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Ein Jahr Perth

Perth Skyline (Quelle: freeimages, Mercs)

Quelle: freeimages, Mercs

Wieder im (k)alten Deutschland

Nun ist es Mitte Januar. Vor zwei Wochen bin ich aus dem australischen Sommer in den trüben deutschen Winter zurückgekehrt. Auf dem Frankfurter Flughafen wurde ich gleich mit Schnee empfangen. Als ich den deutschen Frostboden betrat, kam mir in den Sinn, wie viele Australier noch nie Schnee in ihrem Leben gesehen haben. Für uns ein völlig fremder Gedanke. Zu Hause hat sich nicht viel verändert. Schon nach zwei Tagen kam es mir so vor, als hätte ich Deutschland nie verlassen. Und doch liegen elf Monate Australien dazwischen.
 

Meine Ankunft in Perth

Ich denke an meine Ankunft in Perth im Februar 2001 zurück. Wir verließen Deutschland im tiefen Winter und kamen mitten in die australische Sommerhitze. Es war ein heißer Sommertag mit strahlend blauem Himmel. Wir warteten auf der falschen Straßenseite auf den Bus (das passiert nur einmal) und verstanden kaum, was der Busfahrer uns mit seinem Aussie-Slang über Perth erzählte. Das ist nun knapp ein Jahr her. Dazwischen liegt ein Jahr, das mich um viele wertvolle Erfahrungen bereichert hat. Ein Jahr, an das ich mein Leben lang mit Freude zurückdenken werde.
 

Wohnen

Ich habe von Anfang an in einem College (Kingswood), gleich bei der University of Western Australia (UWA), gewohnt. Deshalb war es überhaupt kein Problem, Leute kennen zu lernen. Den meisten ging es genauso wie mir: Sie kamen gerade frisch in Perth an und kannten niemanden. Im Speisesaal konnte ich schnell Kontakte knüpfen. Anfangs hatte ich natürlich Probleme, die verschiedenen Slangs zu verstehen und mit dem Sprechen lief es auch nicht so flüssig. Das hat sich aber alles im Laufe der Zeit gelegt. Nach dem ersten Semester hatte ich endlich das Gefühl, fit in Englisch zu sein. Ich hatte geplant, nach einem Semester aus dem College auszuziehen, weil man sich nach einer Zeit doch ein bisschen mehr Freiheit wünscht, nicht an die Essenszeiten und College-Regeln gebunden sein will und ich außerdem altersmäßig (mit damals 22 Jahren) eher zu den Senioren zählte. Nach ein paar Monaten warf ich diesen Plan allerdings über Bord und blieb doch. Ich hatte mich bereits mit einigen Leuten befreundet und mich an mein Zimmer gewöhnt. Insgesamt waren im College nur wenige Australier. In meinem Block wohnten hauptsächlich Asiaten und Amerikaner. Es fand sich schnell eine nette Gruppe und wir unternahmen das Jahr über viel zusammen – vom Barbecue übers Essengehen, Badminton Spielen, Einkaufen, Geburtstagsparties bis hin zu Diskoabenden und Strandausflügen war alles drin. Ich war sehr gerührt, als mir meine Leute so nette Sachen zum Abschied schrieben. Im Nachhinein bereue ich keinesfalls, im College geblieben zu sein. Allerdings kann man außerhalb des Campus um einiges billiger wohnen. Außerdem ist es sicherlich auch nicht jedermanns Sache, in einer relativ organisierten Umgebung zu wohnen.
 

Die Stadt Perth

Ich bin wirklich überaus froh, in der isoliertesten Großstadt der Welt gelandet zu sein. Das Leben in Perth ist sehr entspannt. Obwohl Perth ca. 1,3 Mio. Einwohner hat, ist alles sehr übersichtlich und man findet sich schnell zurecht. An der Aussage, dass Perth eine Großstadt mit Dorfcharakter ist, ist sicherlich was dran. Die Innenstadt kann man in zehn Minuten durchqueren. Die Shoppingmöglichkeiten in Perth sind unbegrenzt. Neben der Innenstadt gibt es in jedem Vorort ein Shopping Centre im amerikanischen Stil. Mit Bus und Zug gelangt man an nahezu jeden Fleck in Perth – allerdings sind die Busse nicht immer unbedingt pünktlich und fahren vor allem am Sonntag nicht häufig. Das Klima in Perth ist sehr angenehm. Im Sommer kann es allerdings ab und zu richtig heiß werden. Im März kletterte das Thermometer an einem Wochenende bis über 40 Grad. Das ist aber die Ausnahme. Der Winter ist im Vergleich zu Deutschland überaus mild und ebenfalls sehr sonnig. Ein Heizgerät aber ist unentbehrlich, zumal es in den Häusern normalerweise keine Zentralheizungen gibt.
 

