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Rechnet nicht mit Liebe!

Nerds - in Aachen an der Tagesordnung [Quelle: Pixabay.com, Autor: OpenClipartVectors]

Quelle: Pixabay.com, OpenClipartVectors

In Aachen studieren vorwiegend Männer: Ingenieure, Maschinenbauer, Informatiker. Es fehlt ihnen an Flirtfachwissen und vor allem: an Frauen! Ein Streifzug durch die Stadt der Smartphone-Streichler.

Wenn man es nicht wüsste: Wann würde man’s bemerken? Und woran? In Aachen dominiert ja zunächst einmal der Dom, zieht himmelstrebend alle Aufmerksamkeit auf sich. Dann sind da das Rathaus und der Marktplatz und in dieser historischen Kulisse Tausende Touristen, die übers Kopfsteinpflaster stolpern. Blendet man all das Postkartentaugliche einmal aus, fällt irgendwann auf: verdammt viele junge Leute unterwegs. Die meisten davon Männer. Und die allermeisten dieser meisten sind eher schmal und etwas blässlich, tragen filigrane Brillen, dazu häufig kurzärmlige Hemden, oft gestreift, noch öfter kariert. Die Uniform der Unauffälligen.

Wenn es stimmt, dass Deutschland ein Land der Ingenieure ist, ein Land der Informatiker und der Maschinenbauer, dann muss Aachen die heimliche Hauptstadt sein. Mit mehr als 40.000 Studierenden ist die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) die bundesweit größte Hochschule für technische Studiengänge. Sie ist der Ort, an dem laut Eigenwerbung "die Zukunft unserer industrialisierten Welt gedacht" wird – was in der Gegenwart bedeutet: In Aachen ist der Genpool bis zum Überlaufen voll mit Y-Chromosomen-Trägern. Und zwar jenen, die dem Klischee nach besser mit Maschinen als mit Menschen können. Hier hocken also all die Jungs, die schon in der Schule weniger mit Liebesbrieflyrik glänzten, sondern auffielen durch ihre Lust an Lichtbrechungen oder ihre Schwärmerei für das Newtonsche Gravitationsgesetz.

Wenn’s wirklich so ist: Was bedeutet das für die Frauen? Und was für die Männer? Wer sich ungeniert durch Stadt und Campus fragt, bekommt oft ein Lachen zu hören, das schnell von einem verlegenen Räuspern eingefangen wird. Die Angelegenheit ist in Aachen Thema und Tabu zugleich, ebenso banal wie grundsätzlich – ist eine Universität doch der Ort, an dem das Hirn gefüttert wird, die Hormone aber auch ihr Recht einfordern.

Dieser heiklen Sache ist die ZEIT jetzt einmal nachgegangen, mit dem gebotenen Ernst, mehr aber auch nicht. Herausgekommen ist dabei dies:

Die Fakten

Auf 100 Männer zwischen 20 und 25 Jahren kommen in Aachen tatsächlich gerade mal 74 Frauen – laut Leibniz-Institut ist die "Sexualproportion" hier demnach so ungünstig wie in Wilhelmshaven und der Uckermark. Offenbar zeichnen sich Krisengegenden und Boomregionen gleichermaßen durch Männerüberschuss aus, allerdings sind die Gründe unterschiedlich: Aus der Uckermark ziehen die Frauen weg, nach Aachen ziehen die Männer hin. Zwei Drittel aller RWTH-Eingeschriebenen sind männlich. Die Hochschule gehört zu Deutschlands Exzellenz-Unis, was die Berufswahl erleichtert, die Partnerwahl eher nicht: In der Fakultät "Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften" kommen auf 1192 Studenten 267 Studentinnen – ein Verhältnis von 4,5 : 1. In der Elektrotechnik stehen 3.560 Männer 707 Frauen gegenüber – 5 : 1. In der Fakultät "Maschinenwesen" sind 10.596 Studenten und 1.481 Studentinnen eingeschrieben – 7 : 1. Die Folgen sind an Aachens Bevölkerungspyramide ablesbar. Anatomische Assoziationen soll bitte jede/r für sich behalten.

Aus einem Chat, Teil I

Karohemd und Samenstau – der studiert Maschinenbau!

In der Vorlesung

Immer dienstags steigt im Großen Hörsaal die Vorlesung Informatik im Maschinenbau von Frau Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Sabina Jeschke. Informatik im Maschinenbau – das ist nicht nur Informatik oder nur Maschinenbau, das ist beides, das ist Karohemd im Quadrat. Der Saal ist riesig, Tribünen wie in der Staatsoper, 1100 Plätze, alle belegt. Womöglich Einbildung, aber: 100 Frauen zwischen 1.000 Männern fallen mehr auf als 500 Frauen zwischen 600 Männern.

