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Marktforschung und PR-Offensive

4. Marktforschung

Einige Monate nach meinem Besuch bei Harald Bahner fahre ich nach Frankfurt, in ein Hotel im Bahnhofsviertel: Nachkriegsbau, zwei Sterne, Zimmer mit Duschkabine ab 59 Euro pro Nacht. Im Raum Neckar im Erdgeschoss sind die Vorhänge zugezogen. Draußen rauscht der Verkehr vorbei, drinnen sitzen zwölf Männer und Frauen an Konferenztischen und plaudern. "Du schreibst jetzt vor allem Philosophie?", fragt einer seinen Sitznachbarn. "Philosophie", antwortet der, "auch Naturwissenschaften, Chemie, Geschichte." Man könnte glauben, man sei in eine Tagung der Universalgelehrten hineingeraten. Tatsächlich treffen sich heute die Mitarbeiter von Acad Write zur Marktforschung.

Acad Write ist einer der großen Anbieter für akademisches Ghostwriting im deutschsprachigen Raum. Vielleicht sogar der größte. Die Leute von Acad Write würden das selbst nicht behaupten. Es wurde ihnen verboten, nach einer Klage von Harald Bahner. Was sie jedoch behaupten, ist, dass ihre Autoren nur in Fächern schreiben, die sie selber studiert haben – ein Widerspruch, so scheint es mir, zu dem Dialog der Sitznachbarn, den ich im Raum Neckar aufgeschnappt habe.

Drei Studenten betreten den Raum und setzen sich. Ganz rechts ein schlaksiger Mittzwanziger, dessen blondes Haar schon schütter wird. Studium: Englisch und Geschichte auf Gymnasiallehramt. Links daneben: eine gleichaltrige Juristin mit Perlenohrringen und Nerdbrille. Ganz außen: eine Frau in sackigen Kleidern, die vom Alter her die Mutter der beiden sein könnte. Sie studiert Kunstgeschichte.

Alle drei sind an Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet immatrikuliert. Ihre Namen müssen geheim bleiben, das ist die Bedingung des Gastgebers. "Diskretion ist unser Geschäft", sagt Herbert Jost-Hof. Er trägt ein senffarbenes Hemd, eine farblich darauf abgestimmte Krawatte und beginnt, die Studenten auszufragen. Ist an den Unis genug Forschungsliteratur vorrätig? Wie sieht die Betreuung aus? Fühlen sie sich alleingelassen? Es ist ein Gespräch über die Studienbedingungen an Massenuniversitäten. Oder: Marktforschung in einer Wachstumsbranche.

"Ich habe jetzt mal eine interessante Frage", platzt Thomas Nemet, der Agenturchef, dazwischen. "Wie nehmen Sie Ghostwriter wahr?" Erst antwortet keiner, dann der Lehramtsstudent. "Weiß nicht, ob ich das wahrnehmen würde", sagt er. "Wegen meines Anspruchs." Er knetet seine Hände. "Was ist, wenn Ihnen Begleitung angeboten wird, die es an der Uni nicht gibt?", fragt einer der Ghostwriter. Die Jura-Studentin nickt und sagt: "Im Grunde wie ein Repetitorium, oder?"

Das wollten die Leute im Raum Neckar hören: eine Zukunft, in der Ghostwriting so normal ist wie heute schon juristische Repetitorien.

5. Die PR-Offensive

Thomas Nemet liebt seine Konkurrenten. "Je mehr Leute an dem Markt teilnehmen", sagt er und klopft dabei auf die Tischplatte, als wolle er jedes Wort unterstreichen, "desto größer ist der Werbeeffekt." Nemet ist ein 44-Jähriger mit sanften Gesichtszügen. Er wirkt jungenhaft, trotz seines dunklen Anzugs. Harald Bahner, der Internetpionier aus Berlin, wirkte während des Interviews angespannt und wollte auf keinen Fall fotografiert werden. Thomas Nemet hingegen gibt sich locker und offen. Er scherzt, spielt Mitarbeiterdialoge nach und erzählt mir von seinem letzten schlimmen Liebeskummer. Nemet ist ein PR-Profi und sucht das Rampenlicht. Er gibt gerne Interviews, es sind sogar Homestorys über ihn erschienen. Thomas Nemet arbeitet hart daran, das akademische Ghostwriting als eine ganz normale Dienstleistung darzustellen. Gelänge ihm das, könnte das Geschäft mit den Hausarbeiten noch weiter wachsen.

Das Erste, was Thomas Nemet klarstellt, ist, wie wichtig ihm kollegiale Beziehungen sind – trotz der Streitereien mit Harald Bahner. Die GWriters und Roland Franke, ein Ghostwriter aus Ostwestfalen, kenne er persönlich, sagt Thomas Nemet. Er spricht ausschließlich positiv über sie.

Sein Handwerk hat Thomas Nemet als Autor bei Hausarbeiten24.com gelernt, einer Ghostwriter-Agentur in Münster. Er sei ein sehr guter Autor gewesen, sagt sein damaliger Chef Dirk Bocklage heute. Aber das reichte Thomas Nemet nicht. Er gründete Acad Write, seine eigene Agentur. Das war 2004, sagt Nemet.

Seine Mutter sei anfangs skeptisch gewesen, aber jetzt gebe es Acad Write seit zehn Jahren, in dieser Zeit habe die Agentur 8.608 Aufträge bearbeitet. Insgesamt seien auf diese Weise 232,416 Seiten mit 418.348.800 Zeichen zusammengekommen. Nemet sagt, dass er sechs Mitarbeiter habe, allein für das administrative Geschäft, Controlling, Vertrieb, plus Hunderte freier Autoren. Der prognostizierte Jahresumsatz: zwei Millionen Euro.

Thomas Nemet ist ein Geschäftsmann, komplett mit Rolex am Handgelenk. Inzwischen habe er sogar einen Doktortitel, erzählt er. "Meine Kollegen sagten: 'Du musst jetzt mal promovieren.' – 'Wieso muss ich jetzt promovieren?' – 'Na, es verkauft sich besser.'" Ein Bekannter habe ihm eine Hochschule in Costa Rica empfohlen mit den Worten: "Das ist relativ einfach zu bewältigen, das Verfahren, dort werden dir nicht so viele Steine in den Weg gelegt."

In Costa Rica brauchte er keinen Doktorvater, sagt Thomas Nemet, und musste nur ein- oder zweimal persönlich vor Ort sein. In Deutschland ist die Anerkennung ausländischer Grade kompliziert, zumal solcher, die unter dem Verdacht stehen, nicht den hiesigen Ansprüchen zu genügen. Kein Problem für Thomas Nemet: Er wohne inzwischen in der Schweiz, da gilt das deutsche Gesetz nicht. "In der Schweiz gibt es ja nicht diesen ganzen Titelwahnsinn", sagt Nemet, "da haben Sie nicht das Problem mit der Anerkennung irgendwelcher ausländischer Grade."

Bevor ich aus Frankfurt abreise, drückt mir ein Mitarbeiter von Acad Write ein Buch in die Hand, das sein Chef Nemet gerade herausgegeben habe. Hellblauer Einband, konservatives Layout, ein Doktortitel in der Autorenzeile – es sieht so bieder aus wie ein seriöses Handbuch. Zur Praxis der Textredaktion heißt es. Und im Untertitel: Wissen, Rat und Tipps von Ghostwritern. Erste Bibliotheken haben es bereits in ihren Bestand aufgenommen.

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