Das Freizeitangebot in Perth

Da die Australier ein wirklich sportbegeistertes Volk sind, gibt es an der UWA unzählige Sportangebote. Ich trat in den Badmintonclub der UWA ein und wurde während meines Australienaufenthalts zu einer fast fanatischen Badmintonspielerin. Außerdem fing ich mit Squash an, was ich ebenfalls mit großer Begeisterung verfolgte. Fürs Joggen bietet sich die Umgebung der UWA auch an. Am Swan River entlang gibt es ausgezeichnete Wege.
 In Northbridge (fängt hinterm Bahnhof an) ist am Wochenende immer was los. Dort gibt es unzählige Restaurants, Diskos, Bars und Clubs. Wenn man dort nicht zu oft hingeht, ist es wirklich lustig. Der historische Hafenort Fremantle ('Freo') bietet eine echte Alternative, und ist vor allem Sonntag nachmittags einen Besuch wert.
 

Die University of Western Australia

Der UWA Campus ist ein riesiger Park mit unzähligen Bäumen und zwitschernden Vögeln. Die Atmosphäre auf dem Campus ist sehr angenehm. Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten findet man sich schnell zurecht. Man sollte unbedingt an der Orientierungswoche für ausländische Studenten teilnehmen. Zu unserer Überraschung kommen ungefähr 90% der ausländischen Studenten aus den USA oder aus Kanada. Daneben gibt es allerdings auch ein paar Deutsche und Skandinavier. Während der Orientierungswoche erhält man viele nützliche Informationen über das Unileben und die Fakultäten. Wir wurden in Kleingruppen über den Campus geführt, hörten Vorträge über Krankenversicherung, Bankkonto, Gebrauchtwagenkauf und die Sportclubs der UWA. Außerdem gab es ein Barbecue und Tagesausflüge für die ausländischen Studenten.
 

Meine Kurse

Insgesamt belegte ich drei Kurse, die über das ganze Jahr liefen – Contract Law, Criminal Law und Torts. Alle Kurse wurden in kleinen Gruppen von 20 – 30 Studenten unterrichtet, die Dozenten wurden mit Vornamen angeredet. Die Atmosphäre ist viel persönlicher als in den Vorlesungen in Passau. Außerdem dauern die Vorlesungen nur 45 Minuten. Die Dozenten sind sehr hilfsbereit und jederzeit für Fragen offen. Ungewohnt ist, dass in den Kursen einige "mature age students" (ab 30 aufwärts, wobei das Alter nach oben unbegrenzt ist) sitzen.
 Mit der Wahl meiner Kurse war ich soweit zufrieden. Contract law fiel mir am leichtesten, weil die Prinzipien doch sehr ähnlich sind wie im deutschen Recht und ich durch die FFP II Prüfungen in Passau auch schon einen Eindruck bekommen hatte.
 Torts bedeutete mehr Arbeit. Criminal Law fand ich am interessantesten und kann diesen Kurs jedem, der Spaß am Strafrecht hat, weiterempfehlen. Auch wenn ich nicht wirklich bereue, mich für Torts entschieden zu haben, gibt es weniger arbeitsaufwändige Kurse wie Legal Process (ein Kurs über das australische Rechtssystem), die eine echte Alternative darstellen.
 

Andere Länder - andere Sitten: Hausarbeiten (assignments)

Wir mussten in jedem Semester eine Hausarbeit (1.500 bis 2.500 Wörter) schreiben, die im Vergleich zu den Hausarbeiten für Contract und Criminal Law weniger arbeitsaufwändig war. Grund: Die Hausarbeiten basierten auf schon behandelten Fällen und verlangten keine zusätzliche Literatursuche in der Bib.
 Anfangs kamen wir uns ziemlich verloren vor. Das fair play hier lief anders ab als in Passau. Jeder tüftelt sein eigenes Ding aus, Zusammenarbeit ist nicht angesagt. Es schien auch nicht üblich zu sein, Literaturlisten auszutauschen. Auf der anderen Seite passierte es aber nicht, dass Seiten aus Büchern herausgerissen waren oder dass Bücher versteckt wurden.
 

Gleiches Recht für alle: Prüfungen (exams)

Die Prüfungen an der UWA sind gut zu schaffen und es ist kein Problem, mit den australischen Studenten mitzuhalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist zu bestehen als in Passau. In der Woche unmittelbar vor den exams finden keine Vorlesungen statt (study break), so dass man Zeit für die Vorbereitung hat.
 In Jura waren alle Prüfungen "open book exams", das heißt man konnte beliebig viel Material in die Prüfungen mitbringen. Das führte dazu, dass wir uns alle wichtigen Fälle übersichtlich vor den Prüfungen zusammenfassten. Unsere Zusammenfassungen kosteten uns mächtig Zeit. Im Nachhinein merkten wir, dass wir gar nicht so ausführliche Unterlagen gebraucht hätten. Das einzige Problem in den Prüfungen war die Zeit. Aber das kannten wir ja alle von Jura in Deutschland. Wir wurden bei der Benotung in keiner Weise gegenüber den australischen Studenten bevorzugt und bekamen in den Prüfungen auch nicht mehr Zeit.
 

