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"Dass du dich übergibst, gehört zu dieser Kultur dazu"

© Dino Osmanovic – mindjazz pictures

© Dino Osmanovic – mindjazz pictures

Alkoholexzesse, militärischer Drill, Duelle mit scharfer Waffe: Der Kinofilm "GERMANIA" taucht ein in die Welt der schlagenden Studentenverbindung Corps Germania. Im Interview erzählt der Filmemacher Lion Bischof von den bizarr anmutenden Riten und nationalistische Tendenzen in deutschen Verbindungen.  

Ein Dokumentarfilm über eine schlagende Studentenverbindung – wie bist du auf die Idee gekommen?

2015 waren die bestimmenden Themen für mich Nationalismus und Konservatismus. In diesem Jahr hat die AfD einen Höhepunkt in der öffentlichen Aufmerksamkeit erreicht, die Flüchtlingskrise war auf ihrem Zenit, und Bewegungen wie Pegida sind entstanden. Ich wollte mich mit diesen Entwicklungen in einem Mikrokosmos wie einer Studentenverbindung auseinandersetzen. Dass sich junge Leute nach alten Strukturen sehnen, hat mich fasziniert – gerade, weil mir das völlig fremd ist.

"Im Corps kannst du sagen, was du willst – nach außen hin schweigst du", so ein Grundsatz von Corps Germania. Wie hast du es als Außenstehender geschafft, trotzdem in diese verschlossene Welt einzutauchen?

Ich habe lange versucht, zu einer Verbindung Kontakt aufzunehmen, und bin auf Granit gestoßen. Die Angst der Corpsmitglieder war groß, dass sie in eine bestimmte Richtung repräsentiert werden, die ihnen nicht gefällt.

Ich habe dann einen langen Text geschrieben, in dem ich mein Anliegen ausführlich und ehrlich erklärt habe. Das Anschreiben habe ich an etwa 30 Verbindungen geschickt. Drei Antworten habe ich bekommen: zwei Absagen und eine Zusage von Corps Germania.

Vor dem Dreh habe ich ein halbes Jahr gebraucht, um bei Corps Germania Vertrauen aufzubauen. Ich habe viel Zeit im Verbindungshaus verbracht und mit einzelnen Mitgliedern gesprochen. Manche haben anfangs nicht verstanden, was ein Außenstehender wie ich bei ihnen verloren hat. Gegenüber Außenseitern wird schnell die Rechtfertigungsmaschine angeworfen: "Wir sind unpolitisch", heißt es dann. Oder: "Bei uns gilt das Toleranzprinzip." Wenn man länger in der Verbindung ist, merkt man, dass das Dinge sind, die Mitglieder gerne nach außen tragen. Ob sie stimmen, steht auf einem anderen Blatt.

Im Film begleitest du "Füchse", Anwärter, die die Probezeit im Corps durchlaufen. Welche Persönlichkeiten treten denn in eine Verbindung ein?

Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Manche Mitglieder passen nicht ins Klischee. Im Corps Germania gibt es zum Beispiel einen, der Modemanagement studiert. Andere studieren eher klassische Fächer: Physik, Politikwissenschaften oder Jura.

Für den Beitritt gibt es viele unterschiedliche Gründe: In München zahlst du horrende Mietpreise und das Corpshaus bietet günstige Wohnmöglichkeiten. Für viele ist das Karrierenetzwerk interessant. Alle Mitglieder eint jedoch die Sehnsucht nach Anschluss und Gemeinschaft. Mein Eindruck war, dass die meisten von ihnen in ihrer Jugend Außenseiter waren.

Um dazuzugehören, nehmen Anwärter im Film viel in Kauf: harten Drill und strenge Kleiderregeln, die ihnen etwa vorschreiben, welche Utensilien sie jederzeit bei sich zu tragen haben, um anderen Mitgliedern zur Hand zu gehen.

Mit der Einsamkeit, die ich bei vielen Mitgliedern beobachtet habe, geht auch eine gewisse Unsicherheit einher. Diese Unsicherheit können sie schnell ablegen, wenn sie klare Regeln befolgen. Wenn sie in einer Struktur aufgehen, die auf Strafe, Hierarchie und Gehorsam beruht. Die Verbindung gibt ihnen eine klare Ordnung. Auf jede Frage, die sie stellen, bekommen sie eine eindeutige Antwort. Das gibt Sicherheit. Dafür lassen sie gerne die ein oder andere Strapaze über sich ergehen, die vielleicht übers Ziel hinausschießt. Alle Füchse, die ich beim Dreh begleitet habe, sind im Corps geblieben.

Hast du beim Dreh Momente erlebt, in denen es dir schwergefallen ist, neutral zu bleiben?

Ja, eine Situation, die aus einem Scherz entstanden ist. An einem Abend waren alle schon angetrunken: Ein Fuchs musste auf das Handy eines Burschen, eines ranghöheren Mitglieds, aufpassen. Der Fuchs hat dessen Mutter die Nachricht "Mama, ich bin schon so betrunken" geschickt. Der Verbindungsälteste hat das gesehen und den Fuchs gezwungen, zur Strafe zwei Mass Weizenbier auf ex zu trinken. So eine Menge schaffst du nicht, ohne dich zu übergeben. In dem Moment bin ich dazwischen gegangen und habe gefragt, ob das wirklich notwendig sei. Interessanterweise hat mir dann der Anwärter selbst gesagt, ich solle mich raushalten. Durch die Strafe müsse er jetzt durch.

Beim Dreh habe ich ständig Dinge gesehen, die ich persönlich ablehne: das starre Männlichkeitsbild, die völlige Konformität. Abends haben der Kameramann und ich oft noch zusammen gegessen und den Tag verarbeitet. Sonst wären wir jeden Tag mit einer ziemlichen Frustration ins Corpshaus gegangen.