Die Vorlesung handelt von Programmiersprachen, von der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine also, von "Arrays", "Strings" und "unären Operatoren". Nichts, was der Laie begriffe – umso aufschlussreicher, sich auf die Sprachbilder der Professorin zu konzentrieren. Darin geht es stets um lineare Interaktion, um klare Wenn-dann-Folgen, um das berechenbare und logische Verhältnis von Ursache und Wirkung: "Ich frage den Computer: Hast du schon ’ne Startbelegung? ... Was ist denn da an deinem vierten Index los? ... Ich kann so ’n Array auch fragen: Wo landest du denn? ... Sie wollen ja, dass das Ding mit Ihnen redet!"

Das Ding, das mit einem redet: Leider sind Mädchen da noch komplizierter als Maschinen.

In der Cafeteria

Drei Jungs an einem Tisch. Alex, Philipp, Christian. Keine Karohemden, stattdessen T-Shirts, Muskeln, Ray-Ban-Brillen. Viertes Semester Informatik, gerade mit "effizienten Algorithmen" beschäftigt.

"Sehr speziell", sagt Philipp.

Und die Männer-Frauen-Sache?

"Auch sehr speziell."

Aus dem Gespräch geht hervor: Offenbar gibt es nicht nur zu viele Männer an der RWTH. Es gibt auch ein inoffizielles Männer-Coolness-Ranking, in dem Architekten, Philosophen und Mediziner oben stehen und die anderen unten.

"Ist ja klar", sagt Philipp, "der Mediziner kann sülzen: Ich kann dir erklären, wie dein Herz schlägt, Süße."

Zwei der drei Jungs sind Single, einer hat eine "importierte Freundin". Davon hört man oft in Aachen: Die Chance, mit seiner Schulliebe zusammenzubleiben, sei größer, als hier jemanden zu finden.

Beim Hochschulsport

Sport wäre natürlich eine Möglichkeit. Bewegung sei "integrativ und sozial kommunikativ", hatte der Leiter des Hochschulsportzentrums gesagt. Beim Studentensport seien Frauen- und Männeranteil fast gleich hoch, bei "gesundheitsorientierten Angeboten" seien die Frauen sogar in der Mehrheit. Bei Yoga, Fitness oder Jazztanz könnte der angehende Elektrotechniker also auf die eine oder andere Medizinstudentin treffen; wenn er nicht andere Prioritäten setzen würde:

Kurs 482110, Yoga: noch Plätze frei
Kurs 440022, Aquafitness: noch Plätze frei
Kurs 240101, Tischtennis: ausgebucht
Kurs 146102, Skaterhockey: ausgebucht

Tischtennis: irgendwie das Gegenteil von Tanzen. Skaterhockey: was mit Schrauben und Rollen, angewandte Physik. So bleiben auch beim Sport viele Männer für sich. Und in anderen Kursen die Frauen. Angebot 305001 zum Beispiel, Frauenselbstverteidigung: ausgebucht.

Der Asta hat übrigens mal Speeddatings organisiert. Beim letzten Mal kamen fünfzehn Männer und zwei Frauen. Die Sache war dann schnell gelaufen.

Sprache

Nach ihrem Alter gefragt, antworten viele Studenten in Aachen mit dem Begriff "Baujahr". Baujahr 1996, Baujahr 1995, Baujahr 1994.

Klingt ein bisschen nach Baujahr 1950.

Beim Tätowierer

Mitten in Aachen: das Tattoo-Studio Monsters & Sweets und dort an der Nadel Stefan, branchenkonform mit Kinnbart und Nasenpiercing. Stefan sagt, dass es für seinen Job keinen besseren Standort gebe als eine Universitätsstadt: "Ein Kommen und Gehen, ewige Zirkulation." Jedes Semester junge Leute, neue Häute. "Bei Chemikern hab ich Formeln machen müssen, ganze Molekülgerüste." Informatiker ließen sich gern Videospiel-Embleme stechen. Und seit Monaten komme ein Maschinenbauer, "der will den ganzen Arm in Biomechanik haben, als liege die Haut offen: Gelenke aus Spulen, Kolben, Zahnrädern".

Herzen, sagt Stefan, seien eher selten.

Aus einem Chat, Teil II

Mag sein, dass es hier 75 Prozent Männer gibt. Aber davon kann man die Hälfte in die Tonne knallen, und die andere Hälfte ist jenseits von tot und lebendig.

Aus einem Chat, Teil III

Wenn Maschinenbau, dann Textiltechnik – da gibt’s auch Frauen.

