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Der Weltmarkt und ein Firmengeflecht

6. Der Weltmarkt

In der ersten Zeit nach der Gründung seiner Ghostwriter-Agentur gab es Nächte, da konnte er nicht ruhig schlafen, sagt Marcel Kopper. Nicht weil ihn Gewissensbisse plagten, sondern wegen seiner Ansprüche an die Qualität seiner Dienstleistung. "Wir haben sehr, sehr viel Stress gehabt", erzählt er, als wir zusammen im Schnitzelrestaurant in Wien sitzen. "Wir", das sind Marcel Kopper und Robert Grünwald. Während Kopper sich mit mir trifft und freimütig erzählt, kenne ich Grünwald nur aus seinem Werbevideo auf YouTube und von seinem Pressefoto: Es zeigt den heute 24-Jährigen mit Krawatte, weißem Einstecktuch und einer strengen Brille. Grünwald will nicht zitiert werden, sagt er mir am Telefon. Auch Marcel Kopper redet nicht öffentlich über seinen Kollegen. Dieser Report wäre aber nicht vollständig ohne ihn – und Koppers Geschichte ist ohne Grünwald kaum zu verstehen.

Alles begann vor einigen Jahren, als Kopper und Grünwald studierten und ein gemeinsames Projekt ausheckten: das "Turbostudium". Den Bachelor und Master im dualen Studium absolvierte Grünwald in vier statt elf Semestern, parallel zur Bankausbildung. Kopper brauchte etwas länger, sagt er, blieb aber immer noch deutlich unter der Regelstudienzeit. Viele Medien berichteten damals, auch ZEIT CAMPUS. Anschließend wurden Kopper und Grünwald von ihrer Privathochschule verklagt, die darauf bestand, die vollen Studiengebühren zu berechnen. Die Hochschule bekam recht. Im Schnellstudium habe er gelernt, Unternehmer zu sein, auch gegen Widerstände, sagt Kopper. "Ziel vor Augen, Ziel erreicht, und das Schlag auf Schlag", so beschreibt er diese Zeit heute.

Noch etwas lernte Kopper: wie man schnell Hausarbeiten schreibt, auch für andere. Während des "Turbostudiums" habe er erste Jobs als Ghostwriter in der Agentur von Roland Franke übernommen, sagt er. Später nutzte Marcel Kopper seine Bekanntheit, um seine eigene Ghostwriting-Agentur zu vermarkten.

Bevor er hauptberuflicher Ghostwriter wurde, fing Marcel Kopper als Account Manager bei einem großen Personaldienstleister an. Das Einstiegsgehalt auf diesem Posten laut Firmensprecher: etwa 46.000 Euro. Das Geld sei "okay" gewesen, sagt Kopper, doch die Aufstiegschancen passten ihm nicht.

Er schmiss hin und wechselte in das Management der Discounter-Kette Lidl. "Megagehalt, Firmenwagen", sagt Kopper – und das Tempo passte zum Lebensgefühl. In der Einarbeitung habe er Regale einräumen müssen, am Ende Personalverantwortung für 100 bis 120 Mitarbeiter in vier Filialen übernehmen sollen. "Peu à peu arbeiten Sie sich hoch, und das in kürzester Zeit", sagt Marcel Kopper. "Das hat mir gefallen."

Dann kam sein 21. Geburtstag – und Kopper schmiss wieder hin, sagt er. Nach knapp einem Jahr bei Lidl gründete er zusammen mit Robert Grünwald und einem dritten Investor, einem erfahrenen Onlineunternehmer, die Firma Academic Services, mit Geschäftssitz an der schicken Königsallee in Düsseldorf. Jeder von ihnen gab 8.400 Euro zum Stammkapital, so steht es in der Gesellschafterliste, gezeichnet am 5. Juni 2012. Gemeinsam wollten sie die erste deutsche Ghostwriting-Agentur aufbauen, die das Zeug hat, auf dem Weltmarkt zu bestehen. Sie hätten daran geglaubt, sagt Marcel Kopper, "dass das was Großes werden kann". Auf ihrer Internetseite nennen sie sich: die GWriters.

