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Kann ich auch im Homeoffice aufsteigen?

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Bis vor kurzem galten Meetings, Kongresse und Flurplausch als Karrierebeschleuniger Nummer eins. Corona hat das geändert: Fachleute sehen jetzt auch Chancen für die Karriere ohne Kaffeeküche.

Wer im Homeoffice sitzt, macht keine Karriere: Dies war vor 13 Jahren das Ergebnis einer vielzitierten weltweiten Umfrage der Personal- und Organisationsberatung Korn Ferry unter Führungskräften. Demnach hatten Telearbeiter schlechtere Karrierechancen als jene, die ständig im Unternehmen präsent waren. Das Netzportal Karriere.de warnte noch vor fünf Jahren: Flexible Arbeitszeitmodelle könnten "Karrierekiller" sein. Dabei wäre längst erwiesen, monierte das Portal, dass Heimarbeiter mitunter sogar mehr leisten als die Kollegen im Büro.

Und jetzt? Wie sieht es mit den Aufstiegschancen aus, wenn plötzlich alle daheim sitzen und die bis dato für alternativlos erklärte Präsenzkultur mit ihren reichhaltigen Mitteln zur Beziehungs- und Karrierepflege für alle entfällt? Ist Corona der große Gleich- und Schrittmacher, um Homeoffice-Karrieren in die Normalität zu befördern?

"Das Gute an den jetzigen Erfahrungen ist auf jeden Fall, dass das klassische Argument ,Das geht eben nicht' vielleicht in Zukunft etwas weniger funktionieren wird", prophezeit Tim Weitzel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bamberg. Es müsse dann aber auch Schluss sein mit der "gängigen Folklore" vom "Urlaubsverdacht" nach dem Motto "Homeoffice ist no office" und einer "Teamromantik" im Sinne von "Kreativität gelingt nur im Team mit direktem Kontakt". Um aus dieser "Vermutungsdiskussion" herauszukommen, seien Vertrauen und Transparenz nötig. Für den einzelnen Mitarbeiter sei es jetzt umso wichtiger, Teil des Teams zu bleiben: "Sichtbar sein, zuverlässig sein, unverzichtbar sein - eigentlich dieselben Eigenschaften, die auch im Büro empfohlen werden."

Für Professor Markus Promberger, Arbeitssoziologe am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit und an der Universität Erlangen, ist auch der konkrete Beruf entscheidend. Wer sich etwa als Wissenschaftler auf ein Minimum an universitären Verpflichtungen beschränke und zeitfressende Gremiensitzungen nebst Planungskommissionen auslasse, stattdessen aber im Homeoffice mehr publiziere und sein Netzwerk auf Kongressen pflege, der oder die sei schon vor Corona eher aufgestiegen. Ähnliches gelte für den Ingenieur: Gelinge diesem daheim im stillen Kämmerlein eine bahnbrechende Entwicklung, dann werde er von den Kollegen wegen seiner hohen Abwesenheit im Büro zwar "nicht gerade geschätzt, mag aber gleichwohl schneller aufsteigen".

Benachteiligt könnten ausgerechnet jene sein, denen man vor der Corona-Pandemie noch die größten Vorteile im Homeoffice zugeschrieben hatte: Eltern mit kleinen Kindern. Promberger warnt: "Mit Pech vertiefen sich Unterschiede zwischen Männern und Frauen etwas, doch dahinter steht eher der Unterschied zwischen Menschen mit und ohne kleinere Kinder - oder die Frage, wie es das Paar mit der Aufgabenverteilung hält." Corona bringe hier möglicherweise einige Differenzen zutage, die es vorher schon gab: "Mütter im Homeoffice kümmern sich womöglich in höherem Maße parallel um Kinder und Haushalt und haben weniger Zeit zur Netzwerkpflege oder schaffen einfach weniger. Es gibt erste Studien, etwa am Wissenschaftszentrum Berlin, die in diese Richtung deuten."

Karriere im Homeoffice

Und wer macht im Homeoffice, abgesehen von der Kinderfrage, nun besonders rasch Karriere? Wichtig seien "gutes Selbstmanagement, Eigeninitiative und Netzwerken innerhalb und außerhalb der Organisation", betont Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Leipzig. Im Heimbüro gebe es generell weniger Struktur und mehr persönlichen Handlungsspielraum als im Büro, so dass Persönlichkeitsunterschiede stärker zum Tragen kommen. "Wer von Natur aus diszipliniert, selbstmotiviert und kontaktfreudig ist, hat es da leichter." Auch glaubt Zacher, dass Menschen, die sich in Krisenzeiten im Homeoffice bewährt haben, auch zukünftig "gute Chancen haben werden, da die heutige Arbeitswelt immer mehr durch Komplexität, Veränderung und Unsicherheit gekennzeichnet ist".

