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Literatur- statt Maschinenbau-Blase

Büchertürme Junge Fernglas Entdecken [Quelle: Pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Piacquadio

Sein erstes Studium empfand er als recht eindimensional, jetzt sucht er andere Einblicke: Ein Maschinenbauer mit Master-Abschluss im Gespräch über Sinn & Unsinn eines geisteswissenschaftlichen Zweitstudiums.

Herr Schwager, Sie haben an der RWTH Aachen einen Master in Maschinenbau und Verfahrenstechnik abgeschlossen, Note 1,7. Jetzt sind Sie in Germanistik, Nebenfach Philosophie an der Goethe-Uni in Frankfurt eingeschrieben. Wieso?

Ich wollte mich mal in eine andere Richtung wagen. Eigentlich wollte ich sogar Literatur studieren, ich lese sehr gerne. Im Maschinenbaustudium hatte ich außer Physik keine Nebenfächer, ich fand das alles sehr eindimensional. Außerdem hat es mich auch nicht gereizt, nach dem Ende meines Maschinenbaustudiums sofort 40 Stunden die Woche zu arbeiten. Geld ist mir nicht so wichtig. Dieses Zweitstudium war also die perfekte Lösung für mich. So komme ich aus der naturwissenschaftlichen Ecke raus, und dieses Jahr, wenn ich vielleicht endlich mal richtig in die Uni gehen kann, lerne ich vielleicht auch andere Leute als Maschinenbauer und Naturwissenschaftler kennen.

Was versprechen Sie sich davon?

In Aachen ist es schon so, dass alle in der gleichen Bubble leben und Gespräche sich schnell in eine bestimmte Richtung drehen. Ich möchte über meinen Tellerrand schauen – mich anders entwickeln, mehr Offenheit politischer Art kennenlernen, neue Denkansätze und neue Gesprächsthemen entdecken.

Sich anders entwickeln?

Ich möchte offener werden gegenüber anderen Wissenschaftsdisziplinen und anderen Personen. Unter Maschinenbauern gibt es ja oft Vorurteile gegenüber Germanisten und andersrum auch. Ich hoffe auf neue Erkenntnisse – auch politisch – und dass ich Lust bekomme, mich einzusetzen für irgendwas.

Wie haben Ihre Eltern und Freunde auf Ihre Entscheidung reagiert?

Da habe ich Glück. Meine Eltern unterstützen mich, wobei mein Vater sich sicher nicht beschweren würde, wenn ich jetzt mit 26 Jahren direkt eine Karriere starten würde. Und von meinen Freunden habe ich viel Zuspruch gekriegt. Das hat mich überrascht.

Gefällt Ihnen das neue Studium überhaupt?

Ja, es macht mir wieder Spaß zu studieren. In den technischen Fächern habe ich zuletzt einfach nur noch für die Klausuren gelernt, also gerechnet, gerechnet, gerechnet. Jetzt lese ich Texte und muss mich richtig damit auseinandersetzen. Im Maschinenbaustudium gab es immer genau eine richtige Antwort. Jetzt kann man alles interpretieren, und es ist interessant zu sehen, wie anders die Benotung funktioniert. Wenn du eine gute Meinung hast, ist die selbst dann nicht ganz falsch, wenn es nicht die des Professors ist.

Maschinenbau oder Germanistik – was ist schwieriger?

Das Maschinenbaustudium war fordernder, aber vielleicht ist es auch nur so, dass mir jetzt vieles leichter fällt, weil ich schon sieben Jahre studiert habe. Aber vom Arbeitsumfang her ist mein jetziges Studium ganz sicher weniger aufwendig. Ich arbeite mich bisher nicht tot.

Von Ihren Kommilitonen haben Sie bis jetzt wahrscheinlich wenig gesehen.

Ja, aber eins ist mir schon aufgefallen: Von lauter Jungs bin ich zu lauter Mädchen gewechselt.

Waren Ihre Maschinenbaudozenten anders als die jetzigen?

Ja, an der RWTH sind sie alle sehr businessverbunden. Sie haben Kontakt zu allen möglichen Firmen, und die meisten Profs waren vorher im Vorstand von irgendwelchen Unternehmen. In der Germanistik sind die Profs näher an den Studenten dran und weiter weg von der Wirtschaft, das fällt direkt auf.

Meinen Sie, dass Ihr Zweitstudium Ihre Karrierechancen erhöhen wird?

Dass es einen großen Vorteil bringt, kann ich mir nicht vorstellen. Dafür hätte ich eher noch einen MBA in Wirtschaft oder einen Master in Informatik dranhängen müssen, das wäre sicher spitze gewesen. Ein Bachelor in Germanistik – ich weiß nicht, ob da viele draufgucken und sagen: perfekt geeignet als Ingenieur. Aber ich mag Maschinenbau und Verfahrenstechnik schon gern und will darin arbeiten.

Das Gespräch mit Tarvo Schwager führte Katrin Hummel.

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