Partner von:

Der Dozent, der mich liebte

Liebe, Dozent, Versuchung [Quelle: unsplash.com, Autor: Almos Bechtold]

Quelle: unsplash.com, Almos Bechtold

Für andere ist eine Hörsaal-Affäre Stoff für Romane – für Lars und Marie* war sie sieben Monate lang Realität: seine Sicht und ihre Sicht auf eine Beziehung über das Katheder hinweg.

Marie, April

Hochgewachsen, schlank und ganz in schwarz geht Dr. Lars Schweigert zum Dozentenpult wie der, der das Gehen erfunden hat. Alles an ihm ist bestimmt und zugleich sanft, ist beiläufig formvollendet. Ich rieche sein Rasierwasser und bereue es, gerade mit zwei Armen voller Einkäufe ins Seminar gehechtet zu sein. Dann lache ich über mich selbst, weil ich dachte, eine schwitzende Studentin würde wahrgenommen in der Lars-Schweigert-Welt, die nach Ambra riecht und Bergamotte.

Lars, April

Lars: Sommersemester. Schon wieder Sommersemester. Auf den Seminartischen die übliche Pfeifenorgel aus Wasserflaschen: Quellwasser aus artesischen Brunnen nebst Binchotan-Aktivkohlefilter. Statusdenken macht bei Juristen auch vor H2O nicht Halt. Zwischen all den Flaschen aber: eine Wassermelone – ein Alien. Und hinter der Melone: sie. Ein wunderbarer Alien.

Marie, April

23:34 Uhr: Er hat mir sofort geantwortet, obwohl ich schon in seinem Namen einen Tippfehler verbaut hatte und meine Frage zu denen gehörte, von denen Dozenten auf Nachfrage behaupten, die Sekretärin habe die Mail gelöscht. Dr. Lars Schweigert aber antwortet, fehlerfrei, ausführlich, drei Absätze, die ich in drei pochenden Herzschlägen überfliege. Dann eine einzelne letzte Zeile: "Wo in Berlin kauft man eigentlich eine so schöne Melone? Herzlich, Ihr Lars Schweigert".

Lars, April

Der letzte Satz fühlt sich an wie der erste Schluck Whiskey, wenn du eigentlich nichts trinken willst. Wenn du nicht widerstehen kannst und schon nach dem ersten Nippen weißt, dass daraus drei Gläser werden, zu viel, bis dir schwindelig ist und schlecht. Und du trotzdem weitertrinkst, oder gerade deswegen. Weil es ohnehin stärker ist als du.

Lars, Juni

"Liebe Frau Hamann, gerade habe ich erfahren, dass unsere Hilfskraftstelle nach wie vor unbesetzt ist. Wäre das ein Projekt für Sie? Es geht im Wesentlichen um die Vorbereitung einer Tagung unseres Lehrstuhls kommenden April. Schicken Sie mir gerne Ihre Unterlagen, wenn Sie Interesse haben. Herzlich, Ihr LS".

Lars, Juni

"Marie Hamann? Eine Tagung vorbereiten?" fragen Kollegen milde skeptisch bis mäßig begeistert, während ich mir mental das zweite Glas einschenke. Beschwingt, beschwipst, bester Dinge.

Marie, Juni

 "Du? Eine Tagung vorbereiten?" denkt Hannah und sagt nichts. Wir wohnen zusammen, erzählen uns alles und reden doch über vieles nicht. Wir tauschen keine Argumente aus, die sich jeder selbst denken kann. Argumente darüber, dass Dr. Lars Schweigert seine verplanteste Studentin zur Hilfskraft machen will zum Beispiel.

Hannah weiß auch, dass ich zusagen werde, und dass damit eigentlich alles geklärt ist, und dass wir trotzdem weiterschreiben werden, Dr. Lars Schweigert und ich. Um 3:57 Uhr schläft Hannah längst, wird genaugenommen bald schon wieder aufstehen, als ich die erste Mail von Lars‘ privatem E-Mail-Konto empfange.

