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Doktoranden in der Defensive

Doktor Promotion Abschluss Studium (Quelle: Jonathan Daniels, unsplash.com)

Quelle: Jonathan Daniels, unsplash.com

Graduiertenschulen sind ein alternativer Weg zur Promotion. Doch nun könnte vielen von ihnen das Geld ausgehen.

Es war ein Segen für die deutsche Hochschullandschaft, als die Bundesregierung im Jahr 2005 eine ambitionierte Vision verkündete: Deutschland sollte in der Forschung eine Spitzenrolle einnehmen. Dazu förderte sie mit Hilfe der sogenannten Exzellenzinitiative besonders gute Universitäten mit etwa 500 Millionen Euro im Jahr. Und so haben sich im Zuge dessen auch die ersten Graduiertenschulen gegründet – rückblickend eine Erfolgsgeschichte der Exzellenzinitiative. Denn sie hat ein völlig neues Konzept für die Förderung von Doktoranden entworfen: Promovierende werden nicht mehr nur von einem Doktorvater oder einer Doktormutter begleitet, sondern gleich von ganzen Studiengruppen aus demselben Fachgebiet. Seither sind 45 Graduiertenschulen in Deutschland entstanden. Die Universitäten können ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs auf diese Weise deutlich besser fördern, sagen Befürworter des Konzepts. Jedes Jahr hat jede dieser Graduiertenschulen etwa eine Million Euro für ihre Lehre erhalten. Aber dieses Erfolgsmodell steht vor einer ungewissen Zukunft.

Denn von Oktober 2019 an wird die Bundesregierung den Instituten kein Geld mehr zur Verfügung stellen. Den Stopp der Gelder hatte eine Expertenkommission im Januar 2016 empfohlen, die von den Wissenschafts- und Finanzministern von Bund und Ländern beauftragt worden war. Sie argumentiert: Graduiertenschulen gehören mittlerweile an den meisten deutschen Universitäten zum Standard und brauchten deshalb keine gesonderte Förderung mehr. Inzwischen ist die Bundesregierung dieser Empfehlung gefolgt: Im Oktober 2019 läuft die Förderung aus. Und von Januar bis Oktober 2019 bekommen die Graduiertenschulen nur noch 30 Prozent des bisherigen Geldes. Danach sollen die Doktoranden-Schmieden auf eigenen Füßen stehen.

Den Schulen bleibt also noch ein Jahr, bis die Förderung ausläuft. Viele von ihnen wird das vor Probleme stellen. Sie befürchten, dass sie dann deutlich weniger Doktoranden als bisher betreuen können. Die meisten werden gezwungen sein, ihr umfangreiches Forschungsprogramm zu kürzen – dazu zählen Auslandsreisen, Seminare und Forschungsstellen für ausländische Wissenschaftler. Fragt man bei den Graduiertenschulen nach, muss jede Schulleitung woanders Abstriche machen. Gewiss ist nur, dass sie nicht mehr im selben Umfang wie bisher arbeiten können. An der Graduiertenschule der Technischen Universität Dresden zum Beispiel wird die ausbleibende Förderung vor allem in der personellen Ausstattung spürbar werden. "Wir können künftig weniger Stellen in der Verwaltung anbieten, obwohl der Aufwand derselbe bleiben wird", sagt die Programmkoordinatorin Arantxa Sánchez Fernández. "Auch eine Reihe von Qualifizierungs- und Unterstützungsmaßnahmen für unsere Promovierenden wie zum Beispiel die Co-Finanzierung von internationalen Kongressbesuchen werden sich erheblich reduzieren."

Attraktiv für Gastwissenschaftler aus dem Ausland

Ähnlich wird die Situation für die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropawissenschaften in München aussehen, sagt Martin Schulze Wessel, Geschichtsprofessor und Leiter der Schule – einer gemeinsamen Einrichtung der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Regensburg. Auch hier wird die Verwaltung schrumpfen. "Außerdem können wir, wenn die Förderung ausläuft, deutlich weniger Doktoranden einen Platz anbieten", sagt er. Gleiches gilt für die Öffentlichkeitsarbeit: Hier wird Schulze Wessel voraussichtlich gar keine Stelle mehr zur Verfügung stellen können. "Das ist sehr schade, denn unser Ziel ist es eben nicht nur, die Forschung der Promovierenden zu verbessern, sondern auch über die Universität hinaus zu wirken", sagt der Historiker.

Und bisher hat dieses Konzept auch Früchte getragen: Die Graduiertenschulen ziehen zum Beispiel viele Fellows aus dem Ausland an. Im Jahr 2013 stellten die Gastwissenschaftler 37 Prozent der Promovierenden an Graduiertenschulen. Deutsche Doktoranden können auf diese Weise Kontakte zu Wissenschaftlern aus aller Welt knüpfen. Darüber hinaus veranstalten Graduiertenschulen immer wieder Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden für die breite Öffentlichkeit. Das werde fehlen oder deutlich weniger werden, sagt Schulze Wessel. "Zu meinen, dass man das vielfältige Programm der Graduiertenschulen nun ohne einen Verlust fortführen kann, ist ein Irrglaube." Dabei fördert die Exzellenzinitiative auch im nächsten Jahr Universitäten und Fakultäten mit insgesamt mehr als 500 Millionen Euro. Die Graduiertenschulen bekommen aber künftig keinen direkten Teil mehr davon. Sie müssen sich aus allgemeinen Fördertöpfen bedienen.

Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), findet: Die geförderten Graduiertenschulen konnten in den vergangenen Jahren eine strukturierte Graduiertenausbildung an den Hochschulen etablieren. "Die Angebote der Graduiertenschulen gehören inzwischen zum Standard und müssen im Rahmen der Exzellenzstrategie nicht mehr als eigene Förderlinie fortgeführt werden", sagt er. Außerdem könnten die Graduiertenschulen auch auf anderem Wege fortgeführt werden – zum einen durch die jeweiligen Länder und Hochschulen und deren Exzellenzcluster, zum anderen durch die Programme der DFG, allen voran die Graduiertenkollegs.

Zwar werden einige Graduiertenschulen vom jeweiligen Bundesland mit 25 Prozent weiterfinanziert und könnten Gelder der Universität beantragen. Das sei aber keine gleichwertige Alternative, sagt Schulze Wessel. Er hätte sich mehr Zeit für die Graduiertenschulen gewünscht, um sie an der Universität zu etablieren. Das gelte vor allem für Schulen, die erstmals im Jahr 2012 Fördergelder bekommen haben und sich eigentlich immer noch in der Aufbauphase befänden. "Ich hätte es richtig gefunden, wenn die DFG die bestehenden Graduiertenschulen evaluiert hätte, um nur die besten weiterhin im gleichen Umfang zu fördern", sagt er. "Das hätte nicht auf ewig sein müssen, aber zumindest so lange, dass man auch auf internationaler Ebene den Austausch mit anderen Wissenschaftlern hätte festigen können." Nun können die Graduiertenschulen nichts mehr daran ändern: In einem Jahr werden sie sich im Rahmen der Exzellenzcluster über die Uni fördern lassen müssen – oder auf eigenen Füßen stehen.

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