Die australische Freundlichkeit

Wo auch immer wir hinkamen, überall wurden wir mit offenen Armen empfangen. Aufgrund unseres Akzents fielen wir natürlich auf und wurden gleich nach unserer Nationalität gefragt. Den meisten Australiern sind zumindest das Oktoberfest und das Hofbräuhaus ein Begriff. Viele Australier haben auch deutsche Vorfahren, so dass sich schnell ein small talk über das "lovely Germany" ergab.
 Geht man in Australien zum Einkaufen, wird man gleich mit einem freundlichen "G'day", oder "Hello, how are you?" begrüßt. Auch wenn mir diese Freundlichkeitsfloskel am Anfang etwas übertrieben vorkam und ich mir nicht im Ernst vorstellen konnte, dass es jeden interessiert, wie es mir geht, so hatte ich mich in den elf Monaten doch sehr daran gewöhnt und sogar Gefallen daran gefunden. In Deutschland hingegen schauten mich nur grimmige Gesichter in den Läden an, ein "Hallo" (von dem "Wie geht's" ganz zu schweigen) war nur schwer zu entlocken.
 

Herzlichkeit und Disziplin

Als ich meine restlichen Filme in Deutschland zum Entwickeln brachte, konnte ich auf die Frage "Auf welchen Namen" plötzlich nicht mehr "Isabel" antworten. Ich hatte mich so daran gewöhnt, dass in Australien jeder mit seinem Vornamen angeredet wird und auch alle Bestellungen auf den Vornamen laufen. Mir kam das plötzlich sehr logisch vor, denn der Vorname ist ja dafür da, benutzt zu werden.
 Auch das geduldige Anstehen ist nicht gerade angesagt in Deutschland. In Australien ist Drängeln tabu – jeder reiht sich ordentlich in die Schlangen ein. Da fällt man als Drängler natürlich gleich auf und erntet unverständliche Blicke. Dass ich mir die Fähigkeit des Drängelns in Australien schon fast abgewöhnt hatte, fiel mir beim Anstehen in der Uni auf. Kaum hatte ich zwei Worte mit einer Bekannten, die hinter mir stand, gewechselt und dabei vergessen, mich aufs Anstehen zu konzentrieren, schon wurde ich aus der Schlange verbannt und musste mich erneut anstellen. In solchen Situationen wird mir plötzlich bewusst, dass sich die Mentalität der Australier in manchen Dingen deutlich von der deutschen unterscheidet.
 

Reisen in Australien

Meinen Aufenthalt in Perth habe ich auch dazu genutzt, Australien näher kennen zu lernen. Perth liegt sehr ab vom Schuss, weshalb man ums Fliegen nicht drum herum kommt.
 

Westaustralien

Westaustralien, was ungefähr ein Drittel des ganzen Kontinents ausmacht und flächenmäßig sechsmal so groß ist wie Deutschland, hat gerade mal 2 Millionen Einwohner. Die meisten Touristen schaffen es nicht bis an die Westküste. Ein Grund mehr, die Gelegenheit zu nutzen und die Westküste kennen zu lernen.
 Ca. 20 km von Perth entfernt liegt Rottnest Island. Während meines Aufenthalts war ich dort mehrere Male. Man kann die Insel bequem mit dem Fahrrad abklappern (einziges Problem sind die furchtbar harten Sattel der Rottnest Fahrräder) und beliebig oft an den traumhaften Buchten dort anhalten und in den indischen Ozean hüpfen. Schnorcheln lohnt sich auch auf jeden Fall. Einzigartig auf Rottnest Island sind die Quokkas (eine Art Beutelratte mit einem breiten Hinterteil, einem etwas hässlichen Rattenschwanz, aber mit einem lieben Gesicht), die vor allem nach Sonnenuntergang in Massen anzutreffen sind.
 "Wave Rock" (ca. 350 km östlich von Perth; sieht wirklich aus wie eine riesige Welle) und die Pinnacles (ca. 270 km nördlich von Perth; ein riesiges Feld voller Kalksteinformationen in den unterschiedlichsten Formen) kann man ebenfalls in einem Tag erreichen.
 

Die Ostküste

Unsere erste Tour an die Ostküste führte uns nach Melbourne. Die Stadt kam uns viel europäischer vor als Perth mit ihren vielen Gebäuden im britischen Kolonialstil und den unzähligen Baustellen in der Innenstadt. Auch wenn es sich sicherlich lohnte, nach Melbourne zu fliegen, waren wir froh, im australischeren Perth gelandet zu sein, zumal der Winter in Perth wesentlich milder ist. Die Great Ocean Road (ca. 3 Stunden von Melbourne) beeindruckte uns allerdings sehr.
 

Schlusswort

Die elf Monate, die ich in Australien verbracht habe, gehören zu den schönsten und aufregendsten meines Lebens. Deshalb möchte ich mich aufrichtig bei allen bedanken, die es mir ermöglicht haben, meinen Traum Australien zu verwirklichen. Ich bin sehr froh, diese Chance bekommen zu haben und denke heute oft und gerne an meine Zeit in Australien zurück.
 

Unter isi-going@web.de kannst du Isabel eine Mail schreiben.

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