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Hat die Schablone versagt?

Laut Statistischem Bundesamt bekamen 2012 rund 670.000 Studenten Bafög, insgesamt waren es 2,3 Milliarden Euro. Das sind 95 Millionen Euro mehr als im Jahr davor. Allerdings hat sich auch die Zahl der Studenten erhöht. Im Schnitt hatten sie deshalb weniger Geld als im Jahr davor – 448 Euro waren es pro Student und Monat. Faktisch sind die Beträge gesunken. Und das, obwohl das Bafög eins der wichtigsten Instrumente ist, um Studenten mit wenig Geld ein Studium zu ermöglichen. 80 Prozent der Bafög-Empfänger sagen, dass sie ohne das Geld vom Staat nicht studiert hätten. Der Anteil der studierenden Arbeiterkinder, die Bafög bekommen, sinkt beständig. 1993 waren es 63 Prozent. Heute sind es noch rund 50 Prozent.

Politiker, Wirtschaftsverbände, Studentenvertreter und Bildungsforscher – alle sagen, sie wollten das ändern. Manche wollen dafür den Darlehensanteil des Bafögs in einen Zuschuss umwandeln, damit sich Bafög-Empfänger nicht mehr verschulden müssen. Das Bafög wäre dann wieder ein Geschenk – so wie von 1971 bis 1974, als das Gesetz eingeführt wurde. Zurzeit ist die Hälfte des Geldes geschenkt, die andere ein zinsloser Kredit. Manche wollen die Fördersätze erhöhen, damit das Bafög nicht langsamer steigt als die Preise. Andere kritisieren, dass nur etwa jeder dritte Student in Deutschland Bafög bezieht, und fordern, mehr Studenten zu unterstützen, damit auch Menschen wie Theresa Kühn Geld bekommen oder Leute, die erst nach vielen Berufsjahren ein Studium beginnen wollen. Und alle fordern ein gerechtes und unkompliziertes Gesetz.

"Das ist die Quadratur des Kreises", sagt Christian Gröger vom Berliner Bafög-Amt. Die Schablone soll schön biegsam bleiben. Und das Regal mit den Gesetzeskommentaren möglichst leer.

Theresa Kühn würde das Bafög am liebsten ganz abschaffen. "Warum bekommt nicht jeder Student Geld?", fragt sie. "Ich zahle von mir aus auch später den vollen Satz zinslos zurück."

Theresa will eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Studenten, unabhängig davon, was die Eltern verdienen. Ähnliche Vorschläge haben Studentenvertreter gemacht, aber zum Beispiel auch die FDP. Anstatt das Bafög-Gesetz immer weiter aufzublähen, so die Idee, soll der ganze Bafög-Apparat abgeschafft werden – samt Christian Gröger und seinen Mitarbeitern.

Dann würden Bund und Länder die Mieten für die Bafög-Ämter sparen, die Gehälter für Sachbearbeiter, die Kosten für Heizung und Porto. Stattdessen könnte das Geld direkt an die Studenten fließen. So wie es in Dänemark, Schweden oder Finnland jetzt schon gemacht wird. Das hieße, dass auch Kinder reicher Eltern für ihr Studium Geld vom Staat bekommen. Es hieße aber auch, dass Leute wie Theresa Kühn weniger arbeiten müssten. Die Akten im Keller des Berliner Bafög-Amts könnte man dann getrost schreddern.

*Name geändert

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Hm.

    Interessant wäre die genau (Nicht-)Anrechnungsmodalität beim BAföG zu erfahren. Denn soweit ich weiß sind normalerweise Unterhaltszahlungen aus den an den Insolvenzverwalter zu zahlenden Beträgen herauszurechnen, so dass eigentlich der Unterhalt der Tochter nicht beeinträchtigt werden sollte. Im Übrigen tut mir Theresa durchaus leid. Bei zwei 10-Stunden Schichten in der Bar pro Woche und 150 Euro von der Oma sollten doch aber rund 900 Euro rausspringen, von denen man in Berlin durchaus studentisch leben kann.(und die den BAföG-Höchstsatz weit übersteigen). Warum dann noch der Verlagsjob nötig ist, erschließt sich mir nicht. Ich habe von 250 Euro meiner Eltern plus 300 Euro BAföG 2 Jahre gelebt. Für den einen oder anderen Luxus (Eisessen gehört für mich immernoch dazu) habe ich dann nebenbei gearbeitet. Hartz-4-Empfänger haben rechnerisch nicht einmal 3 Euro am Tag zum Essen. Ich sehe das Problem weniger in der BAföG-Regelung (wenngleich eine mäßige Anhebung der Elternverdienstgrenze sicher gerecht wäre), als vielmehr in der Tatsache, das arbeitende Menschen wie Theresa und ihr Vater nicht genug haben, um davon vernünftig zu leben.

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