Lars, Juni

Am Nachmittag sage ich Hannah Müllers ab, für deren 13 Punkte im ersten Staatsexamen ich die Hände ins Feuer lege. Und deren Bewerbung ich den Kollegen vorenthalten habe. Sie ist gut, sie wird andere Mentoren finden. Maries Mail habe ich mir für danach aufgehoben. "Das ist merkwürdig, dass wir jetzt Kollegen sind. Und ich dich Lars nennen darf. LG, Marie".

Marie, Juni

Es hat 33 Grad, die Stadt stinkt. Ich fahre raus, eine Stunde lang, lege mich ins Gras und lese seine Antwort, während neunzehn Kommilitonen brav in ihre atmungsaktiven Hemden und Blusen schwitzen. "Für Hilfskräfte immer noch Dr. Lars. Und Dr. Lars – ich weiß nicht, ob Du das wusstest – ist Hilfskräften gegenüber weisungsbefugt. Insofern bitte ich Dich, mir endlich wie versprochen einmal den Obststand am Karl-August-Platz zu zeigen." 

Lars, Juli

Wir kaufen eine Melone und Haselnüsse, und ich behaupte, dass ich sie mit bloßen Händen knacken kann. Ich scheitere und Marie lacht nicht, sie lacht sich kaputt. Uneitel vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr Grinsen ein wenig zu breit, ihre Haare ein wenig zu ungekämmt, ihre Beine ein wenig zu schlaksig. Ich will sie an Ort und Stelle küssen, aber ich spüre tausend Blicke auf uns und bin feige.   

Marie, August

Er hat einen furchtbaren Musikgeschmack. Und für sein Alter schon eine ganz schön hohe Stirn, bemerke ich, als er vom Fahrradhelm zerzaust neben mir im Gras liegt.

Er küsst mich zum ersten Mal draußen auf meiner Wiese vor der Stadt. Dann drei Tage später abends im dunklen Büro wieder. Ich verstehe, dass er mich versteckt. Und verstecke vor mir selbst, dass ich heimlich erleichtert darüber bin.

Lars, August

Ich stehe vorne im Seminarraum, Marie sitzt hinten oder ist nicht da. An meinem Klingelschild steht "Dr. L. Schweigert", an ihrem immer noch der Name der Vormieterin. Ihre Post ist Glückssache, und ihr Leben auch: eine Mischung aus vielen guten Vorsätzen und noch mehr Ideen, was stattdessen wirklich Spaß macht. Marie lebt nach keinem Prinzip, und das nicht einmal aus Prinzip. Mein Leben hingegen ist ein einziger Leitsatz, dessen Einzelwörter sie, da bin ich mir sicher, nicht einmal als Vokabel kapiert. Ob ich sie trotzdem liebe oder deswegen, ist mir egal. Dass ich das Verb "lieben" sonst nicht benutze, auch.

"Ich will jetzt mit dir schlafen"

Marie, August

"Ich will jetzt mit dir schlafen." Lars sagt es einfach. Kein Raunen, kein Flüstern. Ich höre keine Unsicherheit, aber ein Flehen, keine Zweifel, auch keine Kontrolle mehr, nur noch Lust, und Angst vor alledem. Zwei Stunden später habe ich mit meinem Dozenten geschlafen. Die Sonne geht auf, und ich weiß nicht mehr, wohin mit uns. Wenn er beim Sprechen seinen Kopf zu mir dreht, bringt sein schlechter Atem mich in Verlegenheit.

Lars, August

"Jetzt habe ich mit meinem Dozenten geschlafen", stellt sie danach fest, und ich begreife lange nicht, was an diesem Satz falsch ist. Morgens im Büro muss ich dem Kollegen Wagner erklären, wo Frau Müllers Bewerbung hingekommen ist. Ich stelle mich unwissend, bringe die Sekretärin ins Spiel und weiß, dass ich mit der Ausrede kein zweites Mal durchkommen werde.

Marie, Dezember

Wir lassen es langsam angehen, sehen uns nur alle paar Tage, manchmal zwei Wochen gar nicht. Erst, als wir uns mit Glühwein am Karl-August-Platz die Hände wärmen, sagt Lars, dass er mich liebt. Ich sage nichts.

