DIE KARRIEREFRAGE: Welches Studium hat in Zeiten von KI noch Zukunft?
- Jacob Gehring
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Verträge prüfen, Präsentationen erstellen, programmieren: Künstliche Intelligenz übernimmt immer mehr Aufgaben. Was das für alle bedeutet, die ein Studium anstreben – und welche Fähigkeiten nun gefragt sind.
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Finde ich überhaupt einen Job, oder wird mein Wunschberuf künftig von Künstlicher Intelligenz erledigt? Diese Frage treibt gerade viele junge Menschen um. Erste konkrete Untersuchungen zu den Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt kommen aus den USA. So ergab eine Studie der Universität Stanford im August: Seit dem Start von ChatGPT im Jahr 2022 sinken in den USA die Beschäftigungszahlen der 22- bis 30-Jährigen. Besonders betroffen sind Berufe, in denen KI Routine- und Einsteigeraufgaben ersetzt. Im Vergleich zu weniger KI-exponierten Berufen und älteren Kohorten ist die Beschäftigung in den USA zwischen Oktober 2022 und April 2025 um rund 13 Prozent zurückgegangen.
Für Deutschland gibt es bislang nur Schätzungen. Eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vom November kommt zu dem Ergebnis: In den nächsten fünf Jahren fallen durch Künstliche Intelligenz fast 100.000 Arbeitsplätze mehr weg, als neue entstehen. Keine gute Nachricht für diejenigen, die in dieser Zeit ihr Bachelor- und Masterstudium abschließen.
KI schafft allerdings auch neue Arbeitsplätze. Bis 2040 dürfte sich die Zahl der neu entstandenen Stellen in etwa mit der der weggefallenen ausgleichen, schätzen die Forscher des IAB. Insgesamt sollen 1,6 Millionen Stellen betroffen sein. Natürlich können Untersuchungen wie diese die Zukunft nicht präzise vorhersagen. Aber sie zeigen: Auf Berufseinsteiger kommen große Umwälzungen zu. Die Frage ist also: Welche Studiengänge lohnen sich heute noch?
BWL, VWL und Wirtschaftsinformatik
Knapp 220.000 Studenten waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Sommersemester 2025 im Fach Betriebswirtschaftslehre eingeschrieben – damit ist BWL der mit Abstand beliebteste Studiengang. Auch Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsinformatik haben es in die Top Ten geschafft. All diese Studiengänge vermitteln Fähigkeiten, die in vielen Branchen gefragt sind – weshalb Absolventen lange Zeit gute Einstiegschancen hatten. Aber bleibt das auch so?
In großen Unternehmensberatungen – nach dem Studium für viele BWL-Studenten der erste Job – verbringen Berufseinsteiger ihre ersten Monate üblicherweise damit, E-Mails zu verfassen, Tabellen zu bearbeiten und Präsentationen zu erstellen. Das Problem: Solche verwaltenden, wenig komplexen und sich wiederholenden Aufgaben lassen sich leicht von KI übernehmen. "Entscheidend ist deshalb die Fähigkeit, Probleme zu strukturieren, Hypothesen zu entwickeln und Technologie sinnvoll in Lösungen zu integrieren. BWL-Studierende sollten heute ein grundlegendes Verständnis für Daten, Algorithmen und digitale Geschäftsmodelle mitbringen", sagt Jonathan Steinbach, Recruiting Director der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland und Österreich. "Gleichzeitig gewinnen klassische menschliche Fähigkeiten weiter an Bedeutung: kritisches Denken, Urteilsvermögen, Kommunikationsstärke und ethische Reflexion."
BWL-Studenten rät Steinbach, sich im Studium Wissen über den klassischen Vorlesungsinhalt hinaus anzueignen: Datenanalyse, Technologieverständnis, gegebenenfalls auch Elemente aus Informatik, Psychologie oder Nachhaltigkeitsökonomie. Entscheidend ist die Fähigkeit, Wissen fächerübergreifend anwenden zu können. Für Recruiter spielen klassische Faktoren wie Praktika, Uniprojekte oder gesellschaftliches Engagement aber auch weiterhin eine Rolle.
Das sieht auch Anna Lüttgen so. Sie ist Director Talent Delivery bei der Personalvermittlung Hays. Sie findet, die Umwälzung biete auch Chancen für Berufseinsteiger: "Hochschulabsolventen haben in Zukunft spannendere Jobchancen, weil die klassischen Berufseinsteiger-Tätigkeiten ja nicht die spannendsten Tätigkeiten unter der Sonne waren. Mit KI können sie sich viel früher konstruktiv und wertschöpfend im Unternehmen einbringen."
Informatik, Maschinenbau und Ingenieurwissenschaft
Noch drastischere Umwälzungen stehen dem zweitbeliebtesten Studiengang bevor: der Informatik, die rund 150.000 Studenten zählt. "Vibe-Coding" macht es möglich, dass KI innerhalb von Sekunden auf Basis eines eingegebenen Textes fertigen Code generiert. Das Ergebnis: Die breite Nachfrage nach klassischen Programmierern breche ein, sagt Anja Robert, Koordinatorin des Karriere-Centers an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen.
Für die meisten Softwareentwickler sind die Zeiten, in denen sie Jobangebote bekommen haben, bevor sie überhaupt ihre Abschlussarbeit geschrieben hatten, jedenfalls vorbei. Aber es gibt Grund zur Hoffnung. "Gut ausgebildete Informatiker werden trotzdem weiter gebraucht, etwa um die KI weiterzuentwicklen und die Ergebnisse im Programmieren zu bewerten", sagt Robert.
