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Die Suche nach der verlorenen Zeit

Original Filmmaterial

Original Filmmaterial

Um viertel nach acht, zur Hauptsendezeit im ZDF, sieht man: Boote, voll gepackt mit alliierten Soldaten. Sie nähern sich der Küste der Normandie. Dies sind die ersten Sequenzen einer Dokumentation über den D-Day, den 6. Juni 1944. Nach 45 Minuten Sendezeit haben die amerikanischen, britischen und kanadischen Soldaten die normannischen Strände eingenommen und befinden sich auf dem Vormarsch nach Paris. Im Abspann erscheint unter "Recherche" mein Name. Es ist das sichtbare Ergebnis eines halben Jahres Praktikum bei der Kölner Produktionsfirma broadview.tv, die sich auf zeitgeschichtliche Dokumentationen spezialisiert hat. Doch was verbirgt sich hinter diesem Credit "Recherche"?
 

Vor dem Vergnügen kommt die Arbeit
 Zu Beginn meines Praktikums musste ich – überrascht und etwas enttäuscht – feststellen, dass auch Dokumentarfilmer die meiste Zeit im Büro verbringen. Sie telefonieren, durchforsten das Internet und lesen. Während meines Praktikums habe ich mehr Bücher in der Unibibliothek ausgeliehen als innerhalb meines gesamten bisherigen Studiums. Durchschnittlich steckt in einer 45-minütigen Dokumentation ein halbes Jahr Arbeit. Und die besteht vor allem aus Recherche und Vorbereitung. Mit einem Kamerateam ist der Regisseur nur zwei bis drei Wochen unterwegs. Und das Zusammenschneiden des Films mit einem Cutter im Schnittstudio dauert etwa noch einmal genauso lang.
 

Nimm drei
 Ein zeitgeschichtlicher Dokumentarfilm besteht aus drei Elementen: Archivbildmaterial, Neudrehs und Interview-Statements. Archivbildmaterial sollte im Idealfall bewegt, exklusiv und in Farbe sein. So etwas zu finden, kann manchmal ganz schön schwierig sein, wie ich feststellen musste. So hatte keiner der alliierten Soldaten bei der ersten Invasionswelle in die Normandie daran gedacht, eine Kamera mitzunehmen. geschweige denn eine Farbkamera. Diese kam erst zum Einsatz, als die Kampfhandlungen am Strand bereits abgeschlossen waren. Darum mussten wir mit nachgespielten Szenen, sprich Neudrehs, vorlieb nehmen. Neben solchen szenischen Neudrehs gibt es auch assoziative Neudrehs, die insgesamt als seriöser gelten. Dafür fährt das Kamerateam meist an die Originalschauplätze. Wichtig für assoziative Neudrehs ist – mal wieder – die Recherche-Vorarbeit. Und die Authentizität: Das bedeutet, dass das Filmteam unter anderem darauf aufpassen muss, dass keine Strommasten und moderne Autos ins Bild kommen.
 

Von Zeugen und Lügenbaronen
 Die letzte und vielleicht wichtigste Zutat sind die Zeitzeugen-Interviews. In den Erinnerungen und Erzählungen dieser Menschen erwacht die Vergangenheit wieder zum Leben. Vorausgesetzt, man hört ihnen gerne zu. Je mehr die Zeitzeugen erzählen, desto weniger Sprecherkommentar braucht der Film - und desto authentischer ist er. Darum bestand meine wichtigste Aufgabe darin, gute Geschichtenerzähler zu finden, und dabei auf der Hut vor Lügenbaronen zu sein.
 

Geschichtspuzzle
 Die Recherche ist ein bisschen wie Detektivspielen. Man sucht Puzzleteile und setzt sie zusammen: Geschichten, Bilder, Schicksale. Das Leben eines Einzelnen sagt mehr über weltgeschichtliche Ereignisse aus als bloße Daten und Fakten. Nehmen wir zum Beispiel Franz Wilden. Auf dem Rückzug vor den Alliierten, so erinnerte sich ein deutscher D-Day Veteran, wurde einer seiner Kameraden von einem Maschinengewehr in den Bauch getroffen. Keiner der Freunde traute sich, ihm den Gnadenschuss zu geben. Also ließen sie ihn in einem Graben zurück. Den qualvollen Schrei des Sterbenden konnte der Mann nie vergessen, doch an den Namen dieses Kameraden konnte er sich nur vage erinnern. Also machte ich mich auf die Suche.
 

Das Schöne am Suchen
 Am Ende konnte ich nicht nur die Angehörigen des gefallenen Franz Wilden ausfindig machen, sondern auch noch eine Wochenschau-Aufnahme, in der der 18-Jährige wenige Tage vor seinem Tod noch zuversichtlich in eine Fernsehkamera lächelt. Dass sich solche Detektivarbeit lohnt, zeigen die Zuschauerbriefe, die wir nach der Ausstrahlung bekommen haben.

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