Der Hamburger Personalberater Rufus Steinkrauss nennt als maßgebliche Kriterien "Leistung, gepaart mit der entsprechenden Persönlichkeit - wie vorher auch". Wichtig sei auch, "aktiv zu sein und auf sich aufmerksam zu machen". Beim Stichwort "Selbstvermarktung" reiche es nicht, nur eine Topleistung abzuliefern, man müsse sich auch "in Szene setzen". Sinnvoll wäre, dem Vorgesetzten mehrmals am Tag oder in der Woche eine Mail mit beruflichem Smalltalk zuzusenden, ihn per Video-Call anzurufen und mit ihm über den Fortschritt der eigenen Arbeit zu chatten. Allerdings warnt Steinkrauss vor Übertreibungen: "Es gab und gibt immer schon diejenigen, die ihre Leistungen an die zu große Glocke hängen. Am Ende war es dann doch nicht so großartig, was geleistet wurde."

Wichtig sei, den Chef gut zu kennen und zu wissen, "wie er tickt", welchen Führungsstil er verfolgt, betont Christina Häring. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Martina Ludwig führt sie die Münchner Personalberatung Häring und Ludwig im Jobsharing. Nach der Geburt ihrer Kinder haben beide ihr Arbeitsmodell von Voll- auf flexible Teilzeit umgestellt. "Wie für viele Eltern war auch für uns eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit die einzig realistische Möglichkeit, um den Anforderungen von Beruf und Familie dauerhaft gerecht zu werden. Wir wissen daher aus eigener Erfahrung, wie flexibles Arbeiten sein muss, damit beide Seiten - Mitarbeiter und Unternehmen - davon profitieren", sagt Häring. Leider würden aber immer noch nicht alle Chefs "modern" führen, sprich: allein aufs Ergebnis schauen. "Es gibt immer noch viele Chefs, auch jüngere, mit altem Führungsstil, die ihre Mitarbeiter kontrollieren wollen und sich freuen, wenn sie morgens die erste Mail kriegen."

Zu "Fingerspitzengefühl" und einem Stück weit "Selbstoffenbarung" rät Christoph Mât, Experte bei Korn Ferry. Zwar stehe "Leistungserbringung" nach wie vor an erster Stelle, aber seine Leistung auch zu verkaufen, sie zu zeigen, sei ebenso wichtig. Hier spiele die "Nähe der Beziehung" eine entscheidende Rolle. Sobald Mitarbeiter wenigstens tageweise ins Büro zurückkehren könnten, sollte man die Präsenzzeiten unbedingt für die Beziehungspflege nutzen, rät er. "Viele Meetings waren zwar zu lang, aber das Davor und das Danach sind unersetzbar."

Bei der Bosch-Gruppe gilt nach den Worten von Filiz Albrecht, Executive Vice President Human Resources, trotzdem die Devise: "Talent hängt nicht von Präsenz im Büro ab. Wer Talent hat, setzt es entsprechend frei. Egal ob im Büro, an einem anderen Arbeitsplatz oder in den eigenen vier Wänden. Und wer mit diesem Talent ausgezeichnete Ergebnisse liefert, der- oder demjenigen steht auch die Karriere offen - ohne Vorbehalte." Bei Bosch kann jeder Beschäftigte Arbeitsort und -zeit frei wählen, sofern es seine Tätigkeit zulässt.

Bisweilen gelinge es, "eine gewisse Nähe zu schaffen, indem man den Leuten plötzlich ins Wohnzimmer schaut", sagt Mât von Korn Ferry. Aufmerksamkeit und Empathie seien noch wichtiger geworden. Sein Fazit: Wer als Mitarbeiter die Zwischentöne des Chefs zu lesen versteht, steigt - auch im Homeoffice - eher auf als jemand, der das nicht beherrscht. Der Blick ins heimelige Wohnzimmer kann allerdings auch als Schuss nach hinten losgehen. So warnt Benjamin Thomsen, Geschäftsführer der Personalberatung Hapeko, vor zu viel Lässigkeit: "In Jogginghose, Schlabberpulli und mit Kitsch im Wohnzimmerregal empfiehlt man sich in Videokonferenzen nicht für den nächsten Karriereschritt - und zwar zu Recht."

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