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Sprachlos an der Hauptschule

Teach First Deutschland (Quelle: e-fellows.net)

Teach First Deutschland (Quelle: e-fellows.net)

Teil 5: Dass Christina die Worte fehlen, kommt eigentlich nie vor. Doch dann gratuliert ihr die Schülervertreterin: 'Sie sind zur Vertrauenslehrerin der ganzen Schule gewählt worden!' Da fällt selbst Christina nur noch eins ein: 'Krass, Mann!'

Montag, 5. Oktober

 Heute Morgen ist es zum ersten Mal richtig kalt, der Wind ist eisig. Ich ziehe den Schal hoch ins Gesicht, als ich aus dem Bus steige. In Gedanken gehe ich noch einmal den Tag durch, als ich plötzlich mit einem freundlichen "Guten Morgen!" in die Realität zurückgeholt werde. Moment, wer ist denn das? Ich traue meinen Augen kaum, als ich realisiere, dass ich gerade von Pete gegrüßt worden bin. Pete, Mr. Obercool, der mich bis jetzt außerhalb des Klassenraums nicht einmal angeguckt ─ geschweige denn gegrüßt ─ hat, wünscht mir einen guten Morgen! Ja, gut wird der jetzt bestimmt. Auf einmal bin ich hellwach, die Woche kann beginnen!
 
 Sport bei den Neunern. Heute steht eigentlich Ausdauertraining auf dem Lehrplan, aber da ich schon ahne, dass dieses Thema unter den Schülern nicht unbedingt zu den Favoriten zählt, beschließe ich zunächst Basketbälle zum selbständigen Warm-up zu verteilen. Die Mädchen stehen etwas unbeholfen herum und ich zeige ihnen ein paar ganz einfache Übungen. Und dann die nächste Überraschung: Sam, der bis jetzt jede einzelne Sportstunde boykottiert und auf der Bank verbracht hat, schnappt sich einen Ball und legt los! Okay, das ist die Gelegenheit für mich, denke ich, während ich mich vorsichtig dribbelnd heranpirsche. Nichtssagend werfe ich ein paar Mal auf den Korb, erst einmal die Lage checken. Aber Sam bleibt und wirft ebenfalls weiter. Gar nicht mal schlecht!
 
 "Hey, hast du schon mal Basketball gespielt?", wage ich einen ersten Kontakt. "Ja, auf dem Freiplatz!" "Sieht schon richtig gut aus, weiter so!", versuche ich ihn zu motivieren. Er kommentiert das Ganze mit einem Lächeln. Klasse, das Eis ist gebrochen, denke ich und ziehe weiter zum nächsten Korb. Hätte ich noch bleiben und die Chance für ein längeres Gespräch nutzen sollen?
 
 Die Antwort auf diese Frage bekomme ich zwei Stunden später in Bio, als Sam mit folgender Bitte auf mich zukommt: "Darf ich mich vielleicht in die erste Reihe setzen, dann kann ich mich besser konzentrieren?" Was möchtest du? In die erste Reihe? Mitarbeiten? Klar, gerne! Ist ja der Hammer! In Sekundenschnelle habe ich die Tische zurechtgerückt und Sam sitzt direkt vor mir. Die Stunde verläuft gut. Heute keine Präsentation, dafür erstelle ich Schritt für Schritt ein Schaubild an der Tafel und lasse die Kids einen Merktext aufschreiben, da ich gemerkt habe, dass die Rechtschreibung bei den meisten noch sehr geübt werden muss. Warum also nicht auch in Bio!
 
 Voller Zuversicht starte ich in die nächste Bio-Stunde, doch auch heute werde ich wieder von absolut aufgebrachten und unruhigen Neunern überrollt. Ich merke, wie ich innerlich immer angespannter werde und versuche, gegen das Chaos anzukommen. Mitch ist auch heute außer Rand und Band. Er schreit Antworten in die Klasse und die Diskussionen mit meinem Team-Teaching-Kollegen lenken die gesamte Gruppe vom Unterricht ab. Er alleine schafft es tatsächlich, eine gesamte Stunde zu sprengen! Ich schwanke zwischen Wut und Verzweiflung. Erst als die Neuner den Merktext von der Tafel abschreiben, kehrt ein wenig Ruhe ein.
 
 Für einen Moment erleichtert gehe ich durch die Reihen und schaue den Kids über die Schulter. Das Schreibtempo variiert enorm! Einige schreiben nicht einmal ein Wort und weigern sich auch nach mehrmaligem Auffordern, ihre Aufgabe zu erfüllen. Mist, was nun? Wenigstens der Merkzettel wird von allen bearbeitet. Es klingelt. Einige Kids springen auf, Stühle fallen um, egal, sie rennen einfach raus. Ich stehe wie versteinert da, muss kurz schlucken. Hier gibt es noch eine Menge zu tun!
 
