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Studenten in Uniform zu Pferd

18. Jahrhundert: Auszugsparty

Stell dir vor, deine Kommilitonen packen ihre sieben Sachen und verlassen aus Protest die Stadt. Sie schlagen ein Lager auf den Feldern auf. Bald schon marschieren sie in Kompanien mit klangvollen Namen wie "Minerva" oder "Mars" umher. Sie tragen prächtige Uniformen und führen – sofern sie einen besitzen – ihren reitbaren Untersatz mit sich. Viele Studenten stammen aus dem Adel. Es herrscht ausgelassene Stimmung, Musik erklingt, am Lagerfeuer geht der Bierhumpen von Hand zu Hand. So geschehen 1790 in Göttingen.

Dem Spektakel auf dem Feld war eine Schlägerei in den Straßen der Stadt vorausgegangen: Ein Student hatte sich durch einige Handwerker offenbar in seiner Ehre verletzt gefühlt – damals eine sehr ernste Angelegenheit. Daraufhin zogen alle Göttinger Studenten los und forderten Satisfaktion: Gebäude wurden beschmiert, Fensterscheiben und Zähne gingen zu Bruch – bis die Studenten schließlich die Reißleine zogen. Fast die ganze Studentenschaft verließ die Stadt und drohte, niemals zurückzukehren.

Den Bürgern brach damit eine wichtige Einkommensquelle weg. Schon damals war eine Alma Mater wichtig für die Wirtschaft einer Stadt: Von Wohnungsnot, vollen Hörsälen und Gasthäusern profitierten vor allem die Bürger. "Ich hab vier Schweine und drei Studenten – mir geht es ganz gut", zitiert der Dichter Ernst Honig einen Göttinger Hausbesitzer. Entsprechend viel Macht besaßen die Studenten, und nicht selten zogen sie geschlossen aus, um ihre Ziele durchzusetzen.

Der Göttinger Auszug endete übrigens erfolgreich für die Studenten, die Stadt machte allein die Handwerker für die Vorfälle verantwortlich. Drei Tage später kehrten sie jubelnd zu Pferde und unter großem Tamtam wieder in die Stadt zurück.

20. Jahrhundert: "Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren"

Auszugspartys sehen heute anders aus, deine Kommilitonen sind normalerweise nicht mehr beritten und dein BAföG bekommst du auch nicht mehr von der Kirche. Was die deutsche Hochschullandschaft aber wirklich dauerhaft durcheinandergewirbelt hat, waren diejenigen deiner Kommilitonen, die vor rund 50 Jahren den Aufstand probten.

Es war eine andere Zeit. Ein bisschen verklemmt, ein bisschen verkrustet. Das Wirtschaftswunder ebbte ab, über die Zeit vor 1945 sprach niemand gern. Auch an den Unis: Viele Professoren verschwiegen nach dem Krieg ihre NS-Vergangenheit. Konsequenzen? Fehlanzeige. Das empfanden viele Studenten damals als unaufrichtig, als Verdrängung. So auch die Hamburger Jurastudenten Detlev Albers und Gert Behlmer im Jahr 1967.

Als ihre Professoren bei der feierlichen Rektoratsübergabe in ihren traditionsreichen Roben die Stufen des Hörsaals herabstiegen, breiteten die beiden Studenten ein schwarzes Transparent vor ihnen aus. "Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren", war darauf zu lesen. Der Spruch spielte auf das tausendjährige Reich an, das die Nationalsozialisten hatten errichten wollen. Die nichtsahnenden Honoratioren konnten den Text jedoch nicht lesen, da die Jurastudenten vor ihnen die Treppen hinuntergingen. Die Aktion war "frech, gewaltlos, nicht ohne persönliches Risiko und im besten Sinne antiautoritär", erinnerte sich Behmler später.

Auch in anderen deutschen Städten gingen Studenten auf die Straßen, besetzten Hörsäle, veranstalteten Sit-ins und organisierten sich in politischen Gruppen. Sie protestierten (nicht immer friedlich) gegen den "Muff von 1000 Jahren" an den Universitäten, aber auch gegen Alt-Nazis in der Regierung und den Vietnamkrieg.

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