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Fallbeispiele "Wer sich wehrt": Juristen und Medienleute

Wer sich wehrt I: Juristen

Was ist das Problem?
In Hamburg erhielten Rechtsreferendare mit 950 Euro brutto pro Monat weniger Geld als ihre Kollegen in vielen anderen Bundesländern. Dabei sind die Mieten in der Stadt höher als anderswo. Bis vor zwei Jahren bekamen die Referendare sogar nur 900 Euro – und keine Zuschläge für Kinder. "Von dem Geld kann man zwar leben", sagt Steffen Brauer, 28, "man muss aber jeden Cent umdrehen und Spaghetti mit Ketchup essen – trotz Uni-Abschluss." Das Problem besteht seit Anfang der 2000er-Jahre, als der Beamtenstatus für Rechtsreferendare aufgehoben wurde.

Wer ist betroffen?
Juristen, die nach dem ersten Staatsexamen das zweite machen, um Anwalt oder Richter zu werden. In einem zweijährigen Referendariat arbeiten sie an Gerichten, bei Verwaltungen oder Staatsanwaltschaften. In Hamburg sind das aktuell 600 Leute.

Wer wehrt sich?
Der etwa zehnköpfige Personalrat der Referendare am Oberlandesgericht Hamburg. Er ist eine Interessenvertretung, die jährlich neu gewählt wird. 2013 war Brauer dort zuständig für den Bereich Finanzen. "Wir wollten unser Anliegen öffentlich machen", erzählt er. Der Rat sprach mit Politikern und Journalisten, ging in Vorlesungen, mobilisierte Studenten. So gelang es, eine öffentliche Anhörung mit über 200 Gästen im November 2013 im Rathaus zu erwirken, bei der Referendare ihre Forderungen vorbrachten: eine Erhöhung ihres Geldes auf 1.100 Euro und die Einführung eines Familienzuschlags.

Was ist der Stand?
Die Rechtsreferendare hatten Erfolg, mit Abstrichen. Im Juli 2014 änderte die Landesregierung die Unterhaltsbeihilfeverordnung. Seitdem erhalten die Referendare 950 Euro im Monat und Familienzuschläge. Brauer sagt: "Protest lohnt sich." Also alles paletti? Nicht ganz. "Es war ein Erfolg, weil nicht absehbar war, dass wir etwas ändern können. Der Personalrat hat das Bestmögliche rausgeholt", sagt Jan Mysegades, 24, einer von Brauers Nachfolgern im Personalrat. "950 Euro sind aber noch immer nicht angemessen." Der Kampf um faire Entlohnung gehe weiter.

Wer sich wehrt (II): Medienleute

Was ist das Problem?
Zahlreiche Verlage und Medienfirmen kämpfen mit sinkenden Auflagen und bauen Stellen ab. Trotzdem bleiben sie als Arbeitgeber populär. "Bisher war ›irgendwas mit Medien‹ unter jungen Leuten so ein Renner, dass sich Verlage vor Bewerbungen kaum retten konnten", sagt Susanne Stracke-Neumann von der Deutschen Journalisten-Union (DJU). Die Folge: "Konkurrenzkampf pur unter Berufseinsteigern." Und kaum einer, der sich traut, sich zu beschweren. Etwa über unbezahlte Praktika oder schlechte Volontariate.

Wer ist betroffen?
Jeder Zweite, der in den Medien arbeiten will, sehnt sich nach einem Job im Printbereich. Das zeigte eine Umfrage der Vereine Jugendkulturforschung und Jugendpresse vor einigen Jahren. Dort zahlen jedoch viele Arbeitgeber nicht nach Tarif. Die DJU führt unter dem Titel "Auf der Tarifflucht" eine Liste im Internet über rund 100 teils renommierte Verlage, die sie für ihre niedrigen Gehälter an den Pranger stellt.

Was tun die dagegen?
Einige machen, was sie am besten können: schreiben. Etwa Moritz Pohl. Der war empört, als er erfuhr, dass ein angesehener Buchverlag seinen Volontären 500 Euro zahlt – Geld, von dem wenig übrig bleibt, wenn man Miete und Versicherungen bezahlt hat. "An der Uni habe ich meine Abschlussarbeit über Literaturskandale geschrieben", sagt er. "Jetzt habe ich versucht, selbst einen anzuzetteln." Pohl verfasste seinen Blog-Eintrag "Empörung über Kiepenheuer und Witsch". Erst passierte nichts. Dann verlinkte der Medienkritiker Stefan Niggemeier den Text. Und dann brach ein Shitstorm auf der Facebook-Seite des Verlags aus.

Hatte das Erfolg?
Der Verlag verdoppelte das Gehalt. Ein Erfolg, könnte man denken. Moritz Pohl ist jedoch nicht zufrieden. "Nach der Erhöhung war das Thema für alle gelaufen", sagt er, "dabei sind 1.000 Euro brutto immer noch nicht angemessen." Und andere Verlage zahlen weiterhin schlechter. Pohl wollte den Protest deshalb ausweiten, erfand den Hashtag #medienwut, als #aufschrei für Medienleute. Kaum einer griff ihn auf.

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