Partner von:

Aarrgghh!

Krisenmanagement [Quelle: unsplash.com, Autor: Steve Johnson]

Quelle: unsplash.com, Steve Johnson

Nicht alles, was schiefgehen kann, geht schief. Aber manches. Experten und Promovierende über Krisenmanagement.

Katastrophe 1: Das Equipment geht kaputt

"Ich bin Ingenieurwissenschaftlerin und forsche zu Supraleitern. Das sind Plättchen, die Strom extrem gut leiten und deshalb zum Beispiel in Antennen und medizinischen Messgeräten verbaut werden. Die Plättchen sind mit einem Film aus winzigen Kristallen überzogen, die eine bestimmte Struktur haben müssen, je nachdem, wofür sie genutzt werden. Diese Struktur wird in den Kristallfilm hineingelasert. Ich untersuche, was genau beim Lasern passiert. Wird dabei zum Beispiel das Material der Plättchen beschädigt?

Ein wichtiges Tool ist ein Gerät, das misst, ab welcher Stromspannung im Supraleiter elektrischer Widerstand entsteht. Ich war gerade mal bei Experiment Nummer zehn, als das Messgerät sich plötzlich ausschaltete, ein Kurzschluss. Eine Firma, die die Reparatur übernehmen konnte, gab es nicht, denn das Gerät war zehn Jahre zuvor von einem anderen Doktoranden gebaut worden. Also habe ich es mithilfe eines Kollegen aus meinem Fachbereich selbst repariert.

Als ich endlich weitermachen konnte, zack, der nächste Kurzschluss. So ging es weiter. Als wir alle Schwachstellen behoben hatten, ging der Schalter kaputt, um das Gerät anzumachen. Es war inzwischen schon ein halbes Jahr vergangen, ohne dass ich mit meinen Messungen vorangekommen war. Ich beschloss, das Messgerät einfach neu zu bauen.

Dafür suchte ich erst mal den Mann, der das alte gebaut hatte. Er hatte die Schaltpläne noch, an denen ich mich orientieren konnte. Bevor ich mit der Konstruktion begann, ließ ich mir von meinem Betreuer noch mal spezielle Löttechniken zeigen. Schnell voran ging es trotzdem nicht: Manchmal musste ich drei Wochen lang auf ein Ersatzteil warten, weil die Uni die Bestellung erst genehmigen musste oder weil das Teil nicht direkt lieferbar war.

Bis ich meine ersten Messungen mit dem Gerät machen konnte, dauerte es ein weiteres halbes Jahr. Dabei stellte ich dann allerdings fest: Es gab Probleme mit der Verbindung zum Computer. Das Labor kaufte einen neuen Adapter, der dann aber nicht mehr mit der Software kompatibel war, die die Messungen dokumentieren soll, also musste das Programm umgeschrieben werden. Dabei konnte mir ein Freund helfen, der Softwareingenieur ist. Ich hätte für die Umprogrammierung Monate gebraucht, dank ihm war das innerhalb weniger Tage erledigt. Ein Glück. Trotzdem lag ich bereits viele Monate hinter meinem Zeitplan.

Als ich mit der Promotion begann, hatte ich alle diese Probleme natürlich nicht eingeplant. Inzwischen sind schon drei Jahre vergangen, ich würde sagen, mir fehlen noch 25 Prozent zur Fertigstellung meiner Dissertation. Vor Kurzem lief mein Stipendium aus. Vorher habe ich versucht, so viele Experimente wie möglich durchzukriegen, damit ich schnell die Auswertung beenden und schreiben kann. Ich habe etwas Geld gespart, so komme ich noch ein paar Monate über die Runden."

Katjana Lange, 28, promoviert in Ingenieurwissenschaften an der University of Cambridge. Gerade weil so viel schiefging, habe sie in der Promotion viel gelernt.

Katastrophe 2: Das Geld ist Alle

ZEIT Campus: Frau Hillebrand, was kann man tun, wenn das Stipendium ausläuft?

Helke Hillebrand: Die Stipendien der Förderwerke kann man auf maximal vier Jahre verlängern. Danach kann man es bei kleinen Förderern probieren. Für die letzte Phase vergeben viele Unis Abschlussbeihilfen für einige Monate, das sind meist zwischen 600 und 1.000 Euro brutto im Monat.

ZEIT Campus: Und wenn der Vertrag ausläuft?

Hillebrand: Wenn es am eigenen Lehrstuhl keine Anschlussstelle gibt, kann man auch in benachbarten Abteilungen in der Uni anfragen, zum Beispiel in der Verwaltung oder in der Studienberatung. Für die Karriere ist es natürlich hilfreicher, im Dunstkreis des Forschungsfeldes zu bleiben und dort ein paar Kontakte zu knüpfen.

ZEIT Campus: Worauf sollte man bei Jobs außerhalb der Uni achten?

Hillebrand: Saisonarbeit kann Sinn machen. Ich kenne jemanden, der arbeitet drei Monate als Animateur auf Mallorca und kann sich davon den Rest des Jahres finanzieren. Der Job sollte in jedem Fall entweder flexibel sein, wie etwa Homeoffice mit eigener Zeiteinteilung, oder sehr gut planbar.

ZEIT Campus: Was halten Sie von Studienkrediten?

