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Vor- und Nachteile des Netz-Aktivismus

Auf Augenhöhe mit dem Chef

Das ist auch gar nicht mehr nötig, sagt Tamara Frast. Sie redet nicht von Organisationen, Verbindlichkeiten und Furcht. Sondern von produktiven Zwiegesprächen. "Augenhöhe" ist ein Wort, das sie gerne verwendet. So wie in dem Satz: "Chefs und Mitarbeiter begegnen sich heute auf Augenhöhe." Frast arbeitet bei Kununu, einer Bewertungswebsite, auf der Arbeitgeber von ihren Angestellten kritisiert werden. Jeder dritte Bewerber informiert sich auf Bewertungsportalen im Internet über Arbeitgeber, das ergab eine Bitkom-Studie im Oktober. Kununu ist das größte dieser Portale. "Auf Kununu kann ich eine Meinung vor einem Millionenpublikum darstellen", sagt Frast. "Sämtliche Sachen, die im Argen liegen, werden auf diese Weise angesprochen, nichts bleibt verdeckt. Da muss man als Chef durchatmen und sich dann der Kritik stellen." Was Frast beschreibt, ist ein Beispiel für das politische Versprechen des Internets. Die Idee, dass keine Organisationen mehr nötig sind, keine Absprachen mit anderen und kaum Anstrengung, um Dinge zu verändern. Manchmal klappt das.

Neulich zum Beispiel, in einem Unternehmen in der Nähe von Wien: gute Arbeit, gute Bezahlung, guter Umgangston. Nichts, worüber die Mitarbeiter sich beschweren würden. Nur dass es keine Kantine gab, fanden viele doof. Das Unternehmen lag außerhalb, weit weg von den guten Mittagstischangeboten der Innenstadt. Die Mitarbeiter mussten sich zu Hause Brote schmieren und zur Arbeit mitnehmen. Dem Chef war das bis dahin nicht aufgefallen, oder er hatte es nicht für ein Problem gehalten. Aber als sich bei Kununu die Rezensionen häuften, die diesen Punkt beklagten, habe er eingelenkt. Jetzt habe die Firma eine Kantine, sagt Tamara Frast. Ganz ohne Streiks und Umsatzeinbußen. Happy End.

Dass Netz-Aktivismus so schnell und unkompliziert ist, hat jedoch auch eine Kehrseite. Nie war es so leicht wie heute, einen Sturm der Empörung loszutreten. Aber mancher, der mit einem Shitstorm etwas Grundsätzliches verändern wollte, merkte, dass die Empörung im Netz auch schnell wieder verpuffte. Zum Beispiel, wenn es um Probleme geht, die alle in der Branche betreffen und für die sich deshalb nicht einfach ein Schuldiger brandmarken lässt. Oder um gesetzliche Rahmenbedingungen, hinter denen sich Betriebe verstecken können. Und oft ist das gerade bei den Themen der Fall, bei denen es um mehr geht als um belegte Brote (siehe die Fallbeispiele Wer sich wehrt).

Was aber bleibt, wenn alle verschieden sind und der Einzelne nur wenig ausrichten kann? Vielleicht hilft Pragmatismus: Um gemeinsam zu kämpfen, muss man sich nicht in jeder Hinsicht ähnlich sein. Man muss nur ein gemeinsames Anliegen erkennen. So wie Jan Duscheck und die Mitarbeiter der Uni-Klinik Leipzig.

Die Emotionen kochen hoch

Bei seinem ersten Arbeitskampf war Jan Duscheck gerade 20. Er arbeitete als Kinderkrankenpfleger an der Uni-Klinik Leipzig, als er merkte, dass einige seiner Kollegen mehr verdienten als er. Viel mehr. "Ich habe auf Station dasselbe gemacht wie meine Kollegin", sagt Duscheck. Aber sie habe ein Drittel mehr Gehalt bekommen.

Rund 3.800 Mitarbeiter hat die Uni-Klinik Leipzig heute, dazu kommen 3.000 Medizinstudenten und Hunderte Auszubildende. Ein gigantischer Apparat mit vielen unterschiedlichen Abteilungen, in denen man sich als Einzelner klein und unbedeutend fühlen kann. Aber: Es ist auch ein Unternehmen, in dem es Tausende potenzielle Verbündete gibt.

Als Jan Duscheck mit seinen Kollegen sprach, wurde klar, dass anderen die ungleiche Bezahlung auch aufgefallen war. Es stellte sich heraus, dass vor allem Berufseinsteiger betroffen waren, für die der alte Tarifvertrag nicht mehr galt. "Es gab große Aufregung in der Belegschaft", sagt er, "da kochten die Emotionen hoch."

Die Klinik-Angestellten taten, was dort bis dahin noch nie passiert war: Sie verbündeten sich, ließen sich beraten von Leuten, die sich mit Arbeitskämpfen auskannten, formulierten Forderungen, stellten ihre Chefs gemeinsam zur Rede und verlangten mehr Geld. Dann passierte: nichts.

Jan Duscheck ist heute 30, inzwischen hat er den Arbeitskampf zu seinem Beruf gemacht. Dafür opferte er sogar sein Studium der Gesundheitsökonomie, für das er sich zwischenzeitig eingeschrieben hatte. Duscheck ist heute zuständig für die jungen Mitglieder bei ver.di, einer Gewerkschaft, in der sich Friseure und Krankenpfleger zusammengeschlossen haben, aber auch akademische Berufsgruppen wie Wirtschaftsprüfer und Wissenschaftler.

Duscheck erzählt, dass es häufig so läuft wie damals in der Uni-Klinik. Hinzu kommen die Anfeindungen, die in den letzten Monaten zugenommen haben, im Zuge der Bahn-, Piloten- und Kitastreiks: Wer streikt, gilt schnell als egoistisch, egal, welche Ziele er verfolgt. Das muss man aushalten können. Duscheck sagt: "Es gibt immer einige, die abspringen, weil sie enttäuscht sind oder sich nicht zutrauen, lange Konflikte durchzuhalten."

Noch drastischer formulierte es Gabriel Winant, der Geschichte studiert und eine Studentengewerkschaft in den USA leitet. "Es gibt keine Chance, dass wir irgendeinen Sieg der Gerechtigkeit erzielen, ohne zuvor gewaltige Unannehmlichkeiten zu erzeugen", schrieb Winant neulich in der Zeitschrift n+1. "Und zwar in erster Linie Unannehmlichkeiten für uns selbst."

Doch zumindest manche, die durchhalten, merken irgendwann: Es lohnt sich.

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