Auch im Maschinenbau und den Ingenieurwissenschaften spielt KI heute schon eine wichtige Rolle – und wird in Zukunft verstärkt eingesetzt werden, etwa um Konstruktionen zu entwerfen. "Man gibt einfach die DIN-Norm, weitere Anforderungen und das gewünschte Endergebnis ein, und schon entwickelt einem die KI einen ersten Bauplan", sagt Robert. Für sie steht fest: Ingenieure und Maschinenbauer wird es auch weiterhin geben. In Zukunft könnte KI aber noch stärker Tätigkeiten wie das Qualitätsmanagement übernehmen und dabei helfen, Fehlermuster zu erkennen. Deshalb rücken andere Fähigkeiten in den Fokus, die über den bloßen Vorlesungsinhalt hinausgehen. "Interdisziplinäres Arbeiten, Problemlösefähigkeiten und Adaption – also bin ich in der Lage, mein Fachwissen auf andere Bereiche zu übertragen –, das sind Fähigkeiten, die immens wichtig werden", sagt Robert.
Rechtswissenschaften
In einer Großkanzlei besteht der Alltag von jungen Anwältinnen und Anwälten aus viel Textarbeit. Sie prüfen Verträge, erstellen Gutachten und recherchieren zu Rechtsfragen. "Da kann die KI natürlich sehr viel übernehmen. Nicht nur Banalitäten wie eine Plausibilitätsprüfung, sondern auch inhaltlich reinzugehen und die erste Prüfung der Verträge zu übernehmen. Schriftsätze auf Logik zu prüfen, Argumente aus ihnen zu erstellen, Produkte auf rechtliche Compliance zu prüfen", sagt Markus Kaulartz, Koordinator des KI-Boards von CMS. Die Wirtschaftskanzlei ist die größte in Deutschland.
Schlechte Aussichten also für die rund 111.000 Jurastudenten in Deutschland? Nicht ganz. "Das ist aber eigentlich nicht das, wofür wir ausgebildet worden sind. Es geht eher darum, die Zusammenhänge in komplizierten Strukturen zu erkennen, sie rechtlich besser zu machen oder auch neu zu denken", sagt Kaulartz mit Blick auf die wegfallenden Tätigkeiten. Außerdem stellen Großkanzleien weiter ein. Bei CMS sind es jedes Jahr zwischen 80 und 100 Absolventen. Die Entwicklung sei zwar gedämpft, das liege aber bisher weniger an KI, sondern an langfristigen Entwicklungen wie dem demografischen Wandel oder Veränderungen im Ausbildungssystem, sagt Paula Wernecke, Chief Human Resources Officer bei CMS.
Jurastudenten können laut Wernecke optimistisch in die Zukunft blicken: "Mit einem rechtswissenschaftlichen Studium hat man am Arbeitsmarkt vielfältige Möglichkeiten. Neben dem Anwaltsberuf kann man auch in Rechtsabteilungen von Unternehmen, im öffentlichen Dienst oder in Führungspositionen in der Wirtschaft arbeiten. Ein Jurastudium lohnt sich also noch." Um die eigenen Chancen zu erhöhen, rät Markus Kaulartz: "Ich würde als Student keinen zu großen Fokus mehr auf das reine Wissen legen. Stattdessen würde ich versuchen, meine Fähigkeiten auszubauen. Also, dass ich toll Englisch kann, dass ich toll verhandeln kann, dass ich toll zwischen den Zeilen lesen kann, dass ich auch strategisch viel mehr verstehe als vorher."
Medizin, Pflege und Kreative
Es gibt allerdings auch Berufe, in denen KI kaum oder gar keine Tätigkeiten übernehmen kann. Wer darüber nachdenkt, Lehrer oder Erzieherin zu werden, hat gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt: Deutschland steckt mitten in einem Lehrkräftemangel, und die Konkurrenz ist längst nicht so groß wie in anderen Studiengängen. Im Sommersemester haben rund 90.000 junge Menschen Erziehungswissenschaften studiert. Deutlich mehr waren es in Medizin (knapp 130.000) und Psychologie (rund 110.000). Wer Arzt, Psychologin oder Pfleger werden möchte, läuft kaum Gefahr, von einer Maschine ersetzt zu werden.
"Das sind vor allem Jobs, in denen der Kontakt mit Menschen eine große Rolle spielt und Empathie deshalb eine wichtige Fähigkeit ist", sagt Katharina Grienberger, Leiterin der Arbeitsgruppe Digitale und ökologische Transformation am IAB. Sie hat den "Job-Futuromat" mitentwickelt – eine Website, auf der Berufseinsteiger sehen können, wie wahrscheinlich ihr Beruf von Automatisierung und KI betroffen ist. Neben sozialen Berufen sind laut Grienberger auch kulturelle Berufe schwer zu ersetzen – also Künstler, Musikerinnen, Kreative. KI-generierte Inhalte mögen auf den ersten Blick wie echte Eigenkreationen wirken. Doch in Wahrheit sind sie aus den Bildern, Texten und Liedern zusammengesetzt, mit denen die KI trainiert wurde. Zu kreativen Eigenleistungen ist KI – aktuell zumindest – noch nicht in der Lage.
Trotzdem rät Grienberger jungen Menschen: "Orientiert euch an euren eigenen Interessen und Stärken. Es lohnt sich eher, darauf zu schauen, was einem Spaß macht – und nicht, wie hoch die Automatisierungswahrscheinlichkeit ist."
In einer Sache sind sich aber alle Expertinnen und Experten einig: Wer künftig im Job erfolgreich sein will, sollte frühzeitig lernen, KI als Werkzeug für sich zu nutzen – und flexibel genug bleiben, um mit dem nächsten Wandel Schritt zu halten.
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