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Wundermittel – oder Wahnsinn?

Überwachung, Kameras, Datenschutz [Quelle: unsplash.com, Autor: Matthew Henry]

Quelle: unsplash.com, Matthew Henry

Mithilfe Künstlicher Intelligenz lassen sich Mitarbeiter am Arbeitsplatz genau vermessen. In den USA greift der Trend der People Analytics um sich. Auch in Deutschland ziehen erste Konzerne mit. Ein Pro und Contra.

Dominieren Sie Meetings und lassen andere kaum zu Wort kommen, oder beteiligen Sie sich selten in Gesprächsrunden? Ihre Stimme klang in der Diskussion mit der Marketingleitung außerdem neulich so schrill. Sie haben aber nicht vor zu kündigen, oder? Wundern Sie sich nicht: Ihr Chef will das womöglich bald von Ihnen wissen. Und neue Sensor-Systeme, die Mitarbeiter minutiös durchleuchten, könnten ihm künftig Antworten auf solche Fragen liefern. Ganz bequem per Mausklick.

People Analytics heißen die Mitarbeiteranalyse-Programme, hinter denen eine Künstliche Intelligenz (KI) steckt. Was hierzulande rechtlich umstritten ist, ist auf der anderen Seite des Atlantiks völlig legal. In den USA ist die Überwachungssoftware deshalb aktuell auf dem Vormarsch. Zu den Pionieren unter den US-Anbietern zählt Humanyze. Das Unternehmen hat einen Hausausweis mit je zwei Mikrofonen entwickelt, der in Echtzeit Stimmlage und Gemütszustand analysiert. Auch Bewegungsprofile lassen sich mit der Karte erstellen.

Weitere Programme zur Auswertung des Kalenders, zum Mitschneiden von Tastatur-Anschlägen sowie der Analyse des Mailverkehrs, könnten künftig ein minutiöses Bild davon zeichnen, was Mitarbeiter eigentlich den ganzen Tag machen und schaffen – und was nicht. Die Software von Veriato aus Florida kann sogar registrieren, wie sich der Tonfall in E-Mails ändert, sobald die Motivation nachlässt oder gerade jemand gegen Compliance-Richtlinien verstößt.

Kritiker schauen bei solchen Szenarien angsterfüllt nach China. Dort sorgt das derzeit in der Testphase befindliche Sozialkreditsystem für eine Rundumüberwachung des Einzelnen – privat wie beruflich. Zukunftsforscher wie Sven Gábor Jánszky glauben jedoch, dass die Analysemethoden in westlichen Kulturen eher dazu dienen werden, die persönliche Performance zu steigern: "Das passt zu unserer Kultur des Individualismus, in der es das höchste Ziel ist, sich selbst zu verwirklichen und das Individuelle auszuleben."

Tatsächlich hoffen Manager in Zeiten des Fachkräftemangels mit People Analytics bessere Entscheidungen zu treffen, etwa wenn es um das Einstellen neuer oder das Halten von Topleuten geht. Analysten schätzen, dass allein bis 2026 der weltweite Markt für solche Software jährlich um gut zehn Prozent wachsen wird – auf mehr als 2,1 Milliarden Euro. Als die Region mit dem größten Wachstumspotenzial gilt nach den USA Südostasien, gefolgt von Europa. Und so werden auch in Deutschland mehr und mehr Unternehmen in den nächsten Jahren über den Einsatz von People Analytics nachdenken. Bereits 2017 hielten in einer weltweiten Deloitte-Umfrage unter mehr als 10.000 Führungskräften 71 Prozent der Befragten das Thema für "wichtig" oder "sehr wichtig".

Datenschutz wird in Europa großgeschrieben. Und wenn es um personenbezogene Mitarbeiterdaten geht, ist das Thema in deutschen Unternehmen mitbestimmungspflichtig. Dennoch experimentieren – innerhalb des rechtlichen Rahmens – neben Großkonzernen wie Nestlé und Unilever, auch heute schon deutsche Unternehmen wie der Hannoveraner Versicherer Talanx mit der Technologie und setzen zum Beispiel Sprachanalysen im Recruiting ein, vorausgesetzt der Bewerber stimmt zu. "Die endgültige Entscheidung liegt noch immer beim Menschen", betonte Talanx-Vorstand Thomas Belker neulich im Handelsblatt.

Fragt sich nur, wie lange noch. Das Handelsblatt hat zwei Praktiker aus der Unternehmenswelt gebeten, Chancen und Risiken der Technologie abzuwägen. Für den Einsatz von People Analytics argumentiert Martin Daniel, Community Manager bei Peakon, einer Software zum Messen der Mitarbeiterzufriedenheit. Manuela Mackert, Compliance-Chefin der Telekom, hält dagegen: "Ethik sollte die Infrastruktur für KI sein."

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