Hillebrand: Das trauen sich nicht viele, aber wer optimistisch ist, dass er nach der Promotion gut verdient, der kann ruhig darauf zurückgreifen. Bis zum 44. Lebensjahr kann man bei der KfW einen Studienkredit für Promotionsprojekte beantragen. Dort bekommt man bis zu 650 Euro im Monat, die man später allerdings zuzüglich der Zinsen zurückzahlen muss.

Helke Hillebrand, 51, ist Direktorin der Graduiertenakademie der Uni Heidelberg.

Katastrophe 3: Die Forschung stockt

"Meine drei Kollegen und ich untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen Störungen im Vitamin-A-Haushalt und psychiatrischen Erkrankungen gibt. Um für unsere klinische Studie ein verlässliches Ergebnis liefern zu können, brauchten wir mindestens 165 Probanden: Menschen, die Depressionen haben, aber weder Medikamente nehmen noch zusätzliche Krankheiten haben. Ein gutes halbes Jahr war eingeplant, um die Leute zu finden und die Untersuchung durchzuführen: einmal Blut abnehmen, einen Fragebogen ausfüllen und ein Interview von rund 40 Minuten geben.

Jeden Morgen ging jemand aus unserem Forschungsteam in die Frühbesprechung der Charité, um zu erfahren, ob es einen neuen Patienten gibt, der sich für unsere Studie eignen könnte. Doch die meisten Patienten mit Depressionen nahmen bereits Psychopharmaka. Oder sie hatten noch andere Beschwerden wie Diabetes oder Angststörungen und kamen darum nicht infrage. Nach sechs Monaten fehlten uns immer noch 40 Probanden.

Wir starteten einen Aufruf auf der Charité-Website und hängten in der ganzen Stadt Zettel aus. Daraufhin meldeten sich ein paar Leute. Trotzdem ging uns zwischendurch buchstäblich die Arbeit aus. Mit der Auswertung der Daten kann man eben erst beginnen, wenn das Sample vollständig ist. Wir konnten nur an der Einleitung rumschreiben und warten. Bis wir endlich alle 165 Menschen zusammenhatten, dauerte es ein Jahr. Jetzt sind wir endlich dabei, unsere Ergebnisse auszuwerten."

Lisa Otto, 28, promoviert in Psychologie an der Freien Universität und der Charité in Berlin.

Katastrophe 4: Die These platzt

"Nach zwei Jahren Arbeit an der Diss musste ich meine These umwerfen. Meine Theorie war, dass Friedrich Schiller nicht nur ein Poet ist, sondern auch ein Philosoph, und zwar einer, der Rationalität über Gefühle stellt. Eine wichtige Grundlage meiner Arbeit war die Monografie Schiller as Philosopher. A Re-Examination von dem amerikanischen Wissenschaftler Frederick C. Beiser. Ich hatte sein Buch immer wieder gelesen und wollte seine Gedanken in meiner Promotion weiter beleuchten und fortführen. In bestimmten Punkten stellte ich mich gegen Beiser, der sagt, Schiller stelle Gefühle über Rationalität und sei damit ganz anders als Kant. Ich wollte in meiner Arbeit behaupten, dass Schiller Kantianer ist und dass viele seiner Schriften Sinn machen, wenn man annimmt, dass Schiller darin Kants Grundannahmen übernimmt. Dafür hatte ich recht gute Argumente – dachte ich.

Doch eines Nachmittags saß ich im Büro an der Uni, las wieder in Beisers Buch und stellte fest: Meine These konnte gar nicht stimmen! Beiser hatte einen Punkt herausgearbeitet, in dem Schiller und Kant sich fundamental unterscheiden, nämlich in ihrem Verständnis von Ethik und Ästhetik. Unruhig bin ich noch einmal an Schillers Texte gegangen und habe versucht, Stellen zu finden, die meine These doch noch belegen. Ich fand sie nicht. Was ich vorher für Beweise gehalten hatte, schien nun wertlos, weil sie Beiser nicht widerlegten. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte geschrien. Ich war an dem Punkt, an dem ich dachte, mein Grundgerüst sei fertig und ich müsste nur noch Feinheiten klären. Nun stürzte es ein. Zuerst dachte ich: Ich muss die vergangenen zwei Jahre Arbeit beiseiteschieben und komplett von vorne beginnen. Als ich es meinen Freunden erzählte, waren sie auch bestürzt. Eine Woche lang beschäftigte ich mich gar nicht mit dem Thema und las Romane, darunter Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada.

Aber dann rappelte ich mich auf. Ich ging wieder ins Büro, wälzte wieder die Werke von Kant und Schiller und arbeitete an meiner These, die lautet nun: dass Kant wichtig war für Schiller, aber dass er andere Dinge in den Vordergrund rückte. Der gleichen Ansicht wie Beiser bin ich damit trotzdem noch nicht. Im Nachhinein kann ich sagen, dass meine Krise vielleicht ein normaler Schritt auf dem Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis war. Ich werde insgesamt ein halbes Jahr länger brauchen als gedacht und musste eine Verlängerung für mein Stipendium beantragen, aber in einem Jahr will ich fertig sein."

Niklas Sommer, 28, promoviert in Philosophie an der Universität Jena. Er lebt in Marburg.

nach oben
Akademische Stellen

Stellenangebote für

Doktoranden

und wissenschaftliche

Mitarbeiter

Verwandte Artikel

Tipps fürs Studium und

Infos zu Top-Unis - einmal

monatlich in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren