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Assessment Center? Gar nicht so schlimm!

Assessment Center für Naturwissenschaftler
 Gegen Ende der Promotion war ich mir sicher: Ich möchte für ein großes Gesundheitsunternehmen arbeiten, aber ich werde mich niemals für eine Stelle bewerben, bei der ich mich durch ein Assessment Center quälen muss. Es kursierten Horrorgeschichten über Psychospielchen, Stressinterviews und gegenseitiges "Heruntermachen" der Kandidaten. Wieso sollte ich mir also so etwas antun? Für Jobs im Vertrieb oder in Unternehmensberatungen mag ein solches Auswahlverfahren Sinn ergeben, aber muss ein Naturwissenschaftler sich in Rollenspielen verkaufen können? Warum genügt das klassische Bewerbungsgespräch nicht mehr? Welche Vorteile hat ein so zeit- und kostenintensives Auswahlverfahren für den Arbeitgeber?
 

Management Start Up Programm Postdoc (Scientist) bei Roche
 Lange vor Abschluss meiner Dissertation wurde ich auf das MSU-Scientist-Programm der Firma Roche Diagnostics aufmerksam. Hier handelt es sich um ein Trainee-Programm für promovierte Naturwissenschaftler. In meinen Augen die perfekte Mischung aus biotechnologischem Forschungsprojekt und Ausbildung in Richtung Management und Personalführung. Ich bewarb mich um zwei Stellen innerhalb des Programms. Kurz und gut, ich kam nicht darum herum. Aus Stellenanzeigen wird schließlich nicht ersichtlich, ob für die Auswahl ein Assessment Center eingesetzt wird. Außerdem wollte ich diesen Job unbedingt – also Augen zu und durch! Grundsätzlich sind Assessment Center in den meisten Firmen ähnlich aufgebaut: Vier bis acht Kandidaten bearbeiten über ein bis zwei Tage verschiedenste Aufgaben. Präsentiert wird sowohl einzeln als auch in der Gruppe. Dabei wird jedes Wort und jede Handlung von rund fünf bis zwölf Beobachtern dokumentiert und kommentiert, was im Idealfall zu einem sehr ausführlichen Feedback führt. Die Assessment Center bei Roche Diagnostics waren super organisiert und die Beobachter schafften es, dass wir Kandidaten uns trotz der Anspannung wohl fühlten.
 

1. Tag: Ruhe vor dem Sturm – die Firmenpräsentation
 Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wurden das Unternehmen, die Firmengeschichte und die einzelnen Unternehmensbereiche präsentiert. Eine letzte Galgenfrist für die Kandidaten, die in Gedanken schon beim großen Horror (dem Rollenspiel) waren. Es folgte eine ausführliche Stellenbeschreibung, mit der Möglichkeit schon die ersten Fragen loszuwerden. Andere Firmen legen diesen Part an das Ende des Assessment Centers. Für die Kandidaten ist es eine sehr seltsame Situation: Man "kämpft" für eine Stelle, von der man nicht einmal weiß, wie sie aussieht.
 

Der angenehmste Teil - die Einzelgespräche
 Zu dieser Zeit bewegte ich mich noch auf sicherem Boden. Der Personalreferent fragte, ich antwortete. Es war zwar die ein oder andere schwierige und überraschende Frage dabei, aber durch nette Feedbacks und eine tolle Atmosphäre gingen diese 60 Minuten sehr schnell vorbei. Das Fachgespräch war schon anstrengender. Spätestens hier bereut man es sehr, Kenntnisse angegeben zu haben, die man gar nicht besitzt. Idealerweise sollte man sich vorher überlegt haben, warum man sich für genau diesen Studiengang entschieden oder das ein oder andere Praktikum gemacht hat. Mit einer Fülle von Fragen wurde mein Lebenslauf (Dissertation, Praktika, Studium) detailliert beleuchtet.
 

Auf sicherem Boden – der Fachvortrag
 Da ich während der Promotion schon zahlreiche Vorträge gehalten hatte, hielt sich hier die Nervosität in Grenzen. Jeder Kandidat präsentierte einen kurzen Abriss seiner Doktorarbeit und wurde im Anschluss mit Fragen bombardiert. Stressig waren Fragen während des Vortrages: Der Redefluss war unterbrochen und ich musste schleunigst versuchen den roten Faden wieder zu finden. Aber auch das gehörte wohl zum Szenario! Dennoch war es auch interessant den Vorträgen und den Kritikpunkten der Anderen zu lauschen.
 

