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Ein Auslandssemester an der University of Wales

Der Hafen von Bangor

Der Hafen von Bangor

Wieso Wales?
 Wie kommt jemand darauf, in der "hinterletzten" Ecke von Nord-Wales zu studieren? Wenn schon Großbritannien, dann doch bitte nach London oder Oxbridge. Aber Wales? Gibt's da nicht nur Schafe? Weit gefehlt! Meine Wahl auf die Universität in Bangor fiel nur zu einem gewissen Teil wegen der existierenden Kooperation mit meiner Heimatuniversität Tübingen. Bangor gehört nämlich nicht zu den Hochschulen im UK, mit denen ein SOCRATES/ERASMUS Programm vorgesehen ist - dafür ein älteres Austauschabkommen, das aber außer dem Wegfall der Studiengebühren keine weitere Förderung einschließt. Grund für meine Entscheidung war vielmehr die mir berichtete hohe Betreuungsqualität und das hervorragende Abschneiden der kleinen Uni in britischen Rankings im Fach Chemie, wo sie mehrfach unter die besten zehn kam. Außerdem gestaltete sich schon die Antwort auf meine erste Anfrage per E-mail als so freundlich, unkompliziert und hilfsbereit, dass ich von Anfang an ein gutes Gefühl dabei hatte.
 

Bangor, Gwynedd
 Bangor selbst musste ich dann erst einmal auf der Landkarte suchen. Zu finden ist es in der nordwestlichen Ecke von Wales, die manche vielleicht wegen des Fährhafens Holyhead (nach Irland, 20min von Bangor) kennen. Verkehrstechnisch ist Bangor für seine Lage gut zu erreichen, mehrmals täglich gehen Züge nach Manchester und Birmingham. Die Stadt Bangor hat den offiziellen Status einer "city" wegen seiner Kathedrale, deren älteste Fundamente aus dem 12. Jahrhundert stammen. Das Verhältnis von ca. 7.000 Studenten auf 12.000 Einwohner macht klar, dass es sich um eine sehr studentisch geprägte Stadt handelt! Dementsprechend hoch ist die Dichte an Pubs in der historischen Altstadt, und in der Einkaufsstraße hat man den Eindruck, in einer größeren Stadt zu sein. Das liegt auch daran, dass Bangor im County Gwynedd die einzige größere Stadt ist und daher entsprechende Anziehungskraft besitzt.
 

Nord-Wales und Snowdonia
 Den allergrößten Vorteil bietet der Studienort Bangor jedoch mit seiner spektakulären landschaftlichen Lage: Er grenzt direkt an den Nationalpark Snowdonia und liegt am Meer (an der Menai-Strait zwischen Irischer See und dem St. Georges Channel). Dadurch bietet sich eine Landschaft, die auf kleinem Raum so abwechslungsreich ist, wie ich es sonst noch kaum wo gesehen habe: von den schroffen, felsigen Abhängen des Sonwodons, zu der Kreide-Steilküste auf der benachbarten Insel Angelsey, den Wäldern und Wasserfällen in Bettws-y-Coed... Ideal für alle Naturliebhaber.
 Dazu kommt noch der kulturelle Reichtum der walisischen Geschichte und Sprache, die durch die offizielle Zweisprachigkeit allgegenwärtig ist. So findet man alle Straßenschilder zweisprachig, und auch Aushänge an der Universität müssen in Englisch und Walisisch erfolgen. Dafür gibt es allerdings auch einen angestellten Übersetzer, der einem Plakate oder Ähnliches kostenlos übersetzt. Als Neuankömmling ist einem die Sprache sehr fremd, vor allem die vielen Doppelkonsonanten scheinen die Wörter unaussprechbar zu machen. Das Lesen und Aussprechen ist aber relativ einfach, da Walisisch eine phonetische Sprache ist und Buchstabenkombinationen immer gleich gesprochen werden. Auf diese Weise lernt man im Alltag wenigstens ein paar Wörter, und Unvermeidliches wie "Diolch" (Danke), oder "Bore da" (Guten Tag). Als Deutscher ist man dabei sogar im Vorteil - beherrscht man doch das "ch"! Wer sich für die walisische Kultur interessiert und aufgeschlossen ist, hat keine Probleme mit den als eigensinnig geltenden Walisern. Es ist eigentlich ganz einfach; zum Beispiel wenn man darauf achtet, nicht zu sagen, "Hier in England...".
 

University of Wales
 Das Besondere an der University of Wales ist ihre föderale Struktur: Die Universität wird von Bangor zusammen mit Cardiff, Swansea, Aberystwyth und kleineren angegliederten Einrichtungen gebildet. Dabei ist jede Uni für sich relativ selbstständig, aber Bibliotheks- und Verwaltungsressourcen werden gemeinsam genutzt und Dozenten nach Bedarf zugewiesen.
 

