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Muss ein MBA wirklich so teuer sein, Herr Jacobs?

Weißes Gebäude Schwarz Rote Kappen Menschen Werfen Abschluss Schwarze Umhänge [Quelle: Unsplash.com, Autor: Vasily Koloda]

Quelle: Unsplash.om, Vasily Koloda 

Ein Jahr an der Managerschule Insead kostet 86.000 Euro – auch im Lockdown. Ein Gespräch mit dem Verwaltungsratschef Andreas Jacobs über den Wert eines MBA-Titels und die Zukunft des Kapitalismus.

Herr Jacobs, Sie sind Verwaltungsratsvorsitzender der Elitehochschule Insead. Ein Jahr Studium kostet dort 86.000 Euro. Für wen lohnt sich das?

Das sind die Studiengebühren für unsere einjährige Ausbildung zum "Master of Business Administration", den MBA. Auf diesem Gebiet sind wir mit rund 1000 Studenten im Jahr die größte Schule auf der Welt. MBA-Programme werden daran gemessen, wie hoch der Gehaltszuwachs durchschnittlich ist, den Absolventen erreichen. Und daran, wie schnell sich die Investition in das Studium dadurch amortisiert. Bei uns ist das nach rund zwei Jahren der Fall.

Die Weltwirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Wie sehr drückt die Corona-Seuche die Bewerberzahlen?

In unserem MBA-Programm überhaupt nicht. Die Leute kommen trotz der Krise. Oder auch gerade wegen der Krise.

Wieso das denn?

Viele junge Berufstätige sehen zurzeit wegen eher geringe Chancen, eine Beförderung in ihrer Firma oder einen besser bezahlten Job in einer anderen Firma zu bekommen. Deshalb rechnen sie sich aus, dass es sich für sie lohnen dürfte, jetzt zu uns zu kommen, um nach der Krise auf dem Arbeitsmarkt richtig durchstarten zu können, wenn auch die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Die Nachfrage für den Studienstart im Januar und auch für das Programm, das im kommenden September beginnt, war jedenfalls sehr groß.

Können Sie den Studenten überhaupt das gewohnte Programm anbieten?

Inhaltlich schon. Dafür haben wir zum Beispiel rund 130 neue Online-Kurse entwickelt. Aber wir machen uns nichts vor: Die Welt geht nicht nur online. Für die Studenten, die im vergangenen Januar angefangen haben, war es ein bisschen tragisch. Sie haben zehn von zwölf Monaten im Lockdown verbracht. Das ist nicht nur wegen der vielen ausgefallenen Partys an den Wochenenden schade. Auch im Studium ist bei uns sonst das horizontale Lernen die halbe Miete.

Was meinen Sie damit?

Wir bezeichnen die Vorlesung eines Professors als vertikales Lernen, die Gespräche darüber mit den Kommilitonen davor und danach als horizontales Lernen. Die MBA-Studenten haben ja alle schon ein erstes Studium abgeschlossen und erste Berufserfahrung gesammelt, bevor sie zu uns kommen. Und wir haben in jedem Jahrgang typischerweise mehr als achtzig verschiedene Nationalitäten.

Wie sieht es zurzeit auf Ihrem Campus in Fontainebleau in der Nähe von Paris aus?

Sehr ruhig. Die Gemeinschaftsunterkünfte sind wegen der Corona-Krise noch geschlossen, alle Vorlesungen werden im Internet übertragen. Wer privat in der Nähe wohnt und auf den Campus gehen möchte, um die Bibliothek zu benutzen oder andere Einrichtungen dort, der kann das aber tun. Neuankömmlinge gehen zuerst zwei Wochen in Quarantäne, danach gibt es mindestens einmal die Woche einen Corona-Test. Das ist übrigens keine Vorzugsbehandlung für unsere Studenten, sondern in Frankreich an allen Schulen die Regel. Das läuft dort in staatlicher Regie sensationell gut. Natürlich gab es auch unter unseren Mitarbeitern und Kursteilnehmern einige positive Fälle. Wir konnten sie aber rechtzeitig isolieren, so dass der Betrieb nie gefährdet war.

Trotzdem ist das weit entfernt von der quicklebendigen internationalen Atmosphäre, die sich die Studenten von ihrem teuren Insead-MBA gewiss erhofft hatten. Zahlen Sie ihnen die Studiengebühren zurück?

Das haben sich einige Studenten gewünscht. In Amerika sind manche Business Schools auch darauf eingegangen. Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir kein Exempel für die Zukunft statuieren wollten. Stattdessen haben wir allen Studenten angeboten, nach dem Abschluss noch zwei Monate gratis bei uns dranzuhängen. Außerdem gibt es Gutscheine für Kurse, die sie irgendwann später nehmen können. Und wir haben allen versprochen, ihnen bei der Suche nach einer neuen Stelle noch mehr als üblich zu helfen.

Wie genau?

Der Standard bei uns ist, dass wir in den vier letzten Monaten jedes Studienjahres Recruiting-Tage organisieren. Da kommen die großen Firmen auf den Campus, allen voran übrigens nach wie vor Unternehmensberatungen, und wir kümmern uns darum, welchen unserer Studenten sie wann kennenlernen. Die Vorauswahl treffen sie anhand von Standardlebensläufen. Der Spießrutenlauf, der sonst oft vor dem ersten persönlichen Gespräch dazugehört, entfällt also. Die Studenten müssen sich bloß an diesem einen Tag einmal einen Anzug und einen Schlips anziehen und sich eine Stunde für ihren potentiellen Arbeitgeber Zeit nehmen.

