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Abstimmung bei der hamMUN-Konferenz

Abstimmung bei der hamMUN-Konferenz

"Vielen Dank, dass Sie diese Frage stellen", sagt Bundesaußenminister Fischer im Untersuchungsausschuss. Unwillkürlich muss ich lachen. Weil mir dieser Satz so bekannt vorkommt. Weil ich ihn inzwischen selber schon hundertmal benutzt habe. Weil er zur diplomatischen Grundausstattung gehört. Das gilt offenbar gleichermaßen für alle Ebenen – vom parlamentarischen Untersuchungsausschuss bis hin zur Hamburg Model United Nations Konferenz, die alljährlich im November in Hamburg stattfindet. Viermal habe ich nun schon teilgenommen; die fünfte Runde beginnt im November.

Das Netzwerk wird immer dichtmaschiger

Model United Nations oder kurz MUN, das ist inzwischen ein Netzwerk aus Vereinen und Unis, das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit immer dichtmaschiger wird. Es ist Politik und Sprachtraining, Rollenspiel und Debattierclub, Rhetorikschule und Networking auf einmal. Und vor allem ist es gleichzeitig Spaß und Ernst. Auf Model United Nations Konferenzen simulieren Studenten aller Fachrichtungen die Gremien der Vereinten Nationen.

Ein Münchner vertritt Ägypten

Zur Hamburg MUN sind knapp 200 Studenten angereist und jeder wird die Interessen "seines Landes" im jeweiligen Komitee vertreten. "My country", das ist im Rahmen einer MUN ein sehr flexibler Begriff. Da kommen Münchner, die sich die Interessen von Ägypten auf die Fahnen geschrieben haben. Ein Freiburger wirft im Namen der pakistanischen Regierung der Frankfurterin, die Indien vertritt, einen finsteren Blick zu. Und die Delegierten der USA und Großbritanniens, eigentlich aus Marburg und Berlin, haben bereits Freundschaft geschlossen.

To be "in character"

Sobald die "badges", die jeden Delegierten und sein Land kenntlich machen, an Jacken und Blusen heften, sind wir schon mitten im großen MUN-Theater oder wie man hier sagt: "in character". Das wird vier Tage so bleiben. Vier Tage, in denen man "western business dress" trägt, auf Englisch miteinander spricht und kaum jemals Namen nennt. Man spricht sich mit Ländernamen an: "Bulgaria – would you please join me?" Bulgarien – kommst du mit? Eine Zeit, in der man lernt, sich mit erlesener Höflichkeit die schlimmsten Dinge an den Kopf zu werfen. Verstöße gegen den "diplomatic conduct", den diplomatisch-höflichen Umgang miteinander, ahndet das Conference Management.

Thema: Aufrüstung im Weltall

Nach einer Eröffnungsveranstaltung geht die wirkliche Arbeit los. Wir alle verteilen uns auf die Komitees. Die Generalversammlung ist mit fast 100 Abgeordneten das größte Komitee. Auf der Agenda stehen die Afghanistanfrage und das sperrige Thema: "Arms race in outer space" – Aufrüstung im Weltraum. Die Themen stehen natürlich Monate vorher fest, so dass jeder Abgeordnete genug Möglichkeit hat, die Position seines Landes gründlich vorzubereiten: Trotzdem bin ich erleichtert, dass Afghanistan nach Abstimmung erster Tagesordnungspunkt wird. Beim Aufrüstungsthema hätte ich improvisieren müssen.

Langwierige Entscheidungsabläufe

Der Vorsitzende des Komitees stellt nun die Frage, die die nächsten Stunden bestimmt: "Who wants to be set on the speaker's list?" – Wer möchte auf die Rednerliste? Überall um mich herum reißen Abgeordnete ihre Placards in die Höhe und senken sie wieder, sobald sie auf der Liste sind. Es wird eine lange Liste. Deswegen folgt notwendigerweise ein Antrag auf Begrenzung der Redezeit auf drei Minuten. Ein weiterer: Begrenzung auf 90 Sekunden. Und noch einer: zwei Minuten Sprechzeit bitte. Über jeden Antrag wird diskutiert und abgestimmt. Denn hier läuft alles nach den Originalregeln. Ein Vorgeschmack nicht nur auf die UNO selbst, sondern auch auf ihre mitunter langwierigen Entscheidungsabläufe.

Wie rechtfertigen Sie die bisherige Politik ihres Landes?

Am Ende der vier Tage werden Resolutionen zu beiden Themen verabschiedet werden. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Es wird lange verhandelt und geredet, das Plenum nimmt die Redner in die Mangel: Was genau gedenken Sie zu unternehmen, Herr Abgeordneter? Wie rechtfertigen Sie die bisherige Politik ihres Landes, Frau Delegierte? Mitunter ist man auch gezwungen, eine Politik zu rechtfertigen, die man nicht gutheißt. Das Schicksal der Diplomaten. Eine Phrase wie "Thank you very much for this question" ist da Gold wert. Niemals in Panik geraten. Und niemals "out of character". Zeit gewinnen. Um heikle Fragen herumlavieren.

Auch UNO-Botschafter brauchen Entspannung

Die Lage entspannt sich abends, wenn die rituellen Feindlichkeiten eingestellt werden. Bei "social events" kann ich sehen, wie Cuba und die USA miteinander Cocktails schlürfen, während Israel und Palästina schon auf der Tanzfläche verschwunden sind. Unabhängig von politischen Streitigkeiten und Allianzen werden Freundschaften geschlossen. Sonntags, wenn Verhandlungen und Abstimmungen abgeschlossen sind, werden aus Abgeordneten wieder Studenten, die übernächtigt in ihre Heimatstädte fahren. Im Gepäck jede Menge neuer Bekannter, Freunde, Erlebnisse und Erkenntnisse. Und nicht selten hört man zum Abschied die Formel: Wir sehen uns in New York! Da findet die nächste MUN-Konferenz statt.

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