Auf der Straße, Teil I

Abends auf der Pontstraße, im Kneipen- und Balzviertel der Stadt. Nirgends wird sichtbarer, wer Gewinner und wer Verlierer ist im Wettstreit um die Frauen. In der Pizzeria La Finestra sitzen einige Paare an kleinen Tischen – scheu beäugt von einer Menge Männer, die an der Theke auf ihre Single-Take-away-Box warten. Und dann sind da viele Vierergruppen unterwegs: ein Mädchen, drei Jungs. Einer, der ihre Hand halten darf. Und zwei, die sich auch Hoffnungen gemacht haben, denen jetzt aber nichts anderes übrig bleibt, als ihre Smartphones zu streicheln.

Lieber keinen Freund als so einen!

Auf der Straße, Teil II

Was, wenn man einfach mal eine Frau anspricht? Zum Beispiel die: lange dunkle Haare, Halstuch, Perlenohrringe. Sabrina, Germanistik und Geschichte im achten Semester. Die Männer? Tja. Lachen, Räuspern. "Wir haben hier in Aachen die nerdigsten Exemplare", sagt sie. "Informatiker-Anmache zum Beispiel: gibt’s eigentlich gar nicht! Die sind zu introvertiert." Die anderen: "sehr schnell entflammbar". In jeder Begegnung liege Verzweiflung, so eine unangenehme Jetzt-aber-Verkrampfung. Neulich habe ein Maschinenbauer sie gefragt:

"Sind deine Eltern Taliban?"

"Wieso das?"

"Du bist so heiß wie eine Bombe."

Sie fand den Satz dann im Internet wieder, in einer Liste von Anmachsprüchen, die ihr ziemlich bekannt vorkamen. "Sind deine Eltern Architekten? Du bist so gut gebaut. – Ich habe meine Handynummer verloren, kann ich deine haben? – Hast du Zucker gefrühstückt, oder warum bist du so süß?"

Diagnose Sabrina: "Bisschen plump, oder? Es kommt gar kein lockeres Gespräch zustande." Sie sagt das nicht mit dem Furor einer Frauenrechtlerin, eher mitleidig wie eine Therapeutin, was womöglich noch schlimmer ist. Am schlimmsten jedenfalls: Sabrina hat dann lieber keinen Freund als so einen.

Eine Ehrenrettung

Jetzt ist es natürlich höchste Zeit für eine Verteidigungsrede!

Es ist schließlich auch ein Zeichen der Zeit, dass Artikel wie dieser in leichter Belustigung vom Männerüberschuss in Aachen berichten und nicht von den Universitäten in Leipzig oder Münster, wo die Frauen in der Mehrheit sind. Offenbar löst ein Rudel Männer andere Reflexe aus als ein Haufen Frauen. Womöglich sagt das Interesse daran aber weniger über die Männer selbst aus – und mehr darüber, wie die Gesellschaft gerade auf den Mann blickt, vor allem auf den Mann in der Mehrheit: Ist er nicht komisch? Ein Tölpel? Ein bedauernswert ungeschicktes Wesen? Irgendwie nicht ganz alltagstauglich? Erst recht die Gattung des Homo maschiniensis, dessen Exemplare die kniffligsten Aufgaben gelöst bekommen, aber am 1 + 1 von Mann und Frau verzweifeln?

Zugutehalten ließe sich diesem Mann zuallererst, dass er in Aachen kaum Probleme macht. Die Gleichstellungsbeauftragte des Asta weiß von keinem einzigen Fall von sexueller Belästigung (was allerdings eine Selbstverständlichkeit sein sollte).

Im männerlastigen Institut für Luft- und Raumfahrtsysteme: keine einzige Klokritzelei. Bei den Germanisten hingegen: eine Riesensauerei.

Auch keine Einbildung: In der Stadt der Maschinenbau-Studenten halten sich die Fußgänger besonders penibel ans Ampelrot. Viele Radfahrer sind mit Helm unterwegs. Selbstverständlich funktionieren auch ihre Fahrradlampen.

Diese Männer sind auf den ersten Blick vielleicht keine Romantiker oder Revolutionäre. Aber eben auch nur auf den ersten Blick. Der IT-Nerd Edward Snowden, der in Aachen nicht weiter aufgefallen wäre, hat mit seinem Wissen die Welt wachgerüttelt. Die Helden von heute – das sind Programmierer, Tüftler, Hacker, Whistleblower. Stille Stars. Ingenieure und Informatiker sind es, die die Welt retten müssen, mit Plug-in-Hybriden und Windkraftwerken und mit Erfindungen, die erst noch erfunden werden müssen. Aachen ist da so etwas wie das deutsche Silicon Valley.

