Partner von:

Studenten gegen Viren

Mediziner, Ärztin, Studentin, Frau, Mundschutz [Quelle: unsplash.com, Autor: Ani Kolleshi]

Quelle: unsplash.com, Ani Kolleshi

Wer Medizin studiert, muss jetzt schnell erwachsen werden: In der Corona-Krise geht es nicht nur um verschobene Prüfungen und verhagelte Wahlfach- Wünsche, sondern um Leben und Tod.

Deutschlands Medizinstudenten sind in Aufruhr. Schon vor Wochen hatte der Präsident der Bundesärztekammer die jungen Menschen zur Mithilfe im Kampf gegen die Corona-Pandemie aufgefordert. Mehr als 25.000 Studenten haben sich inzwischen bei ihren Universitäten, in Gesundheitsämtern oder beim ärztlichen Bereitschaftsdienst gemeldet. Vergangene Woche Freitag hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch rasch ein Gesetz verabschiedet, dass es ihm ermöglichte, die Approbationsordnung kurzfristig zu ändern. Die entsprechende Verordnung ist an diesem Mittwoch in Kraft getreten. "Wir waren enttäuscht, als wir das Ergebnis erfuhren", sagt Tim Schwarz, der im 10. Semester Medizin in Heidelberg studiert und Vizepräsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) ist.

Mehr als 100.000 Unterschriften hatte der Verband in den vergangenen Tagen mit einer Petition gesammelt und "faire Bedingungen" für Medizinstudenten in der Corona-Pandemie gefordert. "Zwar wurden einige unserer Vorschläge wortgleich übernommen, was uns natürlich gefreut hat. Aber die anderen Beschlüsse sind schwerwiegende Eingriffe in den Ablauf des Studiums und in die individuelle Studienplanung und bürden den Betroffenen eine hohe zusätzliche psychische Last auf."

"Wir wollen unseren Beitrag leisten. Aber zu fairen Bedingungen."

Noch herrscht in den meisten deutschen Kliniken in Sachen Corona die "Ruhe vor dem Sturm". Möglicherweise wird aber schon bald jede helfende Hand gebraucht, vor allem wenn Pflegende oder Ärzte ausfallen, weil sie selbst erkranken. Wie fühlt es sich an, dieser Tage Medizinstudent in Deutschland zu sein? Herrscht Druck, Angst oder vor allem das Gefühl, gebraucht zu werden?

"Ich fand den Aufruf gut", sagt Rosemarie Schmidt, die im 10. Semester Medizin in München studiert. "Wir wollen unseren Beitrag leisten. Aber wir brauchen dafür faire Bedingungen." Um zu verstehen, warum die Studenten sich aufregen, lohnt ein Blick auf den Aufbau des Medizinstudiums. Normalerweise pauken die Studenten in den ersten vier Semestern – der Vorklinik – Grundlagenfächer, etwa Biochemie, Physiologie, Chemie, Anatomie. Diese Phase wird mit der M1-Prüfung abgeschlossen. Im 5. bis 12. Semester – der sogenannten Klinik – haben die Studenten Vorlesungen und Praktika in Dutzenden Fächern, von Allgemeinmedizin über Kinderheilkunde und Neurologie bis Urologie. Nach zehn Semestern findet die M2-Prüfung statt, drei Tage lang 320 Multiple-Choice Fragen. "Da wird sehr viel spezielles Detailwissen abgefragt", sagt Schmidt. "Man braucht in der Regel mehr als drei Monate am Schreibtisch, um sich das einzupauken." Im letzten Jahr des Studiums arbeiten die Studenten Vollzeit in einer Klinik, das wird Praktisches Jahr (PJ) genannt: vier Monate Innere, vier Monate Chirurgie und vier Monate ein Wunschfach. Danach kommt das zwei Tage lange M3-Examen mit einem mündlichen und einem praktischen Teil mit Patienten.

