Partner von:

Digital gegen das Virus

Hörsaal, Universität, Hochschule [Quelle: unsplash.com, Autor: Nathan Dumlao]

Quelle: unsplash.com, Nathan Dumlao

Die Hochschulen in Deutschland verschieben den Semesterstart und setzen auf Onlinekurse. Technisch sind sie darauf gut vorbereitet. Worauf sich die Unis jetzt einstellen.

Im Grimm-Zentrum, der Universitätsbibliothek in Berlin-Mitte, scheint alles wie immer. Zum Mittag gibt es Quinoa aus der Tupperdose, Gelächter in der Eingangshalle und konzentrierte Gesichter im Lesesaal. Junge Menschen hasten vom Lesesaal zu ihrem Spind, ausgeliehene Bücher unterm Arm, Laptops in der Hand. 

Das Getümmel in der Bibliothek wirkt wie der Sturm vor der Ruhe. Corona könnte dazu führen, dass bald auch öffentliche Räume wie das Grimm-Zentrum schließen müssen. Leere Bibliotheken, geschlossene Hörsäle, Studium von zu Hause – so könnte es aussehen. An manchen Hochschulen ist es schon so weit. Der Beginn des Sommersemesters wurde in einigen Bundesländern bereits verschoben, derzeit tüfteln viele Hochschulen daran, wie sie Lehrveranstaltungen online abhalten können. Was bedeutet das für die Studierenden?

Semesterstart verschoben

Ulrich Marsch sitzt in seinem Büro. Der Sprecher der Technischen Universität München arbeitet nicht wie viele andere Angestellte wegen des Coronavirus derzeit aus dem Homeoffice. "Wir haben als Verwaltung noch eine ganz normale Präsenzpflicht und Dienst zu verrichten", sagt er am Telefon. 

Am Mittwoch sagte die Universität sämtliche Lehrveranstaltungen vor Ort während der Semesterferien ab. Das Hochschulpräsidium hat einen Krisenstab eingerichtet. Der hat unter anderem mit dem Wissenschaftsministerium beschlossen, was nun zu tun ist. Auch für die Hochschulen gehe es jetzt darum, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

"Die größte Herausforderung wird sein, den Start des Sommersemesters zu organisieren", sagt Marsch. Keiner kann abschätzen, wie die Lage sein wird, wenn die Studierenden in gut fünf Wochen zurückkehren. Alle Maßnahmen, die die Bundesregierung empfohlen hat, gelten bis zum 20. April. Was danach kommt, weiß niemand. Viele Hochschulen haben ihre Semesterferien bis zu diesem Zeitpunkt ausgeweitet.

In München bereiten sich die Lehrenden nun darauf vor, Vorlesungen und Seminare ab dem 20. April online zu halten. Die Technik dafür gäbe es bereits, die Lehrenden müssen jetzt die Wochen bis zum Start nutzen, um ihr Programm neu zu gestalten. "Es braucht Vorbereitung, eine Lehrveranstaltung zu einem Onlineformat umzubauen", sagt Marsch. Die Uni habe aber einige Erfahrung damit. Es gäbe ein Studio mit Schnittplätzen und Empfehlungen für Lehrende, wie sie online ein Seminar mit 30 Personen führen können. Geteilte Bildschirme, Diskussionsforen, Videosprechstunden – Marsch ist optimistisch, dass die Lehre auch virtuell gut funktionieren wird. "Wir zeichnen schon seit Jahren immer wieder Vorlesungen auf Video auf, um sie den Studierenden für zu Hause bereitzustellen", sagt er. Dass der komplette Lehrbetrieb nun online stattfinden soll, ist trotzdem eine neue Herausforderung. 

Medizinertest findet statt

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) lief vergangene Woche völlig unbeeindruckt von dem Wirbel um das Coronavirus das Auswahlverfahren für die medizinischen Studiengänge. Rund 2.800 junge Studienbewerber aus allen Regionen Deutschlands hoffen darauf, den Test erfolgreich bestanden zu haben und einen der begehrten Plätze für Humanmedizin, Zahnmedizin oder Pharmazie zu ergattern. Wer durchfällt, muss ein weiteres Jahr warten. 