 Im Hausaufgaben-Club erstelle ich mit Martin und Flo das Plakat für die Handball-AG, sie haben viele Ideen und man merkt ihnen an, dass sie ein wenig stolz sind auf "ihre" AG. Der Tag endet mit einer Konferenz über die Umstellung zur Sekundarschule im nächsten Schuljahr. Die Stimmung ist sehr angespannt und die Luft knistert förmlich. Es wird heftig diskutiert. Eine absolute Herausforderung kommt auf das Kollegium zu!
 

Dienstag, Oktober

 Die Bio-Stunden verlaufen gut und ohne große Störungen. In der Pause stürmt Lena auf mich zu: "Ich war gestern mit meinem Vater in der Stadt und durfte mir was zum Geburtstag aussuchen. Raten Sie mal, was ich mir gekauft habe: Basketball-Klamotten!" Sie strahlt übers ganze Gesicht und ich freue mich mit ihr!
 
 In der Freistunde stelle ich die Handball-Plakate fertig und hänge sie in der Eingangshalle auf. Schon in der nächsten Pause kommt Tim aus der Zehnten auf mich zu: "Handball, wie geil! Kann da jeder hin?" Klar, komm gerne vorbei. Er erzählt mir, dass er selber lange im Verein gespielt hat, es ihm dann aber zu teuer geworden ist ─ und er "total Bock" hat wieder zu spielen. Super, denke ich, genau dich habe ich gesucht! "Aber ich dachte, Sie wären Basketballspielerin?" "Ja, stimmt, ganz genau! Und ich habe fast keine Ahnung von Handball. Was hältst du davon, mit mir zusammen die AG zu leiten?" "Krass, so als richtiger Co-Trainer?" Ja, genau! Tolle Idee! Zusammen mit meinem Co-Trainer leite ich also die Handball-Session und die Siebener-Jungs sind mit Feuereifer dabei und lesen Tim mit hochroten Köpfen jedes Wort und jeden Tipp von den Lippen ab. Wirklich klasse, so haben die Kids auch hier ein wirklich greifbares Vorbild, von dem sie lernen können!
 

Mittwoch, 7. Oktober

 Mit meinem Mentor bespreche ich die nächste Unterrichtsreihe: das Herz-Kreislauf-System. Ein wirklich komplexes Thema! Wir sammeln erste Ideen. Erst der Aufbau des Herzens, ein Schweineherz als Anschauungsobjekt wäre dabei klasse. Dann der Lungen- und Körperkreislauf und zu guter Letzt die Zusammensetzung des Blutes, das Ganze in nur vier Unterrichtsstunden. Alles, was mir in dem Moment dazu einfällt ist: Tschakka, auf geht's!
 
 Viel Stoff, wenig Zeit, die gewohnte Reduktion auf Kernaussagen, der Verzicht auf Details. Ärgerlich, denke ich, gerade das Herz-Kreislauf-System und die Auswirkung verschiedener Lebensformen auf dieses sind doch so wichtig zu verstehen. Was passiert bei einem Herzinfarkt und wie kommt es überhaupt dazu? Die Auswirkungen von Rauchen und fettigem Essen? Aber auch: Wie kann ich durch Training mein Herz stärken? Ich werde versuchen, auf jeden Fall einen engen Bezug zwischen den Schülern und diesem schwierigen Thema herzustellen.
 
 Wahlpflicht Basketball in der achten Klasse. Ich wiederhole noch mal kurz die wichtigsten Regeln, bevor es losgeht. Eine davon: Basketbälle werden nicht mit dem Fuß geschossen! Danny, erste Verwarnung! Danny, raus! Zum ersten Mal schmeiße ich tatsächlich einen Schüler raus und setze ihn auf die Bank am Rand. Ein komisches Gefühl! Aber die Stunde verläuft von jetzt an spitze. Alle anderen halten sich an die Regeln, da sie unbedingt spielen wollen. "Darf ich nächste Stunde wieder mitmachen?", fragt Danny mich später kleinlaut und entschuldigt sich bei mir. "Klar!" Er grinst und verschwindet in der Kabine.
 
 Zum Hausaufgaben-Club kommen heute 17 Schüler, sowohl aus der Siebten als auch aus der Achten. Viele der Achter kommen nicht freiwillig, sondern weil sie Strafarbeiten machen müssen. Die Stimmung ist dementsprechend angespannt und schlecht. Ich teile die Kids in zwei Gruppen auf und versuche pendelnd zwischen zwei Klassenräumen für Ruhe zu sorgen, darauf zu achten, dass die notwenigen Strafarbeiten erledigt werden, und Einzelnen bei konkreten Fragen zu helfen. Absolutes Chaos!
 