Angespannte Entspannung – das Abendessen
 Am Abend des ersten Tages wurden wir nach einer kurzen Pause im Hotel zum Abendessen abgeholt. Komplett erschlagen vom ersten Tag hatte sich wahrscheinlich jeder Teilnehmer nur noch nach seinem Bett gesehnt. Doch nach einer kurzen Anlaufzeit wurde es zu einem sehr netten, entspannten Abend. In meinen Augen ist so ein Event sehr wichtig, da wir auf diese Weise selbst einen ersten Eindruck von unseren vielleicht künftigen Kollegen bekamen. Die Stimmung war deutlich lockerer als während der Präsentationsrunden.
 

2. Tag: Sich teamfähig und konstruktiv durchsetzen – die Gruppendiskussion
 Auch das ist ein gängiger Teil des Assessment Centers. Jeder bearbeitete für sich die gleiche Fachaufgabe. Anschließend sollten wir innerhalb der Gruppe zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen und dieses den Beobachtern präsentieren. Eine Herausforderung, bei der es immer darauf ankommt, die eigene Meinung durchzusetzen und gleichzeitig kooperativ auf die Vorschläge der anderen Kandidaten einzugehen.
 

Der "große Horror" – das Rollenspiel
 Vor diesem Teil hatte es mir persönlich (genau wie den anderen Kandidaten) am meisten gegraut! Warum um alles in der Welt bekomme ich nur einen Job, wenn ich in einem künstlich geschaffenen Rollenspiel überzeuge? Ich habe mich für einen Job in der Krebsforschung beworben und nicht als Schauspieler für einen Hollywood Streifen. Na ja, so schlimm wurde es nicht. In einem Mitarbeitergespräch sollten wir als Vorgesetzter einen Katastrophenangestellten motivieren. Egal auf welche Weise man das Problem anging, er zeigte weder Einsicht noch reagierte er auf gut gemeinte Vorschläge. Hier hatte die Firma wohl einen echten Schauspieler ins Rennen gebracht. Ich war erleichtert, als die 15 Minuten vorbei waren.
 

Zwei Tage Ausnahmezustand – warten auf das Feedback
 Ein Assessment Center ist eine künstliche Situation. Es ist ein Ausnahmezustand. Es ist so anstrengend, dass ich am zweiten Tag zu erledigt war, um noch überlegt zu handeln. Einer der Beobachter scherzte: "Wir entziehen euch solange Glucose bis das Gehirn nicht mehr arbeiten kann. Wer dann die Aufgaben nur mit Hilfe des Rückenmarks lösen kann bekommt den Job." Das ist natürlich übertrieben, aber verstellen oder sich besser verkaufen, kann man sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ein Mitbewerber stellte bezeichnenderweise fest: "Wenn Sie mir jetzt einen rosa Ballettanzug bringen und mir sagen, dass ich einbeinig auf dem Tisch tanzen soll, dann mache ich selbst das." Das beschreibt so ungefähr das Gefühl, das auch ich hatte, während ich auf mein Feedback und das Ende des Assessment Centers wartete.
 

Wie schrecklich war es wirklich? – Fazit
 So schlimm wie ich dachte, war es gar nicht!. Ja, es war anstrengend, aber durch die nette Stimmung der Beobachter und den Zusammenhalt der Kandidaten fühlte ich mich doch sehr wohl in meiner Haut. Das Unternehmen prüft den Kandidaten aufs Genaueste, aber ich wurde nicht "gequält". Zusätzlich hatten wir die Möglichkeit schon vorab die anderen Mitarbeiter (die nicht als Beobachter fungierten) kennen zu lernen. Obwohl das Assessment Center sicher nicht den Arbeitsalltag widerspiegelt, bekam ich auf diese Weise einen sehr guten ersten Eindruck über das Arbeitsklima innerhalb der Abteilung. Es ist ja nicht nur so, dass die Firma nicht die Katze im Sack kaufen will. Auch ich möchte wissen, worauf ich mich einlasse. Das ausführliche Feedback gab mir zum ersten Mal ein Gefühl davon, wie ich in bestimmten Situationen auf andere wirke. Interessant! Da ich mit einem sehr positiven Ergebnis nach Hause fuhr, konnte ich am nächsten Tag ein wenig entspannter (dafür umso müder) ins nächste Assessment Center starten. Besuche im Assessment Center werden zwar nicht mein neues Hobby, aber die Anstrengung hat sich gelohnt: Am Ende konnte ich mich zwischen vier Jobs entscheiden. Ich habe die Gewissheit, dass ich die erste Hürde des neuen Arbeitslebens genommen habe und freue mich schon sehr auf den ersten Arbeitstag.

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