Absagen oder verschieben? Letzteres war für die Verantwortlichen vom UKE offenbar keine Option. "Das Risiko einer Ansteckung wurde durch ein interdisziplinäres Expertenkomitee umfangreich bewertet und als äußerst gering beurteilt", sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Der Abstand zwischen den Teilnehmenden sei groß und die Prüflinge stünden in keinem direkten Kontakt. Es würden maximal 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleichzeitig in einem Raum geprüft. Außerdem käme zu keiner Zeit jemand mit Bereichen des Klinikums in Berührung, in denen Covid-19-Erkrankte behandelt werden.

Brisant ist jedoch: Eigentlich hatte das Präsidium der Universität Hamburg in einer Dienstanweisung vom 4. März angeordnet, dass Veranstaltungen mit mehr als 100 zu erwartenden Teilnehmern bis auf Weiteres untersagt sind. Mit welcher Begründung setzt sich die medizinische Fakultät nun darüber hinweg? "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Auswahltest sind Studienplatzbewerber und damit keine Mitglieder der Universität Hamburg", sagt die UKE-Sprecherin. Die Dienstanweisung gelte in diesem Fall nicht. Darüber hinaus bestünde kein besonderes Risiko für die Prüflinge, schwer am Coronavirus zu erkranken. Sie seien überwiegend jung – und zählten damit nicht zu den besonders gefährdeten Patientinnen und Patienten. 

In der Tat ist der Verlauf der Lungenerkrankung bei jungen Menschen meist harmlos. Entscheidend ist aber, dass sie als Überträger zur Ausbreitung der Krankheit beitragen. Erst am Donnerstag hatte das Robert Koch-Institut deshalb auch die Jüngeren dazu aufgerufen, sich solidarisch zu verhalten, um alte Menschen in ihrem Umfeld vor einer Ansteckung zu schützen. Die Entscheidung, den Test nicht abzusagen, läuft dem zuwider.

An der TU München haben die Verantwortlichen sich anders entschieden und den Prüfungsbetrieb stark eingeschränkt. "Die Studierenden haben natürlich einen Anspruch auf ihre Prüfungen", sagt Marsch. "Es muss zwingende Gründe geben, eine Prüfung abzusagen, und die liegen jetzt vor." Nur abschlussrelevante Prüfungen wie Staatsexamen oder Doktorprüfungen werden jetzt noch abgelegt. Zu diesen müssen die Studierenden auch erscheinen. Wenn mehrere Menschen dafür in einem Raum sitzen müssen, achte die Hochschule auf genügend Abstand zwischen ihnen, sagt Marsch.

Die Studierenden bleiben entspannt

In der Uni-Bibliothek in Berlin nehmen es die Studierenden bisher eher gelassen. "Wir haben von unserer Uni noch keine Informationen bekommen, wie es weitergehen soll", sagt Celina Scholz. Die 19-Jährige studiert im ersten Semester Geschichte, Politik und Gesellschaft an der Universität Potsdam. "Eine Verschiebung des Semesters wäre cool, Arbeit haben wir genug", sagt ihr Kommilitone Tim Page. Die beiden treffen sich jeden Tag in der Bibliothek, um gemeinsam an ihren Hausarbeiten zu schreiben. Würde die Bibliothek schließen, wäre das nervig, da sind sich beide einig. Sich zu Hause zu konzentrieren sei schwierig und auch auf das Material, die Bücher, die Räumlichkeiten – alles, was sie hier zur Verfügung haben – wollen die beiden nicht verzichten.

Und was, wenn es im nächsten Semester digital weitergehen muss, weil die Unis geschlossen bleiben? "Willkommen im 21. Jahrhundert", sagt Tim und lacht. Celina und er wohnen beide in Berlin, für Uni-Veranstaltungen fahren sie jedes Mal raus nach Potsdam. "Eine digitale Lösung wäre ideal", sagt Celina. Onlinevorlesungen würden ihnen dann das Pendeln ersparen.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Verwandte Artikel

Tipps fürs Studium und

Infos zu Top-Unis - einmal

monatlich in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren