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Junge Philharmonie Venezuela

Junge Philharmonie Venezuela

Junge Philharmonie Venezuela

260 venezolanische Kinder und Jugendliche kamen im Herbst 2002 aus den Sicherheitstüren des Amsterdamer Flughafens heraus, bunt gekleidet mit den Landesfarben Venezuelas. Ein unglaubliches Projekt, ein Musikmarathon durch Deutschland und Österreich und ein politisch zeichensetzender Akt sollte beginnen. Vorangegangen waren für mich drei Monate Arbeit bei der Imorde Projekt & Kulturberatung in Münster. Dort hieß es, der Presse das Großereignis anzukündigen, Kontakte zu den jeweiligen Veranstaltern vor Ort zu knüpfen und vor allem den Ablauf der Tournee gemeinsam mit meiner Chefin zu managen.
 

Mit Musik gegen Armut
 Bereits zu diesem Zeitpunkt war ich fasziniert von der Geschichte, die sich hinter meiner Arbeit verbarg. Ein ganzes Land, so schien es mir, wurde von der Idee beherrscht, die 1975 von Dr. José Antonio Abreu in die Realität umgesetzt wurde: "Mit Hilfe von Musik der Armut zu entkommen." Abreu wurde für diese Idee mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, denn er gründete eine Stiftung, die es jedem Kind möglich machen sollte, ein Instrument zu erlernen und in einem Orchester zu spielen. Die vielen armen Kinder Venezuelas bekommen somit eine fundierte Ausbildung und können in Zukunft als Musiklehrer, Instrumentenbauer oder Musikpädagoge arbeiten und damit Geld verdienen. Von den mittlerweile 110.000 Musikern, die in Venezuela nun aktiv spielen, durfte ich die besten 210 Jugendlichen zwischen 10 und 22 Jahren auf einer Tournee durch Deutschland und Österreich begleiten.
 

Wagner auf dem Hotelflur
 Eine Karawane von fünf Bussen, vielen Pkws, einem LKW und einem Fernsehteam zog durch das Land. Das erste Konzert sollte in der Kölner Philharmonie stattfinden. Ich hatte ja keine Ahnung, dass man auch nach zwölf Stunden Flug und langer Busfahrt noch das Bedürfnis verspüren konnte, mit der Trompete auf einem Kölner Hotelflur noch mal Wagner erschallen zu lassen. Diese Musiker ließen wirklich keine Minute und keine Möglichkeit aus, um die Noten noch einmal zu üben. Trotz des straffen Tourneeplans, der zwischen den angesetzten Proben, Mahlzeiten, Konzerten und Weiterfahrten keine freie Minute ließ. Als dann doch auch kulturelle Besichtigungstouren auf dem Plan standen, damit die Musiker Deutschland auch außerhalb der Konzerthäuser kennen lernen konnten, machten die 210 Jugendlichen vor jedem Straßenmusiker, der ihnen zufällig begegnete, Halt und umjubelten seine Musik.
 

Musizieren für ein besseres Leben
 Und genau wegen ihrer Freude an der Musik und ihrem Ehrgeiz, konnten sie die Zuschauer begeistern. Die Konzerte waren für alle Beteiligten ein Erlebnis. Sie standen vor einem sozial und wirtschaftlich wichtigen Hintergrund, waren musikalisch hoch anspruchsvoll und dennoch auch lebensnah. Der 19-jährige Dirigent Gustavo Dudamel konnte auf zahlreiche Groupies blicken, und die Kontrabassisten flirteten mit den Mädchen aus der ersten Reihe. Es sah so aus, als spielten sie der politisch schwierigen Lage in Venezuela entgegen. Diese Musiker sind die neue Generation Venezuelas und kämpfen und musizieren für ein besseres Leben.
 

Salzburg, Wien und Leipzig
 In Salzburg konnte ich das Knistern bei den anspruchsvollen Passagen im Verdi spüren, und die Begeisterungsstürme waren einfach mitreißend, als man die Münchener Philharmonie mit brasilianischen Klängen durchflutete. Nicht umsonst ist die Junge Philharmonie das beste Kinderorchester der Welt, wie auch viele große Zeitungen dieses Orchester betitelten. Das Wiener Konzerthaus erstrahlte in einem ganz besonderen Glanz, als die Musiker auf die Bühne traten. Rot, gelb, blau trafen auf Jugendstil. Das Ganze harmonierte ganz prächtig miteinander. Mit einer Polizeieskorte ging es durch Leipzig, als ein Konzert im Gewandhaus geplant war und gleichzeitig auf den Straßen eine Rechtsradikalendemonstration stattfand. Nicht sehr erfreulich, aber die Venezolaner nahmen es gelassen.
 

Musik als Ausdruck der eigenen Geschichte
 An einem der vielen Abende, die ich gemeinsam mit den Musikern verbracht habe, hat mir ein 17-jähriger Trompetenspieler von sich erzählt. Er sprach davon, wie ihm sein Vater sagte, er solle doch etwas Anständiges lernen, eben einen handfesten Beruf ergreifen. Doch er widersetzte sich den Ratschlägen seines Vaters, kam zu Dr. Abreu und ist jetzt der erste Trompeter der Jungen Philharmonie Venezuela. Er lebt für die Musik, aber auch gerade wegen ihr. Er leidet nicht wie andere Jugendliche in seinem Alter unter der schweren wirtschaftlichen Situation in seinem Lande, sondern ernährt seit drei Jahren sich selbst und seine fünfköpfige Familie.
 Ich war von dieser Geschichte sehr angetan und mir war so, als ich das nächste Mal wieder ein Konzert in Dresden verfolgte, als würde mir die Musik diese Geschichte noch einmal erzählen. Dieses Orchester spielt so leidenschaftlich, weil es in der Musik seine Gefühle ausdrückt. Und dann ist es nur verständlich, warum gerade ein venezolanisches Orchester Tschaikowskys letzten Satz dreimal so schnell spielen kann wie ein europäisches Profiorchester.
 

Die Junge Philharmonie Venezuela in den Medien
 Sir Simon Rattle, der Stardirigent der Berliner Philharmonie, forderte in Berlin gemeinsam mit dem Publikum die vierte Zugabe und konnte seinen Ohren kaum trauen, die da Werke mit eindrucksvollen Interpretationen und hoher Perfektion hörten. Wie "Die Zeit" im Februar 2003 berichtete, ist bereits ein Schützling Venezuelas als jüngster Musiker der Berliner Philharmonie unter der Regie von Sir Simon Rattle Kontrabassist - und auch sein Weg startete bei Dr. Abreu. Die Junge Philharmonie konnte viele Freunde gewinnen, und so lag die Schirmherrschaft dieser Tournee bei Christine Bergman vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Patenschaft für das Orchester übernahm die Berliner Philharmonie, eine Kooperation mit dem Studentenorchester in Münster wurde in die Wege geleitet und einige ehemalige venezolanische Musiker sind nun Musikstudenten an deutschen Universitäten. Es folgen zahlreiche Einladungen nach Venezuela und Deutschland, die auch in Zukunft die beiden Länder bereichern werden.
 

Unter denise.bauer@t-online.de kannst du Denise eine Mail schreiben.

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