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Brexit bedroht Promotionen in Deutschland

England, UK, Großbritannien Flagge, Fahne [Quelle: unsplash.com, Autor: Ethan Kent]

Quelle: unsplash.com, Ethan Kent

Der Abschluss Doctor of Business Administration ist für Führungskräfte eine attraktive Alternative zur deutschen Dissertation. Doch mit dem EU-Austritt der Briten wackelt für viele Studenten die Anerkennung des Titels.

In Deutschland galt er lange als Fremdkörper in der akademischen Landschaft, doch inzwischen setzt sich der weltweit anerkannte Wirtschaftsabschluss Master of Business Administration (MBA) auch hierzulande mehr und mehr durch. Der MBA-Titel einer renommierten Business-School gilt als Eintrittskarte für Topjobs bei Beratern und Großkonzernen – doch die wenigsten wissen, dass er auch noch einen großen Bruder hat: den Doctor of Business Administration, kurz DBA.

Speziell für aktive Führungskräfte, die berufsbegleitend promovieren wollen, ist er ein zwar teurer, aber oft lohnender Weg zum Doktortitel. Denn an deutschen Hochschulen liegen die Hürden für hochschulexterne Doktoranden hoch: Es braucht eine zulassende Universität, zwei bereitwillige Professoren und meist mindestens drei Anläufe, um ein dem Führungsalltag entlehntes Dissertationsthema durchzuboxen.

Die angelsächsische Alternative ist weniger sperrig. Das DBA-Studium ist berufsbegleitend in etwa drei bis fünf Jahren zu bewältigen, sein Kern ist praxisbezogene Forschung. Von deutschen Hochschulen wird dieser akademische Grad zwar nicht verliehen, wohl aber von vielen im Ausland. Für 2018 hat die Plattform dba-compass.com 216 DBA-Programme für Berufstätige ermittelt. Fast 80 Prozent werden von Business-Schools in den USA und in Europa angeboten, vor allem in Großbritannien. Und hier liegt die Krux.

Schluss mit "Herr Doktor"

Britische Universitäten sind die bevorzugten Partner deutscher Anbieter von DBA-Studiengängen. Kooperiert eine hiesige Hochschule mit einem Pendant im Vereinigten König-reich, können beide den Abschluss gemeinsam anbieten – und ein deutscher Doktorand kann von Essen oder Starnberg aus promovieren, ohne dafür seinen Job an den Nagel hängen zu müssen. Persönlich auf der Insel antreten muss er nur zu wenigen Vorlesungen und zu den Prüfungen. Nach bestandener Dissertation schreiben die Behörden auf Antrag den DBA in den deutschen "Dr." um, die Kultusministerien erkennen den DBA made in Britain als gleichwertig an. Bis jetzt jedenfalls.

Doch wenn die Briten am 29. März die Europäische Gemeinschaft tatsächlich ohne Anschlussvertrag verlassen, gelten für den Britendoktor dieselben Regeln wie für alle außerhalb der EU erworbenen Doktorgrade: Er darf nur eingeklammert mit Herkunftsangabe hinter dem Namen geführt werden. Dann war’s das mit Herrn oder Frau Doktor.

Enttäuscht dürften auch jene sein, die nicht nur um des feschen Titels willen forschen. Zwar gibt es im deutschsprachigen Raum nur eine überschaubare Zahl von DBA-Programmen (siehe Tabelle) mit jeweils nur wenigen Doktoranden, doch die wachsende Zahl der Anbieter deutet auf ein zunehmendes Interesse hin. "Man merkt, dass sich die Nachfrage nach dem DBA entwickelt", sagt der Hochschulberater und MBA-Experte Detlev Kran. "Bislang stand seine Bekanntheit im Schatten des betriebswirtschaftlichen Doktors. Das wird sich ändern, Brexit hin oder her."

