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Doktoren im Überfluss

Abschluss Doktorhut Feier Graduation [Quelle: Unsplash.com, Autor: Vasily Koloda]

Quelle: Unsplash.com, Vasily Koloda

Fast 29.000 Akademiker erwerben pro Jahr einen Doktortitel. Experten fordern "Klasse statt Masse".

Zuletzt haben wieder fast 29.000 Akademiker pro Jahr erfolgreich den Doktortitel erworben. Seit 2009 ist die Zahl der Promotionen fast kontinuierlich gestiegen. Absolute Spitze waren 2017 – neuere Zahlen gibt es noch nicht – die Mediziner: Hier promovieren jährlich rund 6.300 Akademiker, heißt es in einer Analyse des Zentrums für Hochschulforschung CHE. Es folgen Biologen und Chemiker mit jeweils mehr als 2.000 Promotionen pro Jahr, dann Physiker, Maschinenbauer und Juristen.

Ist dieser enorme Aufwand für Hochschulen und Nachwuchs nötig? Braucht die Wirtschaft – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – so viele Promovierte? Jürgen van Zwoll, Partner der Personalberatung Odgers Berndtson, verneint das. "In Deutschland ist die Doktoritis so weit verbreitet wie sonst nur noch in Österreich – weltweit interessieren die Titel kaum", berichtet der Headhunter. In den USA habe er noch nie gesehen, dass jemand seinen PhD auf die Visitenkarte gedruckt habe.

"Für unsere exportorientierten Arbeitgeber ist es heute viel wichtiger, dass jemand Erfahrung im Ausland gesammelt hat. Viele junge Leute sind zwar weltweit im Urlaub, haben ansonsten aber schon Probleme, das Bundesland zu wechseln, und bleiben lieber lange unter dem heimischen Kirchturm", kritisiert van Zwoll.

Die Unis brauchen die vielen Promovierten nicht

Auch die Wissenschaft braucht diese Massen von Promovierten nicht. Mehr "Klasse statt Masse" wünscht sich daher auch Peter-André Alt, der Präsident der Hochschulrektoren, die die massenhaften Promotionen organisieren und finanzieren müssen. Denn zentrale Aufgabe der Hochschule sei, die wissenschaftliche Qualität der Doktorarbeiten zu sichern. Und der Löwenanteil der Doktoren verlässt die Hochschule – nicht einmal jeder Fünfte bleibt in der Wissenschaft.

Der Rektorenpräsident sieht die anhaltend hohen Zahlen daher kritisch: "Wir täten uns einen Gefallen, wenn wir die Zahlen reduzierten", empfiehlt er. Der Run auf den Doktortitel habe seine Ursache "auch darin, dass in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – ein Doktortitel immer noch der Karriere hilft, etwa bei Juristen oder Chemikern", so Alt.

"Gerade in den klassischen Naturwissenschaften und der Humanmedizin scheint die Promotion noch immer als inoffizieller Regelabschluss zu gelten", fasst CHE-Experte Cort-Denis Hachmeister die Daten zusammen. In Tier- und Zahnmedizin liege die Promotionsquote hingegen bei unter 50 Prozent. In Biologie promovieren fast neun von zehn Master-Absolventen. In Chemie liegt die Quote bei fast 80 Prozent, in Physik sind es zwei Drittel.

Deutlich seltener streben Juristen nach dem Titel: Aufgrund ihrer hohen Gesamtzahl gibt es dort zwar sehr viele "Dr. jur" – der Anteil an allen Absolventen liegt jedoch nur bei gut 13 Prozent.

Die Hoffnung auf bessere Jobs und Karrierechancen ist offenbar der Hauptantrieb für die meisten Doktoranden, an ein Studium auch noch mehrere Jahre der Promotion anzuhängen. Im späteren Berufsalltag zahle sich das jedoch immer weniger aus, warnt der Headhunter van Zwoll: "Früher war der Dr. echtes Geld wert – zu D-Mark-Zeiten galt, dass man damit als Einsteiger pro Jahr 10.000 Mark mehr verdient."

Heute ist der Doktor in der Regel kein Geld mehr wert

"Heute ist der Doktor in der Regel kein Geld mehr wert", dämpft Zwoll Erwartungen der Berufseinsteiger. Eine Promotion sollten seiner Überzeugung nach heute daher "nur die anstreben, die als Naturwissenschaftler in die Forschungsabteilungen der Wirtschaft möchten", empfiehlt van Zwoll.

Daneben sollte sich auch die kleine Gruppe derer nicht abhalten lassen, die für ein spezielles Thema brennen und es vertiefen wollen: "Wer etwa unbedingt in die E-Auto-Produktion will und die Chance auf ein Promotionsprojekt in der Batterieforschung hat, sollte diese unbedingt wahrnehmen." Allen anderen rät der Personalexperte, in den für eine Promotion nötigen drei bis vier Jahren lieber Berufserfahrung zu sammeln.

In einer Hinsicht kann man allerdings schon ein Abflauen der deutschen Doktoritis konstatieren: Betrachtet man das Phänomen der Massen-Promotion in Relation zur Gesamtzahl der Studenten, relativiert es sich. Zwar ist die absolute Zahl der Doktoranden kräftig gestiegen – die der Studienanfänger jedoch kletterte noch viel schneller. Seit der Jahrtausendwende stieg die Promotionszahl von 25.000 auf fast 30.000. Die Zahl der Erstsemester hingegen verdoppelte sich fast von 250.000 auf 450.000. Ob das zeitversetzt zu einem weit stärkeren Anstieg auch bei den Promotionen führt, bleibt abzuwarten.

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Kommentare (2)

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  1. Anonym

    Was ist mit den Menschen, die eine Doktorarbeit zum Selbstzweck anstreben? Menschen, denen diese Vertiefung in ein Thema gefällt und die aus dieser Erfahrung heraus etwas lernen möchten? Ich finde es furchtbar, dass in einem scheinbar so entwickelten Land immer nach dem Zweck der eingeschlagenen Wege gefragt und verlangt wird, wie das kapitalistische Denken sogar unsere Bildungslandschaft aufs Übelste zerklüftet! Die Universitäten sollten sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe widmen: der BILDUNG von Menschen, nicht der Ausbildung für einen unmenschlichen Markt.

  2. Anonym

    Das Problem dabei ist, dass ich ohne Doktor absolut keinen Arbeitsplatz bekommen konnte. Ich habe es versucht, mich mit meinem guten Masterabschluss in Chemie so zu bewerben, über ein halbes Jahr lang. Keine Chance. Also dann jetzt doch der Doktor, da es ja ohne offenbar eben nicht geht. Immerhin bin ich an einem Forschungsinstitut, wo ich an mehr als einem Projekt arbeite und auch schon mit Budgetverantwortung für meine Projekte arbeiten kann. Für promovierte Chemiker von der Uni ist der Übergang ins Berufsleben auch immer schwer, Kommilitonen von mir brauchen oft auch ein halbes bis ganzes Jahr um überhaupt eine Stelle zu finden. Wie soll man da jemandem raten, keinen Doktor zu machen?