Was die Studenten an der neuen Verordnung am meisten stört: Das M2-Examen, das jetzt im April ansteht, wird grundsätzlich bundesweit auf Mitte April 2021 verschoben; im Mai bis Juni findet dann das M3-Examen statt. Das PJ fängt jetzt im April statt im Mai an und dauert 45 statt 48 Wochen. Die Länder dürfen aber eigenständig das M2 trotzdem jetzt noch durchführen, wenn der Infektionsschutz gewährleistet ist. Bei Redaktionsschluss wollte zum Beispiel Baden-Württemberg das M2 nicht stattfinden lassen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Niedersachsen aber schon. In diesen Fällen dauert das PJ ganz normal 48 Wochen. "Ich fand das eine sehr schlechte Idee, dass das Bundesministerium die Verantwortung wieder einmal an die Länder abgeschoben hat", sagt Tim Schwarz. "Es wird nun viel schwieriger, innerhalb des PJs in Deutschland zu wechseln." Heftig kritisiert wurde zudem, dass die Universitäten die PJler statt in ein Wahl-Fachgebiet in ein Fachgebiet schicken können, wo diese wegen der Corona-Krise mehr gebraucht werden: Etwa Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder Mikrobiologie. "Ich fühle mich massiv eingeschränkt", sagt Rosemarie Schmidt. "Ein halbes Jahr saß ich sechs Tage die Woche am Schreibtisch und bereitete mich auf das M2 vor, und dann steht auf einmal wochenlang alles still. Wir wussten bis Mittwoch nicht, ob wir M2 schreiben oder schon bald an vorderster Front bei der Versorgung der Erkrankten helfen sollen."

Müsste sie sofort mit dem PJ anfangen, könne sie den Monat nicht als Krankenschwester arbeiten. "Das Geld benötige ich aber als Vorsorge für das PJ. Viele Kliniken zahlen PJlern für ihre Vollzeitarbeit nämlich immer noch keinen Cent." Zwar fordert Jens Spahn in seiner neuen Verordnung die Krankenhäuser auf, eine "Aufwandsentschädigung" zu zahlen, aber ob das wirklich so kommt, wird sich zeigen. Es gibt keine genauen Zahlen, aber gemäß BVMD werden generell mehr PJler entlohnt als nicht – im Durchschnitt mit 300 Euro je Monat. "Wir fordern schon seit langem bundeseinheitliche Regeln und eine adäquate Vergütung für das PJ", sagt Tim Schwarz.

"Mit ungewöhnlichen Umständen sind wir zurzeit ja alle konfrontiert"

Dass PJler möglicherweise ihr Wahlfach nicht machen könnten, halte sie ebenfalls für einen großen Nachteil, sagt Rosemarie Schmidt. "Für viele ist das eine Entscheidungshilfe für den späteren Facharzt. Abgesehen davon, kommt die Ausbildung in einem anderen Fachgebiet viel zu kurz. Wir kennen uns dann zwar super in Innerer Medizin und Chirurgie aus, konnten aber kaum über den Tellerrand blicken." Das Wahlfach dient oftmals auch als "Karrieresprung": Hier knüpfen die PJler Kontakte und bekommen dann dort oft eine Stelle als Arzt.

Martin Möckel, Chef-Notfallmediziner an der Charité in Berlin und Vorsitzender des Studienausschusses Modellstudiengang Medizin, kann die Sorgen der Studenten nicht ganz nachvollziehen. "Unter dem Aspekt der gelebten Selbstoptimierung in dieser Generation verstehe ich es, dass man sich darüber aufregt, wenn sich PJ und M2 verschieben. Und es ist auch etwas dran, dass das Wahlfach oftmals den Berufsweg öffnet. Aber mal ehrlich gesagt: Mit ungewöhnlichen Umständen sind wir zurzeit ja alle konfrontiert, und man muss sich eben darauf einstellen." Vielleicht hilft ein realistischer Optimismus, wie das die Psychologen nennen: Man kann an der Situation jetzt nichts ändern, und statt sich zu grämen oder aufzuregen, versucht man lieber, etwas Positives zu sehen.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Verwandte Artikel

Tipps fürs Studium und

Infos zu Top-Unis - einmal

monatlich in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren