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Eine Woche mit 70 Nationen - ein Plädoyer für die Teilnahme

Willem C. Vis Moot in Wien - Erfahrungsbericht einer e-fellows.net-Stipendiatin

Willem C. Vis Moot in Wien - Erfahrungsbericht einer e-fellows.net-Stipendiatin

Jedes Jahr findet der Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot statt, ein Jura-Wettbewerb mit internationalem Ansehen. Die Teams reisen aus Brasilien und Brunei, Schweden und Südafrika an. In Wien messen sie ihre Fähigkeiten in Schriftsätzen und mündlichen Verhandlungen - und gehen gemeinsam Einspänner oder einen Kapuziner mit Schlagobers trinken.

Zum 15. Mal trafen sich in der Woche vor Ostern über 1.000 Jurastudenten. Insgesamt 204 Teams aus der ganzen Welt traten in Wien in einem fiktiven Prozess gegeneinander an, um in mündlichen Verhandlungen ein Schiedsgericht für ihre Position zu gewinnen. Geübt und bewertet werden die wichtigsten Fähigkeiten eines Juristen: Verhandlungsgeschick, Fachwissen und eine überzeugende Präsentation. Natürlich trifft man sich aber auch, um gemeinsam zu feiern und Wien kennen zu lernen.
 

Grundidee und Ziel des Willem C. Vis Moot

 Der Wettbewerb beginnt jedes Jahr am ersten Freitag im Oktober: Zunächst erhalten alle teilnehmenden Teams weltweit eine Akte mit demselben Sachverhalt, den sich Professor Eric E. Bergsten ausgedacht hat. Rund sechs Monate forschen und arbeiten sie nun an diesem Problem. Das Thema ist stets ein Kaufvertrag, der zwischen zwei Parteien aus unterschiedlichen fiktiven Vertragsstaaten geschlossen wurde. Hinzu kommt eine prozessrechtliche Fragestellung, die in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit wurzelt. Jedes Jahr ändern sich die anzuwendenden schiedsrechtlichen Regeln.
 

Die Schriftsätze

 Im schriftlichen Teil des Wettbewerbs erstellen die Studententeams eine Klageschrift zu dem ausgedachten Sachverhalt (Memorandum for Claimant). Anfang Dezember wird jedem Team die Klageschrift einer anderen Gruppe zugeschickt. Auf diese Klageschrift antwortet das Moot-Team innerhalb von sechs Wochen dann in Form eines Beklagtenschriftsatzes (Memorandum for Respondent). Jedes Jahr werden die besten Kläger- und Beklagtenschriftsätze prämiert.
 
 Die Phase der Schriftsatzerstellung ist nicht ganz einfach. Die Zeit kann verglichen werden mit dem Erstellen einer - nein, eigentlich zweier Seminararbeiten. Dazu kommen Schwierigkeiten wie die Beschaffung der ausländischen (manchmal nicht auf englisch vorhandenen) Fachliteratur zu Sonderproblemen oder die englische Rechtsterminologie, die selbst Muttersprachler gelegentlich in ratloses Schulterzucken treibt. Außerdem schreibt man ausnahmsweise nicht alleine, sondern im Team - da bleiben Diskussionen nicht aus. Schließlich soll kein theoretisches Gutachten verfasst werden, sondern eine überzeugende Darstellung der Sach- und Rechtslage aus der Sicht einer Partei.

Die mündlichen Verhandlungen

 Im Januar beginnt die zweite Phase des Moot Courts - die Vorbereitung auf die mündlichen Verhandlungen in Wien. Sie läuft an jeder Hochschule anders ab. Zunächst formulieren die Sprecher des Teams anhand der Schriftsätze einen Vortrag für Kläger- und Beklagtenseite. Besonders einprägsame und publikumswirksame Argumente haben hier den Vortritt. Außerdem muss man die vorgegebene Maximalzeit von 15 Minuten beachten und auf Zwischenfragen der Schiedsrichter angemessen reagieren. Viele Teilnehmer lassen sich dafür von Rhetoriktrainern helfen oder holen sich Tipps von Anwälten, Professoren und Moot-Alumni.
 

Wettbewerb vor dem Wettbewerb

 Manche Großkanzleien organisieren in dieser Zeit so genannte Pre-Moots, bei denen die Universitätsteams aus der Region schon gegeneinander antreten können. Anwälte mit Erfahrung in der Schiedsgerichtsbarkeit geben dort Feedback. In München, Düsseldorf und Leuven, aber auch beispielsweise in New York gibt es kleine Vorbereitungswettbewerbe über mehrere Tage, an denen viele deutsche Teams teilnehmen.
 

Der Höhepunkt ist Wien

 Der Höhepunkt des Moot Court sind die mündlichen Verhandlungen in Wien - oder in Hongkong. Dort findet der Wettbewerb unter dem Namen "Willem C. Vis East" statt und ist ein unabhängiger Schwesterwettbewerb der "Wiener" Variante.
 
 Ein wirkliches Erlebnis ist die Begrüßungsveranstaltung im Wiener Konzerthaus: Prof. Bergsten eröffnet den Wettbewerb, ein Juraprofessor aus Amerika singt den "Mootie-Blues" und beim anschließenden Empfang tauscht man sich zum ersten Mal ausgiebig aus.
 

Jetzt wird's ernst

 Die mündlichen Verhandlungen werden vor Schiedsgerichten mit drei Mitgliedern geführt. Diese Jurymitglieder sind Professoren, Richter und Anwälte mit praktischer Erfahrung in der internationalen Wirtschaft. Sie fällen kein Sachurteil, sondern bewerten die Qualität der Vorträge und die Überzeugungskraft der Sprecher. Über 600 dieser "Arbitrators" reisen für die Vorrunde von überall her nach Wien - unter ihnen die bedeutendsten Schiedsrichter und Schiedsrechtswissen- schaftler der Welt. Ich war überrascht, wie ernst sie den Wettbewerb nehmen. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, über einen nur ausgedachten Fall zu sprechen. Immer waren die Schiedsrichter ernsthaft interessiert, haben neue Fragen gestellt und über einen sinnvollen Ausgang des Streitfalls diskutiert.
 

Die Welt zu Gast in Wien

 Die "General Rounds" genannten Vorrunden eröffnen den mündlichen Wettbewerb. Jedes Team tritt dort gegen vier andere Teams an, zweimal auf Kläger- und zweimal auf Beklagtenseite. Diese Vorrunden sind so international wie möglich gehalten – es kommt also nicht vor, dass zwei deutsche Teams miteinander wettstreiten. Ich fand es sehr spannend, auf indische und amerikanische, afrikanische und australische Jurastudenten zu treffen.
 

Der Sieger wird gekürt

 Nach den Vorrunden treffen sich die Teilnehmer ein zweites Mal im Festsaal des Wiener Rathauses, um zu erfahren, welche 64 Universitäten in die "Knock-out Rounds" gekommen sind. Dort geht es darum, überzeugender zu sein als die gegnerische Mannschaft. Von Runde zu Runde kommt jetzt nur noch eines der beiden gegeneinander antretenden Teams weiter.
 
 Das große Finale zwischen den zwei besten Teams findet dann öffentlich im Kongresssaal der Messe Wien statt, mit anschließendem Festbankett und der Preisverleihung. Neben dem "Best Overall Team" werden die besten Einzelvortragenden gekürt. Sprachliches Talent und rhetorische Fähigkeiten sind dafür unheimlich wichtig.
 

Das Rahmenprogramm - jede Menge "Social Events"

 Während dieser Woche in Wien wurde viel geboten, unter anderem von der Moot Alumni Association (MAA). Vor, während und nach den Verhandlungen gab es an der Wiener Universität zahlreiche Diskussionsrunden, Vortragsreihen und Empfänge namhafter Kanzleien. Bei Stadtführungen, Restaurantbesuchen, abends in den eigens reservierten Bars und Discos - überall kamen die "Mooties" miteinander in Kontakt.
 
 Am Donnerstag feierten die "Mooties" eine große "Welcome Party", am Ende der Woche erkundeten alle gemeinsam bei einer "Farewell Party" das Wiener Nachtleben. Der Spaßfaktor war garantiert – wer als "Mootie" dabei ist, sollte sich diese wohlverdienten Feiern auf keinen Fall entgehen lassen.
 

Schlussplädoyer für den Willem C. Vis Moot

 Ich habe in Wien unglaublich interessante Gespräche geführt, viele außergewöhnliche Menschen getroffen und tolle Erfahrungen gemacht. Natürlich habe ich auch fachlich profitiert von der Beschäftigung mit internationalen Streitfragen des Kauf- und Schiedsrechts und dem Einblick in die "Oral Advocacy". Mit beidem kommt man im deutschen Jurastudium nicht oft in Kontakt, beides ist aber im Berufsleben sehr wichtig. "Nebenbei" habe ich ein halbes Jahr lang die englische Rechtssprache geübt.
 
 Die Arbeit für den Moot ist zum Teil wirklich hart - sie zahlt sich aber während der Woche in Wien aus: Wann trifft man schon mal auf einen typisch englischen Richter und seinen speziellen Humor? Wie oft darf man mit einem amerikanischen Juraprofessor über die Bedeutung von zwingendem Recht diskutieren? Wann hat man sonst die Gelegenheit, mit Australiern, Schweizern, Argentiniern und Isländern und vielen anderen Studenten aus mehr als 70 Ländern bis in die frühen Morgenstunden zu feiern Das Fazit nach meiner Teilnahme am Vis Moot lautet daher: Dabei sein ist alles - wenn du die Chance bekommst: Go for it!

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