 

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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