7. Ein Firmengeflecht

Zuerst versuchen es die GWriters in Budapest. Es gibt dort niedrigere Steuern als im EU-Schnitt, das Lohnniveau ist geringer, und Deutsch ist als Fremdsprache relativ verbreitet. Gute Voraussetzungen, so schien es.

Außerdem wollte Mitgründer Robert Grünwald einen Doktortitel. Auch das sprach für Budapest: Es gibt dort die deutschsprachige Andrássy-Universität. Am 13. Dezember 2012 schickte Grünwald eine E-Mail an einen Wirtschaftsprofessor und bewarb sich um einen Platz im PhD-Programm der Uni. Seiner E-Mail hängte Grünwald einen Artikel aus dem Wirtschaftsmagazin brand eins über die "Turbostudenten" an. So erzählt es mir später der Professor. Grünwald möchte sich dazu nicht öffentlich äußern.

"Er machte einen geschmeidigen Eindruck", sagt der Professor. Daran, dass sein neuer Schützling mit Hausarbeiten handeln könnte, habe er nicht gedacht. Gelegentlich habe es an seiner Uni Plagiate gegeben, die durch Stilbrüche oder schlechte Übersetzungen aus einer Fremdsprache aufgefallen seien, sagt er. Aber Ghostwriting? Nein, niemals. Robert Grünwald wurde in das PhD-Programm der Andrássy-Universität aufgenommen. Zusätzlich bewarb er sich auf ein Promotionsstipendium. Mit Erfolg, sagt sein Professor.

Kurz vor dem Jahreswechsel 2012/13 wird das zweite Unternehmen gegründet, das sich mit den GWriters in Verbindung bringen lässt: die Knowlance AG in der Stadt Zug in der Schweiz. Im Handelsregister steht ein Aktienkapital von 100.200 Franken, etwa 94.000 Euro. Wer auf gwriters.de ein Angebot anfordert, bekommt es nun von der Knowlance AG, ohne weitere Erklärung. Das Firmengeflecht der GWriters beginnt unübersichtlich zu werden: Kopper, Grünwald und der dritte Investor der Ursprungsfirma tauchen im Handelsregister nicht auf. Der einzige dort genannte Name ist ein Mitarbeiter der Treuhand Suisse AG. In den E-Mail-Signaturen der GWriters-Mitarbeiter steht noch ein halbes Jahr nach der Gründung in der Schweiz die Anschrift in der Düsseldorfer Königsallee. Das operative Geschäft versuchen die GWriters derweil in Budapest anzusiedeln, zumindest suchen sie online nach einem "Customer Service Mitarbeiter (deutschsprachig)" für einen "Arbeitsplatz in Budapest".

In die Schweiz zu gehen "hat erst mal natürlich steuerliche Hintergründe", sagt Marcel Kopper. "Zu dem Zeitpunkt, als wir in die Schweiz gegangen sind, war für uns eigentlich so der Gedanke: Wir wollen das groß machen, noch größer."

Die Internetseite der GWriters gibt es jetzt mit eigenen Domains auch auf Polnisch und Englisch. Schon Wochen vorher hatte Robert Grünwald im Karrierenetzwerk Xing die Nachricht verschickt, dass er "für ein Expansionsprojekt in Polen einen fähigen Muttersprachler" suche, der "sich außerdem auch im Bereich Wirtschaftswissenschaften auskennt". Doch die Wachstumseuphorie der GWriters bekommt schon bald einen Dämpfer.

8. Der Weltmarkt will nicht

"GWriters? Nie gehört." Vor mir sitzt der Chef von Oxbridge Essays, einer englischen Ghostwriter-Agentur. Wir befinden uns in einem Büro in Laufnähe der British Library in London. Draußen ist am Gebäude kein Name zu sehen, die Fenster sind blickdicht abgeklebt. Drinnen sitzen auf zwei Stockwerken ein Dutzend Mitarbeiter, beantworten Fragen und vermitteln Autoren.

Die englischsprachigen Ghostwriter betreiben einen noch größeren Aufwand, um Kunden zu fangen, als ihre deutschen Konkurrenten. Oxbridge Essays wirbt damit, ausschließlich Absolventen der besten britischen Colleges zu beschäftigen. Und in Amerika gibt es Websites, bei denen öffnet sich automatisch ein Chatfenster für den persönlichen Austausch mit einem Kundenberater der Agentur.

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