Wer seinen DBA bereits eingedeutscht hat, kann den Briten gelassen hinterherwinken. "Eine Überprüfung alter Fälle ist zurzeit nicht geplant", sagt Torsten Heil, Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin. Wer jedoch noch studiert, sorgt sich zu Recht. "Ob die Führung des Titels 'Dr.' nach einem harten Brexit in Deutschland möglich sein wird, liegt in der Entscheidung der Bundesländer", so Heil. Grundsätzlich dürfen auch Abschlüsse aus bestimmten Nicht-EU-Ländern hierzulande als Doktortitel geführt werden, etwa aus Kanada, Israel oder Australien. Grundlage dafür sind bilaterale Vereinbarungen, die sogenannten begünstigenden Regelungen. Vergleichbares gibt es aber für Großbritannien nicht.

Die Kultusminister beraten

Daniel Simonovich, akademischer Leiter beim DBA-Anbieter Institute for Strategic Leadership (ISL) in Reutlingen, hofft auf eine pragmatische Lösung. "Es wäre merkwürdig, wenn Großbritannien hier hinter EU-ferne Länder wie Australien oder Israel fallen sollte." Bei der KMK ist das Thema bereits auf der Agenda: Schon im März will sie dem beratenden Ausschuss vorschlagen, die begünstigenden Regelungen zu ändern. "Hierbei handelt es sich aber um ein laufendes Verfahren", warnt Heil. "Es ist noch nichts entschieden."

Die Anerkennung des DBA als Doktorgrad ist in Deutschland nämlich durchaus umstritten. Zeitweilig war der britische Titel von einem Promotions- zu einem Postgraduiertenstudiengang herabgestuft, erst seit 2016 darf er in Deutschland wieder als "Dr." geführt werden. Die mit dem Brexit entstehende Regelungslücke könnte interessierten Kreisen, denen vor allem Professoren der Betriebswirtschaft zuzurechnen sind, nun einen Anlass liefern, durch bloßes Nichtstun die Höherklassifizierung wieder rückgängig zu machen.

Britischer Doktor made in Germany

Berufsbegleitende DBA-Studiengänge im deutschsprachigen Raum
Hochschule
Kooperationspartner
Studienorte
Deutschland
Fachhochschule des Mittelstands (FHM)
University of Worcester (GB)
Bielefeld, Berlin, Hannover, Köln
Hamburg School of Business Administration (HSBA)
Edinburgh Napier University (GB), Shanghai Jiao Tong University (China)
Hamburg
IHP München
University of Gloucestershire (GB)
München
International Institute for Strategic Leadership (ISL)
University of Portsmouth (GB)
Reutlingen
Munich Business School (MBS)
Sheffield Hallam University (GB)
München
Hochschule München
Edinburgh Napier University (GB)
München
Österreich
KMU Academy
University of Middlesex (GB)
Linz
Schloss Hofen
University of Gloucestershire (GB)
Lochau
Danuvius International School of Management
Universidad Azteca (Brasilien), Universidad Central de Nicaragua
Linz
Schweiz
Hochschule Luzern
Silpakorn University Bangkok (Thailand)
Luzern
HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich
University of Sothern Queensland (Australien)
Zürich
Kalaidos FAchhochschule
University of Middlesex (GB)
Zürich
SGMI Management Institut
University of Middlesex (GB)
St. Gallen

"Es gibt Interessengruppen, die eine Anerkennung des DBA als wissenschaftliches Promotionsverfahren verhindern wollen", sagt Stefan Baldi, Dekan des DBA-Anbieters Munich Business School. "Ein Doktorgrad, der sich mit wissenschaftlichen Methoden anwendungsorientierten Forschungsfragen aus der Praxis widmet, klingt für manche nach einem möglichen Einfallstor für das Promotionsrecht an Fachhochschulen. Dass diese Diskussion durch den Regelungsbedarf nach dem Brexit wieder aufkommt, ist nicht auszuschließen."

Daher sorgen sich nicht nur die deutschen DBA-Studenten, sondern auch die Rektoren der mit britischen Business-Schools verpartnerten Hochschulen. Sie verdienen an den bis zu 45.000 Euro teuren Programmen prächtig mit und werben auch damit, dass der Abschluss als deutscher Doktortitel geführt werden darf. Unter den Interessenten für den Studiengang gebe es bisher nur vereinzelt welche, die sich deswegen Sorgen machten, sagt Dekan Baldi. "Die dafür dann umso mehr."

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