Jetzt sitze ich in seinem Bad auf den Boden und merke, dass die weißen Kacheln voller Haare sind, die Fensternische verschimmelt, und dass es hier nach Schweiß riecht wegen seiner Jogging-Sachen im Wäschekorb. Keine Spur von Ambra und Bergamotte, von der beiläufigen Eleganz des Dr. L. Schweigert. Stattdessen nur Lars. Ich will weg.

Lars, Februar

Sie weicht mir aus, wie ich ihr damals ausgewichen bin, als ich noch nicht wollte, dass man uns zusammen sieht. Als sie mich zum ersten Mal anlügt, weiß ich, dass ich an dem Punkt bin, den ich von Anfang an gefürchtet habe. Ich denke an Wagner, an die enttäuschten Blicke der Kollegen. An alte Männer und junge Frauen in Klatschzeitschriften, setze mich an den Schreibtisch und bewerte ihre Arbeit mit einer Vier.

Marie, Februar

Zwei Stunden streiten wir uns, brüllen uns an, ob mich die Vier ärgert oder der Umstand, dass er sie mir gegeben hat. Dann glaubt er mir endlich, dass es mir wirklich nicht um ihn geht. Und er begreift, was das für uns heißt.

Lars, Februar

Ich will vor Marie nicht die Fassung verlieren, nicht den letzten Rest Beherrschung. Später am Tag erwischt mich Wagner, wie ich mit dem Kopf nach vorne auf seinem Schreibtisch liege und Rotz und Wasser heule.

Marie, April

Auf der Konferenz sehen wir uns wieder. Wir stehen in den letzten, schäbigen Schneeresten und ich merke, wie Studentinnen ihm hinterherschauen, dem ganz in schwarz Gekleideten, Anzugtragenden, beiläufig Makellosen.

Wir könnten darüber reden, denke ich, während ich mir eine anstecke, wie weh es tut, wenn sich so viele für dich interessieren und doch niemand so wirklich für dich. Oder wie es ist, sich in jemanden zu verknallen, den es nicht gibt. Oder wir könnten über Illusionen sprechen, über Erwartungen und Enttäuschungen in Beziehungen. Es wären Gedanken über die Liebe schlechthin, denke ich, während ich den Stummel austrete, die sich schon seit Jahrtausenden Menschen machen, Studenten und Dozenten und alle anderen auch, ohne dass sich deshalb irgendjemand von irgendeiner Dummheit hätte abhalten lassen.

* Namen von der Redaktion verfremdet

nach oben
Kommentare (7)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Warum musste das an der Spitze des Newsletters stehen?

  2. Anonym

    Kann ich mich nur anschließen!!!

  3. Anonym

    Kleiner Nachtrag: sowas hat in Zeit Campus absolut nichts verloren. Der einzig angemessene Ort für diese Geschichte ist ein Workshop für Uni-Dozierende über Machtmissbrauch mit sorgfältiger Einleitung und anschließender präziser Reflexion.

  4. Anonym

    Wow, was für ein misogyner Mist! Wie kann eine Plattform, die so viele junge Menschen erreicht, so einen Artikel veröffentlichen? Ich bin schockiert. In der Beschreibung der Studentin werden zahlreiche frauenverachtende Stereotype reproduziert. Die katastrophale Macht-Hierarchie zwischen den beiden wird überhaupt nicht kritisch angesprochen, sondern romantisiert und verherrlicht. Dass die beiden am Ende kein Paar bleiben, ändert nichts, denn eine Aufarbeitung erfolgt nicht im Geringsten. Und natürlich hat "die Sekretärin die E-Mail" gelöscht. Mehr Frauenhass und toxische Beziehung geht nicht. Dass e-fellows diese Geschichte benutzt, um Klicks zu generieren, ist absolut empörend und verantwortungslos.

  5. Anonym

    Was für ein naiver Quatsch.. publiziert sowas doch in der ZEIT Campus oder - mit ein paar mehr Details - im Vice Magazin.

  6. Anonym

    Lost

  7. Anonym

    Einfach nur ekelhaft

Das könnte dich auch interessieren