Partner von:

Die Pandemie als Praktikum

Hände, Handschuhe, Arzt, Medizinstudenten [Quelle: unsplash.com, Autor: Clay Banks]

Quelle: unsplash.com, Clay Banks

Wenn die Zahl der Corona-Patienten steigt, wird in Kliniken, Labors und Arztpraxen jede helfende Hand gebraucht. Medizinstudenten der Uni Frankfurt stehen bereit.

Alexander Sanchez hat jetzt eine Vorstellung davon, wie sich Mitarbeiter von Callcentern fühlen. Seine Stimme klingt an diesem Montagmorgen rauher als noch vor ein paar Tagen. Das Wochenende hat er durchgearbeitet – telefoniert, recherchiert, die Facebook-Seite betreut. Seinem Projekt widmet der 23 Jahre alte Medizinstudent gut zehn Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Zusammen mit seinen gleichaltrigen Kommilitonen Maureen Jacob und Paul Hotz organisiert er ein Praktikum, das es in der Geschichte des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität so noch nicht gegeben hat. Angehenden Ärzten soll es die Möglichkeit geben, in einer beispiellosen Krisensituation ihre Ausbildung mit dem Dienst an der Gemeinschaft zu verbinden.

Mehr als 1.200 Frankfurter Nachwuchsmediziner sind bis Montag dem Aufruf von Studiendekan Robert Sader gefolgt, sich freiwillig als Helfer zu melden: In Kliniken, Laboren und Praxen sollen sie das Personal im Kampf gegen das Coronavirus unterstützen. Organisator Sanchez ist beeindruckt von der großen Resonanz: Gut 40 Prozent der infrage kommenden Medizinstudenten hätten ihre Einsatzbereitschaft bekundet. Viele von ihnen haben ohnehin gerade mehr Zeit, weil praktisch alle Präsenzveranstaltungen an der Universität ausgesetzt sind. Wenn sie sich zum Corona-Dienst entschließen, dürfen sie darauf hoffen, das als Studienleistung angerechnet zu bekommen. Laut Sader ist je nach Einsatzort und -art eine Anerkennung als Famulatur, Wahlfach, Krankenpflege- oder Blockpraktikum denkbar.

"Wir werden bestmöglich unterstützt"

Für das Dekanat und die drei studentischen Koordinatoren firmiert das ganze Programm erst einmal als "Wahlfach Covid-19". Sanchez, Jacob und Hotz nehmen die Meldungen der einsatzbereiten Kommilitonen entgegen und vermitteln sie dorthin, wo sie gebraucht werden. Andererseits können Krankenhäuser, Behörden und niedergelassene Ärzte Studenten beim Organisationsteam anfordern. Nach Sanchez' Worten ist sichergestellt, dass die Hilfsbereitschaft nicht missbraucht wird: Ob die Bitten um Unterstützung plausibel seien, werde von Oberärzten geprüft.

Überhaupt arbeiten die drei Organisatoren eng mit dem Dekanat zusammen. Im ohnehin fast menschenleeren Verwaltungstrakt haben sie ein eigenes Büro bekommen; einmal täglich kommt Studiendekan Sader vorbei und sieht nach dem Rechten. Sanchez lobt: "Wir werden bestmöglich unterstützt."

Noch hält sich die Nachfrage nach den studentischen Corona-Helfern in Grenzen. Am Montag gibt Sanchez die Zahl der Anforderungen mit "40 bis 60" an. Schon bald aber dürften es deutlich mehr werden. Denn voraussichtlich von Mittwoch an können auch die Lehrkrankenhäuser, mit denen der Fachbereich zusammenarbeitet, ihren Bedarf anmelden.

Schichtdienst rund um die Uhr

Jene Studenten, die ihr Corona-Praktikum schon begonnen haben, sind auf ganz unterschiedliche Arten beschäftigt, wie Sanchez berichtet. Sechs bis sieben helfen dem DRK-Blutspendedienst bei der Auswertung der Virustests. "Die arbeiten im Schichtdienst rund um die Uhr." Andere befragen mögliche Corona-Kranke nach Symptomen oder bereiten sich darauf vor, im Notfall Kinder von Ärzten und Pflegern zu betreuen. Einige sind auch schon in Haus 23 eingesetzt – dem Hauptgebäude des Uniklinikums, in dem nun ausschließlich Covid-19-Patienten versorgt werden. Nur Mitarbeiter und Studenten mit Passierschein dürften dieses Gebäude noch betreten, sagt Sanchez.

Auf dem Klinikcampus in Niederrad herrsche eine "professionelle Anspannung". Es könne die "Ruhe vor dem Sturm" sein, aber in den vergangenen Tagen habe sich die Lage nicht spürbar verschlimmert. Noch ist die Zahl der Corona-Kranken überschaubar. Sanchez ist zuversichtlich, dass die Studenten auch dann die Nerven behalten, wenn sich das ändern sollte. Viele sind in ihrer Ausbildung schon fortgeschritten, sie haben Kranke gesehen, die an Tuberkulose litten oder mit hochgefährlichen multiresistenten Bakterien infiziert waren. Maureen Jacob und Paul Hotz haben sich auf Krebsmedizin spezialisiert; sie wissen, wie man mit immungeschwächten und deshalb infektanfälligen Patienten umgehen muss. Jacob vertraut zudem darauf, dass die Studenten stets von erfahrenen Ärzten und Pflegern angeleitet werden. "Man steht nie alleine am Krankenbett."

Erschreckende Bilder aus Italien

Keine noch so gute Betreuung allerdings kann die Jungmediziner auf Zustände vorbereiten, wie sie in den italienischen, spanischen und französischen Corona-Epizentren zu beklagen sind. Jacob sagt, es ergreife sie Furcht, wenn sie die Bilder aus Italien sehe. Sie hat dort Freunde, die auch Medizin studieren, einer steht kurz vor dem Examen. Ihr ist bewusst, dass der Dienst in einer überfüllten Klinik mit vielen Schwerstkranken auch den engagiertesten Freiwilligen überfordern kann. Deswegen sage man den Corona-Helfern: "Wenn ihr euch bestimmten Aufgaben nicht gewachsen fühlt, müsst ihr sie nicht machen."

Jacob, Hotz und Sanchez werden selbst erst einmal nicht in die Lage kommen, sich um Menschen mit lebensbedrohlicher Lungenentzündung kümmern zu müssen. "Wir werden einen bis eineinhalb Monate brauchen, um alle Studenten zu vermitteln", schätzt Hotz. "Danach werde ich mich ins Labor stellen oder ans Krankenbett, wenn es nötig ist." Auch wenn sich die Lage nicht so zuspitzen sollte wie befürchtet, sieht Jacob im Corona-Hilfsdienst eine "wunderbare Chance", sich für die bisher erhaltene Ausbildung zu revanchieren. "Wir können etwas zurückgeben." Durch die Pandemie sei eine außergewöhnliche Situation entstanden. "Aber wir können daran wachsen und zu guten Ärzten werden."

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Verwandte Artikel

Tipps fürs Studium und

Infos zu Top-Unis - einmal

monatlich in dein Postfach

Kommentar (1)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Es wäre schön, wenn auch die bundesweite Plattform https://www.match4healthcare.de/ noch aufgelistet werden könnte zur Suche von helfenden Händen.

Das könnte dich auch interessieren