Wer weiß denn, ob nicht einer dieser Aachener Jungs in wenigen Jahren ein Auto entwickelt, das Kohlendioxid ein- statt ausatmet? Oder als Whistleblower ganz groß rauskommt, weil er – während der Medizinstudent die Freundin ins La Finestra ausführt – den Server der Weltbank hackt? Und selbst wenn nicht: wird er derjenige sein, der zu Hause die Waschmaschine reparieren kann.

Aus einem Chat, Teil IV

Hab im Netz mal ne halbwegs attraktive Informatikerin kennengelernt, die lange, lange Single war. Aber was schlug die als Date vor? Die Cebit in Hannover.

Schlechte Geschäfte

Ein Tabubruch muss noch sein, ihn nicht zu wagen wäre angesichts des Themas Unterlassung. Also – mit zittrigen Knien – in Aachens Antoniusstraße, wo die Prostituierten in fleischthekenrotem Licht auf Kunden warten.

"Hallo! Willstu?"

Äh, nein, nur eine Frage.

"Nich reden, komm!"

Danke, danke, wo ist denn der Boss?

Der Boss, das ist dann "der Rudi", weißer Mercedes mit roten Ledersitzen, wirklich, Anzug in Safaribeige, goldene Sonnenbrille von Cartier, jovialstes Rheinisch. "Isch red nisch", sagt der Rudi und redet dann doch. Davon, dass die Männermetropole Aachen für ihn ein "juuuter Standort" sei, "selbstverständlisch!".

Kommen auch Studenten?

"Türlisch! Meist in Gruppen, so zehn bis zwölf, zum Schnuppern. Dann komm’ se einzeln wieder, um zu schmecken."

Abtritt Rudi.

"Glaub dem nichts", sagt eine seiner Damen, deren Identität wir hier vor Rudi schützen müssen. "Die jungen Kerls sind viel zu schüchtern."

Gute Geschäfte

Möglich, dass das stimmt. Jedenfalls ist da ein Geschäft in Aachen, in dem bei einem Testbesuch weit mehr Männer in Glasvitrinen starren als im Puff: der Modellbauladen Hünerbein. Beste Lage, direkt am Marktplatz, 100.000 Artikel auf 750 Quadratmetern – vom Schnittstellenbrückenstecker über Miniaturkardangelenke bis zum Windleitblech. Hier bestaunen Männer jeden Alters Drohnen, Quadrocopter, Minihubschrauber und Modelleisenbahnen hinter Glas. Und Michael Hünerbein, dem Chef ("Baujahr 1976"), ist klar, dass das mit "den vielen technisch Interessierten in der Stadt" zu tun hat. 95 Prozent seiner Kunden sind Männer.

"So ein Geschäft wie dieses, das gibt es vielleicht nur noch zehnmal in Deutschland", sagt Hünerbein. Überall schließen die Läden. Er aber hat seinen Elektroden-Erotik-Fachmarkt vor ein paar Jahren sogar ausbauen können. Manometer!

Bei den Maschinenbauern

"Es ist nun mal faszinierend, wie aus einer kleinen Ursache ein Rieseneffekt wird", sagt sie.

"Ja!", sagt er. "Jedes Teil für sich ist wahnsinnig simpel. Aber was passiert, wenn man es zusammensetzt, das ist der Wahnsinn."

So beschreiben Katrin und Moritz von der Fachschaft Maschinenbau den Zauber ihrer Disziplin. Die beiden – übrigens kein Paar, was ihnen wichtig ist – kennen das Image ihres Fachs genau und lassen sich ein auf ein Spiel mit den Vorurteilen. Sie sollen auf einen Zettel schreiben: Was sind die Stärken und Schwächen des typischen Maschinenbauers?

Am Ende steht auf beiden Blättern: "Er ist penibel."

Im Standesamt

Von einem Wunder ist dann noch zu berichten – oder einfach auch nur davon, dass die Wirklichkeit sich manchmal nicht an Vermutungen hält. Im Standesamt der Stadt Aachen sagt Lothar Linden, der Leiter, er habe hier 1.400 Eheschließungen im Jahr, Tendenz steigend! Die Hochschule stifte viele "global ausgerichtete Ehen", Türken heiraten Chileninnen, Chinesinnen heiraten Deutsche. Und im vergangenen Jahr dann das: Ein Maschinenbauer heiratet eine Maschinenbauerin.

Wie sagte Moritz von der Fachschaft? "Was passiert, wenn man es zusammensetzt, das ist der Wahnsinn."

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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