Unterbringung und Studium
 Gleich zu meiner Ankunft Anfang März wurde ich von einer Doktorandin aus der organischen Chemie am Bahnhof abgeholt und zu meiner Unterkunft gebracht. Ich hatte ein Zimmer mit eigenem kleinen Bad auf der sogenannten "Ffriddoedd Site", einem Wohnheim-Campus zehn Gehminuten von der Uni entfernt. Den ersten Tag verbrachte ich nach einer Führung durch das Department of Chemistry mit meinem "supervisor", der mein Forschungsprojekt betreute. Die nächsten Tage bestanden im wesentlichen aus den notwendigen Formalien, wie der Registrierung an der Uni, Studenten- und Bibliotheksausweis und Computerzugang. Das Kennenlernen der anderen Chemiker ging sehr rasch, vor allem dank der täglichen Tee-Pausen jeden Vor- und Nachmittag, bei denen sich das ganze Department inklusive der Dozenten zusammenfindet. Nicht selten ergaben sich dabei im Gespräch auch über die engeren Grenzen des Spezialgebiets hinaus wertvolle Ideen für die eigene Arbeit. Mein Projekt hatte die Entwicklung einer neuen Synthesestrategie für Pantocin B zum Inhalt, einer Verbindung, die aus natürlichen Pflanzenbakterien isoliert wurde und interessante antibiotische Eigenschaften hat. Die Idee ist, das Molekül so abzuwandeln, dass es unter Umständen ein aussichtsreicher Kandidat für die Entwicklung neuer Antibiotika sein könnte. Ich konnte ziemlich selbstständig an meinem Projekt arbeiten, in Besprechungen wurden mehrmals in der Woche Probleme und Fortschritte diskutiert und das weitere Vorgehen besprochen. Dieses Arbeiten entsprach viel mehr dem Anfertigen einer Diplom- oder Doktorarbeit in Deutschland. Gleichaltrige britische Chemiestudenten waren in der Regel auch bereits bei ihrer Promotion, bedingt durch die kürzere Schul- und Studiendauer in Großbritannien.
 Bei wöchentlichen "group-meetings" wurde problemorientiert an konkreten Beispielen gearbeitet, was ich für eine besondere Stärke der dortigen Chemie-Ausbildung halte. Auf Seminaren und Konferenzen hatte ich die Möglichkeit Vorträge und Präsentationen zu halten, was in dort einen hohen Stellenwert in der Ausbildung hat. Das Vortragen in der Fremdsprache hat gut funktioniert und war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich.
 

Alltags-Aspekte
 Was einem in Großbritannien sicher zuerst auffällt ist, dass alles ziemlich teuer ist. Allerdings ist es in Bangor, das eher in einer strukturschwachen Region liegt, nicht so extrem wie zum Beispiel in London. Dafür sind manche Dinge günstiger - so kann man Prepaid-Karten für das Handy erwerben, mit denen man Gespräche innerhalb Europas zu Preisen führen kann, die niedriger sind, als hier in Deutschland vom Handy zum Festnetz. Für Geldangelegenheiten kann man entweder ein Konto eröffnen, oder wie ich über meine EC-Karte Geld von meinem deutschen Konto abheben. Das war deswegen das Geschickteste, weil die Deutsche Bank ein Abkommen mit der Barclays Bank in Großbritannien hat, und man dort gebührenfrei am Automaten abhebt. Da spart man sehr viel im Vergleich zu Auslandsüberweisungen, denn als Student ist die Kontoführung ebenso kostenlos.
 

Mein Fazit
 Auch außerhalb der fachlichen Seite war der Auslandsaufenthalt eine wunderschöne und wertvolle Erfahrung für mich. Ich hatte das Glück, mit walisischen Kommilitonen viele Ausflüge in der Umgebung unternehmen und so viel vom Land kennenlernen zu können. Aber auch die Internationalität am Chemiedepartment mit 30% Studenten aus allen Teilen Europas und der Welt bot viele Begegnungsmöglichkeiten. Dadurch, dass ich vor meinem Aufenthalt Fragen der Anrechnung für mein Studium klären konnte, verlängert sich meine Studienzeit nicht. Für mich war der Aufenthalt in fachlicher und menschlicher Hinsicht ein großer Erfolg, und ich denke wehmütig an die schöne Zeit zurück.
 Wer sich überlegt, ein Auslandssemester zu machen, sollte sich also meiner Meinung nach nicht unbedingt nur über die großen Universitäten und Großstädte informieren, sondern vielmehr darauf achten, wo eine gute Betreuung ermöglicht wird. Gerade die Tatsache, dass man sich in einer kleineren Stadt wie Bangor innerhalb kurzer Zeit auskennt, trägt auch dazu bei, dass man sich schnell zu Hause fühlt und mit britischen Studenten in Kontakt kommt.
 Zu einem Auslandsaufenthalt kann ich – wie viele andere auch - nur raten und stehe gerne für irgendwelche Fragen zur Verfügung.
 

 

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