Ohne Zigaretten und Bier geht nichts bei Corps Germania – dieser Eindruck entsteht jedenfalls im Film.

Der Exzess, der in dieser Welt stattfindet, geht an die körperlichen Grenzen. Im Film kann man das nur erahnen. Dass du dein Bier auf ex trinkst und dich danach übergibst, gehört einfach zu dieser Kultur dazu. Das Bier hat da ganz viele Funktionen. Einerseits erzeugt es ein bestimmtes Bild von Männlichkeit. Andererseits ist es eine Strafmaßnahme – und gleichzeitig ein Mittel, um sich besser kennenzulernen, sich zu verbrüdern.

Die Mensur, der traditionelle Fechtkampf mit scharfem Degen, spielt auch eine große Rolle. Dieses Ritual verbindet. Du gehst als Mannschaft aufs Haus einer anderen Verbindung, um zu fechten. Diese Extremerfahrung schweißt das Corps zusammen.

Für die Mensur trainieren die Burschen mit militärischem Drill. Dabei machen Mitglieder gerne mal eine "Liegestütze für Deutschland". Auch sonst kokettiert der eine oder andere gerne mal mit nationalistischen Symbolen – harmlose Spielerei oder bitterer Ernst?

Nicht alle Studentenverbindungen stehen weit rechts. Ich habe erlebt, dass es einzelne Mitglieder gibt, die durchaus liberal oder unpolitisch sind. Es gibt aber durchaus extreme Positionen. Ich war bei Kneipen dabei, das sind ritualisierte Trinkrituale, bei denen Lieder gesungen und Reden gehalten werden. Bei einer Kneipe ist ein "Alter Herr" – ein Verbindungsmitglied im Berufsleben – aufgestanden und hat ein Art Plädoyer gehalten für moderne Formen der Diktatur und "gegen den schwachen Politikertypus Merkel". Niemand hat ihm widersprochen.

Die Mitglieder von Corps Germania singen außerdem wie alle Verbindungen "Wenn alle untreu werden", ein altes Studentenlied, das später von der SS als Treuelied für den "Führer" verwendet wurde. Den geschichtlichen Hintergrund des Lieds hinterfragen die Verbindungsmitglieder nicht.

Während des Drehs habe ich im Haus auch Mitglieder der Jungen Alternative getroffen, der Jugendorganisation der AfD. Wie strukturell solche Verbindungen verankert sind, kann ich nicht beurteilen. Das hängt sicher von der jeweiligen Generation im Corpshaus ab. Aber die Verbindungen und die Koketterie mit rechten Symbolen gibt es.

Im Film fällt der Satz "Wir sind eine Elite und haben den Anspruch, die Welt zu verändern". Wie elitär ist eine Verbindung wie Corps Germania?

Ich persönlich verbinde mit Elite nichts Positives. Ich bin für Chancengleichheit, für gleiche Bildungschancen. Bei den Verbindungen ist der Begriff Elite mit einem Führungsanspruch verknüpft. Man sieht sich selbst als auserwählte Schicht, die die allgemeinen Geschicke bestimmen sollte.

Wie viel Corpsgeist steckt denn in jedem von uns?

Um mit dem Rauchen aufzuhören, exerzieren die Mitglieder im Film das sogenannte Grow-Modell durch – das ist eigentlich ein Manager-Tool. Ich kann mir vorstellen, dass man diesen Selbstoptimierungsgedanken auch in großen Unternehmen findet. Die männliche Dominanz und ein autokratischer Führungsstil in weiten Teilen der Berufswelt sind sicher eine weitere Parallele.

Wie haben eigentlich die Protagonisten auf deinen Film reagiert?

Wir haben ausgemacht, dass sie den Film vor Veröffentlichung sehen können. Bei der Vorführung haben sie an vielen Stellen über sich selbst gelacht. An anderen Stellen waren sie peinlich berührt. Trotz der vielleicht zum Teil für sie unangenehmen Szenen haben sie den Film aber so akzeptiert, wie er ist.

Mitglied im Corps Germania zu sein – für die Burschen in der schlagenden Studentenverbindung ist es gelebte Demokratie, für Außenstehende ein Kosmos mit strengen Regeln, starrer Hierarchie und merkwürdigen Ritualen. Aktuelle Kinotermine zu Lion Bischofs "GERMANIA" und die DVD zum Film findest du auf der Seite des Filmverleihers mindjazz pictures

Aktuelle Kinotermine

Fürth:
Uferpalast
02.05.2019 – 08.05.2019

Regensburg:
Filmgalerie im Leeren Beutel
11.04.2019 – 17.04.2019

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Herr Bischof stellt sicherlich einen interessanten Einblick in einen beispielhaften Corps vor. Ich finde, die Diskussion über Verbindungen sollte aber sachlich geführt werden. Es gibt eine Vielzahl an Verbindungen, die nicht-rechte Werte in den Vordergrund stellen, sei es Religion, Freundschaft, politischer Liberalismus, Bekenntnis zu Europa etc in den Vordergrund stellen. Sehr viele Verbindungen sind auch frei für Ausländer etc. Es müsste hoer auch bedacht werden, dass mittlerweile weniger als 2 Prozent der Studenten corporiert sind, es ist also kein Massenphänomen. Gute Aspekte gibt es darüberhinaus weitere: Das Leben von studentischen Traditionen, die freundschaftliche Verbundenheit mit Bundesbrüdern und Stadt und andere Gründe - es ist eine zutiefst persönliche Entscheidung, warum jemand beitritt - eine pauschale Abschätzigkeit gegenüber Verbindungen lehne ich daher ab, jeder geht etwas anders in einer Verbindung auf und lebt sich aus.

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