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Startschuss für Open Access

Bibliothek Bücherstapel Lesen [Quelle: Pixabay.com, Autor: Unsplash]

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Kooperation ermöglicht freien Zugang zu wissenschaftlichen Texten.

Das Jahr 2019 beginnt mit einem Paukenschlag für die Forschung: Das Deal-Konsortium der deutschen Wissenschaft hat mit einem der größten wissenschaftlichen Verlagshäuser, dem US-Unternehmen Wiley, einen Vertrag geschlossen, der künftig bundesweit rund 700 Institutionen freien Zugang zu dessen digitalen Veröffentlichungen bietet – den sogenannten Open Access. Statt der Leser der Publikationen zahlen künftig die Autoren beziehungsweise deren Institutionen, also Hochschulen und Forschungseinrichtungen, für die Veröffentlichung – das Lesen ist für alle Beteiligten gegen eine Einheitsgebühr frei.

Das ist "ein revolutionärer Schritt auf dem Weg zu generellem Open Access" sagte Deal-Chefunterhändler Horst Hippler bei der Präsentation des Vertrags mit Wiley in Berlin. Jetzt "stehen wir bei der Veränderung der Publikationsregeln weltweit an vorderster Front", erklärt Hippler, der bis vor Kurzem lange auch Präsident der Hochschulrektorenkonferenz war. Gemeinsam wolle man nun ein "neues Flaggschiff unter den Open-Access-Journalen gründen", das auch als Forum für die Weiterentwicklung dieser Publikationswege dienen soll.

Unternehmerisch sei die Kehrtwende durchaus "ein Risiko", sagte Wiley-Vizepräsidentin Judy Verses, es sei ein "Entdeckungsverfahren für beide Seiten". Doch man bilde damit "die Speerspitze der weltweiten Entwicklung hin zu Open Access, die jetzt in Deutschland gelungen ist", fügte Wiley-Deutschlandchef Guido F. Herrmann hinzu.

Nutzen für die Gesellschaft

Open Access ist ein zentrales Ziel der Politik und der Wissenschaft – sowohl in Deutschland als auch in Europa. Ziel ist es, sämtliche Forschungsergebnisse, die mit Steuergeldern ermöglicht wurden, frei zugänglich zu machen – zum Nutzen der Wissenschaft selbst, aber auch der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt.

Das jedoch bedroht das herkömmliche Geschäftsmodell der Fachverlage: Bisher bekamen sie die Artikel kostenlos von den Forschern und verdienten ihr Geld mit den Lesern, die für die Abonnements gedruckter oder digitaler Zeitschriften zahlen. Die Kosten können schon für eine mittlere Universität mehrere Millionen Euro betragen.

Zuletzt klagte die Wissenschaft jedoch über massiv gestiegene Preise und Gewinne der Verlage – nach Angaben Hipplers erreichte die Umsatzrendite beim Marktführer Elsevier 40 Prozent. Hochschulen und Forschungsinstitute seien "unkalkulierbaren Preissteigerungen ausgesetzt" gewesen und "in die Enge getrieben worden".

Daraufhin kündigten diverse Einrichtungen Abonnements, und das Deal-Konsortium begann im Jahr 2016 Verhandlungen mit den großen drei Verlagen: Dazu gehört neben Wiley und dem Marktführer Elsevier auch der Wissenschaftsverlag Springer Nature. Gemeinsam stehen sie nach Angaben des Deal-Konsortiums für zwei Drittel der Publikationen, die Hälfte davon entfällt auf Elsevier, den Rest teilen sich bislang Wiley und Springer Nature.

Der Streit lief zwei Jahre, 2018 kam es zum Bruch mit Elsevier. Nun, da ein Abkommen mit Wiley erzielt ist, könnte es durchaus sein, dass viele Forscher mit ihren Publikationen zu Wiley wechseln. "Das hoffen wir", sagte Hippler lachend. So kann er Druck auf die anderen Player aufbauen: "Mit Springer Nature laufen die Gespräche weiter – bei Elsevier warten wir auf ein Angebot", sagte Hippler dem Handelsblatt.

Faires Preismodell

Aktuell veröffentlicht Wiley rund 10.000 wissenschaftliche Artikel pro Jahr in Deutschland. Künftig können Hochschulen und Forschungsorganisationen sämtliche Artikel in Wiley-Zeitschriften gegen eine Jahresgebühr lesen – sowohl die aktuellen als auch bis zurück ins Jahr 1997. Die Gebühr für die Veröffentlichungen soll sich dagegen nach deren Zahl pro Forscher und Jahr richten.

Die Einzelheiten des Vertrags werden Mitte Februar auf der Deal-Homepage veröffentlicht. Diese Zeit brauche man, um die weltweit rund 600 wissenschaftlichen Fachgesellschaften zu informieren, mit denen Wiley kooperiere, so Herrmann. "Das Kernziel haben wir damit erreicht", so Hippler, "ein faires Preismodell, das Forschung bezahlbar und nachhaltig zugänglich macht."

Nach Aussage der Wiley-Vertreter ist es noch sehr unsicher, wie viel sie mit dem neuen Regime verdienen können. Wegfallende Abonnement-Einnahmen müssen durch Gebühren der veröffentlichenden Forscher kompensiert werden. Diese könnten jedoch steigen, wenn der Verlag durch die Pionierrolle weit mehr Marktanteile an sich ziehen kann. "Der Markt bewegt sich, und wir wollen dabei auf dem Fahrersitz sitzen – nicht auf dem Rücksitz", sagte Wiley-Vize Verses.

Als gemeinsamer Ansprechpartner hat die Max-Planck-Gesellschaft, die zur Allianz der Wissenschaftsorganisationen hinter Deal gehört, eigens die Max Planck Digital Library Services GmbH gegründet. Sie steht auch allen anderen Fachverlagen offen.

Insgesamt müsse sich die Wissenschaft jedoch erst an das neue Regime gewöhnen, sagte Gerard Meijer von Max Planck: "Bisher ist klar, dass etwa eine Reise zu einem Kongress in den USA aus Forschungsprojektmitteln bezahlt wird. Künftig muss daraus eben auch die Publikation der Forschungsergebnisse finanziert werden."

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