Das hört sich schon komfortabel an. Was haben Sie da noch draufgelegt?

Viele Vorstellungsgespräche laufen jetzt digital. Wir haben auf dem Campus Aufnahmestudios eingerichtet, mit professioneller Bild- und Tontechnik. Keiner unserer Studenten muss sich darum sorgen, ob seine Internetverbindung stabil ist, ob die Beleuchtung stimmt oder wie der Hintergrund beim Zoomen aussieht. Das übernehmen alles wir.

Insead hat einen zweiten Campus in Singapur. Wie ist die Lage dort?

Die Quarantäneregeln sind genauso. Aber es gibt dort schon wieder echten Unterricht. Das Land hat, nach allem was man heute sieht, Corona hinter sich. Deshalb haben auch einige unserer Studenten aus Fontainebleau sich dazu entschlossen, im Januar und Februar einen Teil ihres MBA-Programms in Singapur zu absolvieren. Dort sehen wir jetzt schon, wie es demnächst hoffentlich auch hier in Europa sein wird: Tests spielen eine wichtige Rolle, außerdem muss man aber auch weiterhin sehr auf Abstand und Hygiene achten. Jeder muss sich im Klaren sein, dass es sonst schnell zu einer weiteren Infektionswelle kommen kann.

Außer dem MBA hat Insead auch Fortbildungen im Angebot, die Firmen maßgeschneidert für ihre Belegschaft buchen können. Ist dieses Geschäft so krisenfest wie der MBA?

Nein. Da verzeichnen wir einen deutlichen Rückgang. Und weil wir damit sonst viel mehr Umsatz machen als mit dem MBA, kommen wir insgesamt auf ein Minus von rund 20 Prozent. Viele Firmen haben auf Autopilot geschaltet, versuchen erst einmal irgendwie durch diese Monate hindurchzukommen. Da denken nur die wenigsten schon an ihre zukünftige Strategie.

Wie würden Sie ihnen dabei helfen?

Wir können ihnen zum Beispiel eine kluge Mischung aus Online- und Präsenzveranstaltungen anbieten, die den Mitarbeitern ein neues Leitbild viel wirkungsvoller vermittelt als das in solchen Change-Prozessen sonst üblich ist. Schonender für die Gesundheit der Chefs und Chefinnen ist das auch noch. Ich habe das als Präsident des Schokoladenherstellers Barry Callebaut selbst erlebt: Du fliegst zu sogenannten Townhall-Meetings rund um die Welt, um die Mitarbeiter an den verschiedenen Standorten auf etwas Neues einzuschwören. Am Ende des Monats bist du mausetot, ohne zu wissen, wen du wirklich mit deiner Botschaft erreicht hast.

Heute sind Sie nicht mehr Präsident eines internationalen Konzerns, dafür aber der einzige Deutsche, der an der Spitze einer der internationalen Managerhochschulen steht. Fühlt sich das exotisch an?

Es spielt für diese Aufgabe überhaupt keine Rolle, welchen Pass ich habe. Ich mache das als Europäer – und als ehemaliger Insead-Student. Ohne die Ausbildung, die ich in Fontainebleau erhalten habe, hätte ich meine Karriere nicht beschreiten können. Da gibt es für mich keinen Zweifel.

Hätte es als Spross der Jacobs-Kaffeedynastie sonst nicht auch zu einem erfüllten Berufsleben gereicht?

Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, einmal in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, bevor ich das MBA-Programm von Insead absolviert habe. Und ich habe mich damals für diese Schule entschieden, weil es den MBA nur hier als einjähriges Programm gab. Die Alternative dazu wären zwei Jahre an einer Business School in Amerika gewesen. Zwei Jahre ohne Einkommen konnte ich mir schlicht nicht leisten.

Die Pandemie hat auch den globalisierten Kapitalismus in Misskredit gebracht mit seiner gesteigerten Mobilität und seinen weltumspannenden Warenströmen. Genau dafür steht Insead, ähnlich wie die Harvard Business School in Amerika. Hat dieses Modell überhaupt noch eine Zukunft?

Ich bin überzeugt davon, dass die Wirtschaft der Gesellschaft dienen muss. Die Wirtschaft muss die Welt besser machen, oder es zumindest versuchen. Diese Überzeugung hat sich auch auf die Inhalte ausgewirkt, die wir unterrichten. Wir haben im Vergleich zu 2010 beispielsweise eine Reihe von Finanz- und Buchhaltungsthemen rausgenommen und dafür mehr Zeit für Nachhaltigkeitsfragen und Verhaltensforschung geschaffen. Wir haben uns gefragt, ob wir jetzt in der Krise wieder auf etwas davon verzichten sollten. Aber das tun wir nicht. Denn wenn nach der Krise die Reichen reicher als vorher sein werden und die Armen ärmer, wie es nach aller Voraussicht der Fall sein wird, dann müssen unsere Absolventen umso mehr verstehen, worin ihre gesellschaftlichen Aufgaben bestehen.

Werden der Freihandel und die Globalisierung nach der Krise wiedererstarken?

Davon gehe ich fest aus. Alles andere wäre ein Albtraum.

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