 Ich komme mir vor wie ein Ping-Pong-Ball, der von einem Raum in den nächsten und wieder zurückgespielt wird, ohne Einfluss darauf zu haben. Okay, das geht so nicht! Ich werde ab nächster Woche tatsächlich die Siebener und Achter trennen und die Hausaufgaben-Hilfe nur für freiwillig kommende Schüler anbieten. Und ich muss lernen, auch mal Nein zu sagen, wenn ich von Kollegen angesprochen werde, Problemfälle zu übernehmen ─ denn so hat niemand was davon!
 
 Zehn Jungs und sechs Mädchen kommen zur Basketball-AG! Wow, klasse! Darunter fünf richtig gute Spieler, die ich sofort als Team zusammen antreten lassen würde. Sie haben definitiv Vereinsniveau und ich hoffe, sie über die Schulmannschaft hinaus auch langfristig für den Sport zu begeistern! Aber gerade bei einigen, die technisch fast bei Null gestartet sind, freue ich mich über erste sichtbare Fortschritte. "Können Sie mal gucken? Ich kann das jetzt!", werde ich immer wieder aufgefordert mir den Wurf oder Korbleger anzusehen.
 
 Ich bin beeindruckt, wie schnell gerade auch die Mädchen die neuen Bewegungsabläufe verinnerlicht haben und umsetzen können. Lena ist stolz wie Oskar, als sie in ihren coolen Klamotten vor meinen Augen den Ball im Korb versenkt! Nur mit Mühe verlassen auch die letzten Schüler eine halbe Stunde nach offiziellem AG-Ende die Halle. Super mitgemacht! Noch schnell ein weiterer Stempel im AG-Pass und dann geht es ab nach Hause.
 

Donnerstag, 8. Oktober

 Sportunterricht siebte Klasse. Wie immer weigert sich Babsi mitzumachen und sitzt trotzig in der Ecke. Ich setze mich zu ihr und versuche sie zum Mitmachen zu animieren. "Ich hab keinen Bock immer allein zu laufen!", nuschelt sie leise. "Die anderen sind alle viel schneller als ich!" Ich schlage ihr vor, dass ich erst eine Runde alleine laufe, sie dann wieder hier abhole und wir dann gemeinsam die angesagte Rundenzahl laufen. Keine Antwort, entschlossen laufe ich los. Als ich wieder bei ihr ankomme, guckt sie kurz hoch und bleibt sitzen. Das ganze Spiel wiederholt sich noch vier weitere Runden. Doch dann plötzlich in meiner sechsten Runde steht Babsi auf, grinst und stößt zu mir dazu. Juchu, denke ich, sie macht mit! Sie hält eisern durch. "Vielleicht werde ich jetzt doch noch ne Sportskanone!" Ja, könnte schon sein.
 
 In der fünften Stunde habe ich ein Gespräch mit meiner Schulleiterin. Sie nimmt sich viel Zeit und ich erzähle ihr vom Verlauf meines Einsatzes. Sehr offen und freundlich, ich fühle mich hier an der Schule echt wohl.
 
 Nach der letzten Wahlpflichtstunde dann das Highlight der Woche. Die Schülersprecherin wartet vor der Halle auf mich und kommt auf mich zugestürmt: "Ich muss Ihnen gratulieren! Sie sind gerade in der Schülerversammlung zur Vertrauenslehrerin der gesamten Schule gewählt worden!" Ich bin sprachlos, könnte in die Luft springen, versuche aber auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Mehr als ein "Vielen Dank, eigentlich weiß ich immer, was ich sagen soll, aber jetzt gerade fehlen mir die Worte!", bekomme ich nicht heraus. "Sagen Sie nur, dass Sie die Wahl annehmen!" Klar nehme ich an! Vertrauenslehrerin, krass, Mann!
 
 Dann direkt in die Gesamtkonferenz, anschließend noch ins Teach First Deutschland Büro und die ersten Ideen für das London-Projekt vorstellen und weitere Ideen sammeln. Brainstorming, viel Input. Der lange Tag endet mit einem guten Gefühl!
 

Freitag, 9. Oktober

 Kein Unterricht, dafür Seminar mit den Berliner Fellows. Erfahrungsaustausch und Weitergabe von Best Practices. Auch morgen steht den ganzen Tag eine Fortbildung auf dem Programm. Sicherer Auftritt vor der Klasse, vermittelt von einem erfahrenen Schauspieler und Coach – ich bin gespannt!
 
 Christina schreibt auch weiterhin Tagebuch – lesen könnt ihr es im Blog von Teach First Deutschland.
 
 * Die Namen wurden von der Autorin geändert.

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